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15.12.2016 Brasilien / Politik / Umwelt

Rasante Abholzung in Brasilien

Waldrodung ist im Vergleich zum Vorjahr um 29 Prozent angestiegen. Umweltschützer befürchten langfristige ökologische Folgen durch Agrarpolitik des De-facto-Präsidenten Temer
Amazonas-Regenwald bei Manaos im Nordwesten von Brasilien

Amazonas-Regenwald bei Manaos im Nordwesten von Brasilien

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Brasília. Der Waldverlust in Brasilien ist im vergangenen Jahr sprunghaft angestiegen und erreichte mit fast 8.000 gerodeten Quadratkilometern – was dreimal der Fläche des Saarlands entspricht – fast den Negativrekord von 2008.

Obwohl das größte Land Südamerikas laut seinen freiwilligen Klimazielen bis 2030 die Treibhausgase um über 40 Prozent senken will, weist die aktuelle Tendenz in die entgegengesetzte Richtung: Im letzten Jahr stiegen die Emissionen um gut drei Prozent, was angesichts der Wirtschaftskrise vor allem auf die zunehmende Entwaldung zurückgeführt wird. Auch im mexikanischen Cancún, wo am 4. Dezember die 13. UN-Konferenz zu biologischer Vielfalt begann, dürfte das brasilianische Beispiel für schlechte Stimmung sorgen. Denn trotz ständiger Beteuerungen werden Urwald und Artenvielfalt wieder weniger geschützt.

Das Nationale Institut für Weltraumforschung INPE (Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais) informierte am 29. November, dass der Waldverlust im Amazonasgebiet zwischen August 2015 und Juli 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 29 Prozent angestiegen sei. Die Umweltorganisation WWF sprach vom einer "gefährlichen Trendwende". Umweltschützer befürchten, dass der diesjährige Amtsantritt des konservativen Präsidenten Michel Temer und das Erstarken der Agrarlobby im Parlament langfristige ökologische Auswirkungen haben. "Angesichts der politischen Lage in Brasilien könnte die neue Statistik nur ein Vorzeichen für weit größere Zerstörungen sein", erklärte Christoph Heinrich vom WWF Deutschland.

Nicht erst seit dem Machtwechsel wird die Umweltpolitik Brasiliens hinterfragt. Temers Vorgängerin Dilma Rousseff trieb große Infrastrukturprojekte zur Erschließung des Amazonasgebiets voran und zeigte wenig Interesse, Schutzgebiete für Indigene zu demarkieren. Strittige Klimaschutzinstrumente wie der Kohlenstoffhandel im Rahmen von REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation), bei dem Waldschutz in Ländern des Süden durch Industriestaaten finanziell unterstützt oder mittels Handel von Emissionsrechten gefördert wird, sind bei Regierungen aber auch bei vielen lokalen Nichtregierungsorganisationen sehr beliebt.

Das Für und Wider solcher Klimamaßnahmen trifft derzeit im nordbrasilianischen Bundesstaat Acre aufeinander. Mit vielen Millionen Euro unterstützt die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) seit Anfang 2013 ein Projekt der Landesregierung, das durch die Schaffung neuer Einkommensquellen die Emissionen durch Entwaldung reduzieren soll. Für Karl-Heinz Stecher von der KfW handelt es sich hierbei um ein transparentes Vorhaben, das Kleinbauernfamilien, Kautschukzapfer und Indigene dabei unterstützt, nachhaltig zu wirtschaften.

Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen wie Urgewald sehen dies anders. Es gebe zahlreiche Mängel bei der Umsetzung sowie in der Methode, so dass es nicht möglich sei, von einer gelungenen Maßnahme für Klimaschutz zu sprechen, kritisiert die Waldexpertin Jutta Kill. "Viele Maßnahmen zur Schaffung alternativer Einnahmequellen sind schlecht geplant und damit wirkungslos. Viele neu angelegte Fischteiche sind zum Beispiel ausgetrocknet. Und die eigentlich gute Idee, Palmen der beliebten Açaí-Frucht anzubauen, scheitert an fehlender Verarbeitung und Vermarktung", sagt die Biologin, die zuletzt im August Acre besuchte und zu den Wirkungen des mit deutschen Geldern finanzierten Pilotprogramms recherchierte.

Außerdem moniert Kill, dass viele Ursachen der Waldzerstörung nicht in das Programm aufgenommen wurden, während andererseits Gelder für Dinge ausgegeben werden, die nichts mit Waldschutz zu tun haben. "Sowohl von Seiten der KfW wie der Regierung von Acre fehlt es an Transparenz. Bei einem Vorzeigeprojekt muss auch eine Evaluierung von außen ermöglicht werden", unterstrich Kill. Fragwürdig sei zudem die Berechnung der angeblichen Emissionseinsparung. Der Vergleichszeitraum 2001-2010 enthält die Spitzenjahre der Waldvernichtung durch Viehzucht und Holzeinschlag. "Da in ganz Brasilien danach die Abholzung erst einmal zurückging, kann nicht gesagt werden, dass es just dieses Programm war, dass zu weniger Treibhausgas-Ausstoß geführt hat."

Den jüngsten Zahlen von INPE zufolge ist Acre nach dem Staat Amazonas die Region, die bei der Zunahme der Abholzung am schlechtesten abschnitt: Dort ist die Waldzerstörung im Vergleich zum Vorjahr um 47 Prozent angestiegen.

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