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12.02.2010 Kuba / Russland / Kultur

Politik mit Büchern

Die Internationale Buchmesse in Havanna hat begonnen. Russland ist Ehrengast
Politik mit Büchern

Kubas Staats- und Regierungschef Raúl Castro. Hinter ihm der russische Außenminister Sergei Lawrow.

Havanna. Schon Tage vor Beginn der Buchmesse spekulierte man in Havanna: Von wem wird die internationale Literaturschau in diesem Jahr eröffnet? Am Donnerstagabend lüftete sich das Geheimnis. Staats- und Regierungschef Raúl Castro persönlich kam auf die Fortaleza de San Carlos de la Cabaña, eine seit 1774 bestehende Festungsanlage über dem Hafen von Havanna. Anwesend waren auch lateinamerikanische Diplomaten sowie Politiker - und der russische Außenminister Sergei Lawrow. Die Russische Föderation ist bei dieser 19. Internationalen Buchmesse Gaststaat. Bei der Eröffnungszeremonie am Donnerstag wurde deutlich, dass es um mehr geht als kulturellen Austausch: Beide Länder sehen sich nach Jahren der Distanzierung Moskaus wieder als strategische Partner.

"Russland", sagte der kubanische Schriftsteller und Ethnologe Miguel Barnet im Gespräch mit amerika21.de, "ist zugleich die Seele der Weltliteratur." Jeder sollte Fjodor Dostojewski ebenso lesen wie Thomas Mann und die Literatur der spanischen Epoche des Siglo de Oro. "Auch der reichen Kultur wegen ist es wichtig, dass wir die Verbindungen zu Ländern wie Russland und der Ukraine wieder etablieren", so Barnet in einem Gespräch am Rande der Eröffnung. Für Kuba sei die Buchmesse neben dem jährlich in Havanna stattfindenden Kinofestival das zweite zentrale Kulturereignis: "Nicht nur für Literaten, sondern auch für Politologen, Historiker und Sozialwissenschaftler."

Das Programm gibt Barnet Recht. Hunderte Veranstaltungen finden auch in diesem Jahr wieder in den Steinsälen der spätmittelalterlichen Festungsanlage über der Bucht von Havanna statt. Natürlich spielt das Gastland dabei eine zentrale Rolle. Die kulturellen Bande zwischen der russischen und der kubanischen Literatur seien so eng, dass man sich auf keinen einzelnen Namen festlegen könne, schreibt der Essayist Victor Fowler in der Literaturbeilage "El Tintero" der Tageszeitung Juventud Rebelde. Über Jahrzehnte hinweg hätte sowjetische Literatur die Buchhandlungen und Bibliotheken des karibischen Landes gefüllt. Für Fowler ist das ein Gewinn: "Vor 1959 war uns kaum etwas von diesem Land der großen Literaten bekannt." Zu ihnen zählt Fowler in seinem Leitartikel auch Alexander Solschenizyn.

Die Bewertung der politischen Aktualität kam Sergei Lawrow zu. Kuba und Russland trennten zwar tausende Kilometer, konstatierte Moskaus Chefdiplomat vor hunderten Ehrengästen. "Aber in Kuba wissen wir lange und ehrliche Freunde." So werde man im Mai gemeinsam des Sieges über den Faschismus vor 65 Jahren gedenken. Mit Kuba habe er im Rahmen seines Besuches in Havanna mehrere Kooperationsabkommen unterzeichnet, sagte Lawrow, der die Beziehungen zwischen Moskau und Havanna positiv bewertet: "Unser beider Länder pflegen die Ideen von sozialer Gerechtigkeit und Solidarität." Die Rede des Außenministers sollte vor allem eines verdeutlichen: Das heutige Russland sucht die Kontakte zum linken Lateinamerika, um den Multilateralismus zu fördern.

Mehrfach bekräftigte Lawrow die Rolle der Vereinten Nationen. Seine Rede betteten die Organisatoren in zwei Konzertbeiträge russischer Komponisten ein. Unter dem Abendhimmel Havannas spielte das Jugendorchester des Theaters Amaldeo Roldán die Festouvertüre Opus 96 von Dmitri Schostakowitsch und die Ouvertüre 1812 Tschaikowskis - eine Vertonung des russichen Sieges in den napoleonischen Kriegen. Auch hier besteht Verbindung zur Literatur: Das Konzertwerk wird in Tolstois Epos Krieg und Frieden beschrieben.

So ist schon zu Beginn der 19. Internationalen Buchmesse von Havanna die politische Bedeutung der Veranstaltung offensichtlich. Das gilt für die internationalen Kontakte ebenso wie für die innerkubanische Debatte. Dutzende Podiumsdiskussionen werden sich bis zum 21. Februar mit den Entwicklungen der revolutionären Kulturpolitik auseinandersetzen. Den Auftakt machte am Donnerstag der kubanische Literat Reynaldo González, der in diesem Jahr neben der Soziologin María del Carmen Barcia Ehrengast der Buchmesse ist. Er widme den Preis seinem Freund José Lezama Lima "für seine Würde und seinen kulturellen Widerstand". Der Poet galt in Kuba trotz der prägenden Rolle seiner Arbeit am Ende seines Schaffens als Außenseiter, sein Werk "Paradiso" wurde wegen der Szenen über Homosexualität tabuisiert. Heute ist Lezama Lima im Zentrum Havannas ein Museum gewidmet.

Der Umgang mit dieser Vergangenheit der revolutionären Kulturpolitik zählt heute ebenso zur Normalität Kubas wie die Debatten über die zukünftige Entwicklung. Diese Reflexion beschränkt sich nicht nur auf die Buchmesse. Sie wird auch nach dem 21. Februar ihre Fortsetzung finden.

Auch die deutsche Solidaritätsorganisation Cuba Sí ist auf der 19. Internationalen Buchmesse gemeinsam mit der kubanischen Partnerorganisation ACPA vertreten. Die Solidaritätsorganisation nimmt zudem an dem Stand des "Berliner Büro Buchmesse Havanna" teil. Vertreten ist auch die Frankfurter Messe als offizielle Repräsentanz der deutschen Bundesregierung.

Amerika21.de berichtet in lockerer Folge von der Buchmesse in Havanna. Weitere Berichte und Informationen finden sich auf der Seite von Cuba Sí.


Bildquelle: Harald Neuber

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