DruckversionEinem Freund senden
11.03.2008 Amerikas

Realer Pragmatismus

Kommentar zum Ende der Krise in Südamerika. Von Harald Neuber (jW)

Santo Domingo. Natürlich herrscht nach der Beilegung der Krise in Südamerika Erleichterung. Eine weitere Eskalation des kriegsnahen Konfliktes zwischen Kolumbien und seinen Nachbarn wurde am vergangenen Wochenende auf dem Treffen der "Rio-Gruppe" in Santo Domingo abgewendet. Der Wandel kam so schnell, dass selbst anwesende Vertreter der lateinamerikanischen Mitgliedsstaaten perplex waren. Gerade noch hatten sich Kolumbiens Staatschef Alvaro Uribe und seine Amtskollegen aus Venezuela sowie Ecuador, Hugo Chávez und Rafael Correa, hart attackiert, als Gastgeber Leonel Fernández das Wort ergriff. Mit Verweis auf Mutter Teresa forderte er die Kontrahenten zur Umarmung auf - und sie folgten dem Appell. Soweit das politische Theater. Nun ein Blick auf die Realität.

Der eigentliche Erfolg vom Wochenende ist die Isolation der USA. Deutlich wird das, wenn man die Erklärung der Rio-Gruppe mit der Deklaration der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) vergleicht, die wenige Tage zuvor in Washington getagt hatte. Auch die US-dominierte OAS kam nicht umhin, den Einfall Kolumbiens in Ecuador zu verurteilen, mehr aber nicht. Die (rein lateinamerikanische) Rio-Gruppe reagierte entschiedener. Sie zeigte sich "tief besorgt" über den Vorstoß Kolumbiens nach Ecuador, bei dem Anfang des Monats unter anderem der Kommandant der FARC-Guerilla Raúl Reyes ermordet worden war. Die Rio-Gruppe erklärte ihre "entschiedene Ablehnung" der "Verletzung der territorialen Integrität Ecuadors".

Der diplomatische Erfolg von Ecuador und Venezuela besteht darin, die diplomatische Autorität Lateinamerikas gegen die neokoloniale Dominanz Washingtons gestärkt zu haben. Besonders Chávez folgte damit seiner Strategie, mehr Handlungsfreiheit für die neue Linke zu schaffen. Nach der erweiterten finanziellen Autonomie (durch die "Bank des Südens") und der politischen Autonomie (durch die "Bolivarische Alternative für Amerika") nimmt die Staatslinke nun diplomatisch das Heft in die Hand. Lateinamerika den Lateinamerikanern!

Dass sich Chávez Pragmatismus darin erschöpft, provozierte aber auch die Kritik derjenigen, die eine reale sozialistische Antwort auf die kriegerische Bedrohung Kolumbiens erwartet haben. Uribe - verantwortlich für Millionen Vertriebene und, vor allem auf der Linken, Zehntausende Ermordete - befand sich noch nie derart in der Defensive wie nach dem Überfall auf Ecuador. Nach der freiwilligen Rekonziliation Caracas und Quitos mit dem Aggressor bleibt deswegen nicht nur ein bitterer Nachgeschmack. Vor allem muss ein Trugschluss vermieden werden: Uribe ist in erster Linie kein Südamerikaner. Er ist in erster Linie ein Vertreter der kolumbianischen Oligarchie, die seit Jahrzehnten Krieg gegen den sozialen Widerstand führt, aus dem auch die Guerilla entstanden ist. Der letzte Angriff in diesem Feldzug galt den FARC. Die nächste Attacke kann jeden anderen Akteur treffen, der sich für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Region einsetzt. Staaten eingeschlossen.


Den Originaltext der Tageszeitung junge Welt finden Sie hier.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr