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20.02.2010 Kuba

Vom Kasino in den Kommunismus

Was Kubas Freiheitsheld José Martí zum Tourismus sagte und wie sich der Fremdenverkehr vor und nach der Revolution unterscheidet
Vom Kasino in den Kommunismus

Publikationen zum Tourismus in Kuba

Havanna. Sie sind vereinzelt zu sehen, drängen aber zunehmend auch auf die Internationale Buchmesse Havannas: Touristen. In Pärchen, Shorts und Kamera fallen sie unter den in- und ausländischen Gästen der Literaturschau auf und mischen sich doch unter das Publikum. Die Buchmesse dürfte das Kuba-Bild mancher Urlauber gehörig durcheinanderbringen: Statt Rum und Rumba gibt es Kunst und Kultur. Und das findet Anklang: Mehrere hunderttausend Menschen haben nach Angaben der Veranstalter seit Beginn der Messe am 10. Februar den Weg auf die mittelalterliche Festungsanlage gefunden.

Am Donnerstag spielte der Tourismus auf der Buchmesse auch inhaltlich eine Rolle: Gleich zwei Neuerscheinungen befassten sich mit der Geschichte der Urlaubsindustrie. Der Tourismusdozent Eduardo Puente Fernández stellte mit dem Band "Martí y el Crucero del Mundo" eine kommentierte Sammlung von 377 Zitaten des Befreiungskämpfers zum Tourismus vor. Die Historikerin Mercedes Rodríguez Domínguez präsentierte ihre Studie "Turismo y república" zu der Geschichte des Fremdenverkehrs bis zum revolutionären Umbruch 1959.

José Martí selbst war als Befreiungskämpfer in der Welt herumgekommen. 16 Länder habe er bis zu seinem Tod 1895 besucht, erklärte Puente Fernández. Wenig erstaunlich also, dass der kubanische Nationalheld bereits 1882 über die erste Reiseagentur der rapide wachsenden US-Metropole New York schrieb. Gut sei es, so Martí, "Kanäle zu öffnen, Schulen zu begründen, Dampfschifflinien zu erschließen, sich der Zeit anzupassen und sich zur Vorhut des menschlichen Fortschritts zu gesellen". Der Tourismus diene in erster Linie dem Abbau von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit. In der neuen Reisefreiheit durch den technischen Fortschritt sah Martí einen gesellschaftlichen Gewinn. Er selbst konnte die Erschließung der Welt nur noch in den Anfängen erleben: Martí fiel im Alter von 42 Jahren im Kampf gegen die spanischen Kolonialbesatzer.

Die negativen Entwicklungen blieben ihm damit erspart. Im 20. Jahrhundert, spätestens aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tourismusindustrie weltweit neu gegründet, schreibt die Autorin Rodríguez Domínguez. Zu den Attraktionen von Havanna zählten bald "die Kasinos, Nachtclubs, Kabaretts". Kubas Nationalbank wies den der Glücksspielindustrie 1958 eine wichtige Rolle zu. Rodríguez Domínguez sieht darin eine historische Kontinuität: Schon nach dem Volstead-Gesetz, mit dem Jahr 1919 in den USA Import, Herstellung, Verkauf und Konsum von Alkohol verboten wurde. "Havanna bot den US-Amerikanern damals eine Auszeit - nicht nur von der Arbeit, sondern auch von dem strikten Prohibitionsgesetz". 1956 dann - drei Jahre vor der Revolution - stellte die US-Zeitschrift "Quincenal" fest, wie Glücksspiel und Cocktailtourismus die Diktatur von Fulgencio Batista stütze. Es war der Klimax der Mafia-Herrschaft in Havanna: Allein in der Hauptstadt existierten zwölf Spielkasinos. Nach der Revolution wurden sie verboten.

In ihrer Arbeit geht die Autorin aber auch auf die positiven Effekte des Fremdenverkehrs für Kuba ein - und das schon in den frühsten Jahren: 1819 wurde zum Transport der Inselbesucher eine Dampfschifflinie zwischen Havanna und Matanzas gegründet, 1855 wurde ein Unterseekabel mit der Insel Cayo Hueso verlegt. Es folgten das Telefonnetz 1881 und die Straßenbeleuchtung 1890. Auch der Tourismus aus den USA habe von Beginn an "die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Verbesserung für die Bevölkerung" geschaffen. Rodríguez Domínguez zitiert aber auch den Autoren Héctor Ayala Castro, der 2002 in einer Studie zu dem Thema feststellte, "dass die Einkünfte des Tourismus nicht dem Land zugute kamen, sondern in die Taschen der US-Amerikaner, skrupelloser Politiker und des lokalen Großbürgertums flossen".

Mit der Revolution wurde dieser Tourismus unterbrochen. Fidel Castro ließ nicht nur die Kasinos schließen und vertrieb die Mafia in die USA. Durch die wirtschaftliche Kooperation mit den sozialistischen Staaten ab den 1960er Jahren verlor auch der Fremdenverkehr an Bedeutung. Das änderte sich nach der Auflösung des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe" Anfang der 1990er Jahre. Über Nacht wurde die Tourismusindustrie wieder belebt. Havanna, proklamierte der Stadthistoriker Eusebio Leal Spengler, sei schließlich "ein wahrhaft touristisches Produkt".

Auch wenn der heutige Tourismus in Kuba an die alte Infrastruktur anknüpft, gibt es bedeutsame Unterschiede: Zum einen verwendet die revolutionäre Regierung die Einkünfte aus dem Fremdenverkehr zur Finanzierung der Sozialsysteme. Zum anderen wird die Tourismusindustrie - trotz negativer Begleiterscheinungen - ausgewogener ausgebaut und nicht nur in den wohlhabenden Stadtteilen konzentriert. Der Fremdenverkehr in Kuba diene heute, so die Autoren, der Entwicklung des Landes und dem kulturellen Austausch. So wie es José Martí angestrebt hat.

Amerika21.de berichtet in lockerer Folge von der Buchmesse in Havanna. Weitere Berichte und Informationen finden sich auf der Seite von Cuba Sí.


Bildquelle: Harald Neuber

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