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Gewerkschafter aus Kolumbien bringt Ölmulti BP vor Gericht

Kläger war 2002 von Paramilitärs entführt und misshandelt worden. Was wusste der Erdölmulti von der Tat? Urteil könnte den Weg für ähnliche Fälle ebnen
Gilberto Edgar Torres floh aufgrund der anhaltenden Bedrohungen für sein Leben mit seiner Familie nach Spanien

Gilberto Edgar Torres floh aufgrund der anhaltenden Bedrohungen für sein Leben mit seiner Familie nach Spanien

London. Am heutigen Freitag beginnt in Großbritannien ein Prozess gegen den britischen Energiekonzern BP wegen mutmaßlicher Verwicklung in die Entführung und Folterung eines Gewerkschaftsführers in Kolumbien. Der ehemalige Aktivist der kolumbianischen Erdölarbeitergewerkschaft USO, Gilberto Edgar Torres, hatte das Unternehmen vor einem Gericht in London auf Schadenersatz verklagt (amerika21 berichtete).

Torres war im Februar 2002 in Casanare im Osten Kolumbiens von Paramilitärs entführt und gefoltert worden. Nach 42 Tagen wurde er aufgrund von starkem internationalen Druck und einem wochenlangen Streik der USO freigelassen. Torres klagt gegen BP wegen Komplizenschaft bei diesem Verbrechen. Nach Auskunft seiner Anwälte ist dies das erste Mal, dass ein Gewerkschafter einen Öl-Multi wegen Menschenrechtsverletzungen vor das Oberste Gericht bringt. Der Fall könnte den Weg frei machen für ähnliche Klagen.

Der Gewerkschaftsführer war entführt worden, kurz nachdem er einen Streik organisiert hatte, mit dem Arbeiter gegen den Mord an einem USO-Aktivisten protestierten. In den Tagen zuvor war er mehrmals bedroht worden. In einem Dokumentarfilm der britischen Tageszeitung "The Guardian" berichtet Torres über die Entführung, tagelange Verhöre und Folter auch von Mitgefangenen. Er sollte zugeben, dass er einer linksgerichteten Guerillabewegung angehöre.

Torres vertrat in der USO 400 Arbeiter der Ocensa-Pipeline, über die Rohöl vom Departamento Casanare zum Karibischen Meer transportiert wird. Ocensa wird von BP und vier weiteren multinationalen Konzernen sowie der kolumbianischen Ecopetrol betrieben. BP war seinerzeit der größte Produzent in der Region. Die Paramilitärs, die in Bogotá später wegen der Entführung von Torres angeklagt waren, sagten vor Gericht aus, Ocensa habe seine Ermordung in Auftrag gegeben und dafür bezahlt. Diese Aussagen werden in dem Guardian-Dokumentarfilm erstmals öffentlich bekannt gemacht.

Wie die Menschenrechtsorganisation International Rights Advocates bereits vor Jahren berichtete, finanzierte die britische BP um ihre Ölgeschäfte zu schützen mit Millionen US-Dollar jahrelang die 16. Brigade der kolumbianischen Streitkräfte, die speziell mit dem Schutz der Erdöl-Anlagen beauftragt und für ihre Zusammenarbeit mit Paramilitärs bekannt war. Laut dem Guardian haben Recherchen von Journalisten ergeben, dass BP beispielsweise im Jahr 1995 einen Drei-Jahres-Kooperationsvertrag mit dem kolumbianischen Verteidigungsministerium abgeschlossen hatte, bei dem es um Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen in Höhe von 11,6 Millionen US-Dollar ging, zu denen BP 2,2 Millionen beisteuerte. Ein Großteil dieses Geldes sei an die 16. Brigade gegangen.

Sue Willman, Anwältin der Kanzlei Deighton Pierce Glynn aus London, die Torres vertritt, betonte, BP werde nicht beschuldigt, direkt an der Entführung beteiligt gewesen zu sein. Der Konzern habe es jedoch versäumt, die Aktivitäten der Paramilitärs zu stoppen. Amnesty International habe BP mehrfach auf die Morde und das Verschwindenlassen von Gewerkschaftern in Casanare hingewiesen, aber das Unternehmen habe keine wirksamen Maßnahmen dagegen ergriffen, so Willman.

BP weist indes jegliche Verantwortung zurück und hat angekündigt, sich gegen den Schadenersatzanspruch von Torres "entschieden zu verteidigen".

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wurden in der Erdölregion Casanare in den vergangenen 30 Jahren 3.000 Gewerkschaftsaktivisten ermordet, 6.000 weitere verschwanden spurlos.

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