Kolumbien

Kolumbianisches Mediengewitter

Bogotá behauptet, die FARC-Guerilla habe Ecuadors Präsidenten finanziert und von Venezuela panzerbrechende Waffen erhalten

Bogotá. Venezuela hätte der linken Guerilla der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) schwedische Panzerabwehrfäuste AT4 verkauft, lautet die jüngste Anschuldigung der Regierung von Álvaro Uribe gegen sein Nachbarland. Damit spitzt sich die politische Lage zwischen Kolumbien und den ALBA-Staaten Venezuela und Ecuador weiter zu.

Auslöser für die neue Krise ist das kolumbianische Mediengewitter, das den Ausbau der US-Militärpräsenz im Land begleitet. Gleichzeitig läuft eine großangelegte Militäroperation gegen die FARC, die zum Ziel hat, den mutmaßlichen Militärchef der Guerrilla Jorge Briceño alias "Mono Jojoy" zu eliminieren. Mitte Juli ließ die Regierung von Álvaro Uribe den Medien ein angebliches FARC-Video zukommen, auf dem der FARC-Comandante von der finanziellen Untersüttzung spricht, die die Guerrilla Ecuadors Präsidenten Rafael Correa zukommen ließ. Quito dementierte, und auch der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), José Miguel Insulza, der das Video von Bogotá erhalten hatte, meldete Zweifel an. "Dem Video fehlt der Anfangsteil. Ich möchte, dass man mir das ganze Video gibt, damit ich mir ein Urteil bilden kann", sagte der OAS-Vorsitzende. Correa schoß seinerseits zurück, indem er Uribe vor einer militärischen Reaktion warnte, falls die Kolumbianer noch einmal ecuadorianisches Staatsgebiet überfallen sollten. Im März 2008 hatte Kolumbiens Armee mit US-Hilfe den FARC-Kommandeur Raúl Reyes in Ecuador aufgespürt und ermordet. Dabei will Bogotá in den Besitz mehrerer Laptops gekommen sein, die seitdem als Quelle für Belastungsmaterial gegen linke Politiker weltweit dienen. Der Wert der Informationen ist zweifelhaft. Mittlerweile hat auch die FARC jegliche Geldzahlungen an benachbarte Regierungen dementiert, berichtet der lateinamerikanische Fernsehsender teleSur unter Berufung auf ein Kommuniqué der Guerilla.

Am Montag informierte Kolumbiens neuer Verteidigungsminister, der Kaffeeproduzent Gabriel Silva Luján, die Öffentlichkeit, wonach man in einem FARC-Camp panzerbrechende Waffen des Typs AT4 gefunden haben will. Diese stammen mutmaßlich aus der schwedischen Rüstungsschmiede Saab Bofors und wurden "2008 an Venezuela verkauft", schreibt die rechtsgerichtete spanische Tagsezeitung ABC. Nachrichtenagenturen meldeten, dass Schwedens konservative Regierung von Venezuela eine Erklärung verlangt, wie die Waffen in die Hände der FARC gelangen konnten. Gleichzeitig versucht Stockholm, die Sache tief zu hängen, indem sich mit Jens Eriksson bisher nur ein Sprecher der staatlichen PR-Behörde Svesnka Institutet zu dem Vorfall äußerte und von Caracas eine Klarstellung forderte.

Zu den Ungereimtheiten zählt, dass Venezuelas Armee bereits in den 80er Jahren die von Saab weltweit verkaufte Waffe erwarb. Auch die USA und andere NATO-Mitglieder gehören zu Käufern. Dazu gesellen sich etliche lateinamerikanische Staaten wie Argentinien und Brasilien zum Beispiel. Des Weiteren stoppte der schwedische Rüstungskonzern zum 1. Oktober 2006 alle Waffenverkäufe an die Bolivarianische Republik von Präsident Hugo Chávez. Vorausgegangen war eine Intervention der US-Regierung, die im Mai desselben Jahres ein Waffenembargo gegen Caracas verhängt hatten. Saab musste US-Repressalien fürchten, weil in den AT4 auch Technologie "made in USA" verbaut ist. Dass sich zumindest eine dieser panzerbrechenden Waffen sogar in Venezuela im freien Umlauf befand, wurde am 25. September 2008 bekannt, als venezolanische Sicherheitsbehörden eine AT4 in Caracas sicherstellten. Sie sollte womöglich bei einem kurz zuvor vereitelten Anschlag gegen Chávez eingesetzt werden.

Die Entdeckung der angeblich venezolanischen Waffen bei der FARC erfolgt, kurz nachdem Chávez die Errichtung von fünf US-Basen in Kolumbien einen "unfreundlichen" Akt nannte und alle diplomatischen und handelspolitischen Kontakte einfror. Der Comandante versteht die Militarisierung des Nachbarlandes als einen Angriff der USA auf die Bolivarianische Allianz der Amerikas (ALBA).

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