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07.11.2017 Guatemala / Medien

Facebook-Experiment bedroht unabhängigen Journalismus in Guatemala

Logo des unabhängigen Nachrichtenportals Soy502 in Guatemala

Logo des unabhängigen Nachrichtenportals Soy502 in Guatemala

Quelle: soy502.com

Guatemala-Stadt. Im Rahmen eines Versuchs in Guatemala, Bolivien und vier weiteren Staaten anderer Kontinente zeigt Facebook die News von gelikten Seiten nicht mehr in der gleichen Timeline an wie Postings von Familie und Freunden. Mit dem Test will der Internetkonzern herausfinden, wie die Trennung der Timeline bei den Nutzern ankommt. Das Beispiel eines unabhängigen Nachrichtenportals in Guatemala zeigt, dass die neue Methode massive Nachteile für die journalistische Arbeit kleinerer Anbieter haben kann.

Seit dem 19. Oktober zeigt Facebook seinen Nutzern aus Sri Lanka, Bolivien, Kambodscha, Serbien, der Slowakei und Guatemala ‒ wo rund ein Prozent der Weltbevölkerung lebt ‒ in der Haupt-Timeline nur noch News von Familie, Freunden und bezahlte Postings an. Die Beiträge von gelikten Seiten oder von Nachrichtenagenturen werden in einer separaten Timeline angezeigt, die sich "Explore" nennt. Nutzer müssen sie extra anklicken um die Postings sehen zu können.

Facebook ist eine wichtige Plattform für verschiedene Medien und die Änderung wirkt sich auf alle Nachrichtenkonzerne aus. Jedoch sind die negativen Folgen vor allem für kleine Medien, Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen zu spüren. Denn nur wer nach der neuen Strukturierung Geld investiert, erscheint weiterhin in der Haupt-Timeline der Nutzer. Kleinere Organisationen haben jedoch kaum finanzielle Mittel, für das Anzeigen ihrer Beiträge zu bezahlen – und drohen noch weiter ins Hintertreffen zu geraten.

In Guatemala zeigt sich dies am Beispiel des unabhängigen Medienunternehmens Soy502. Nach Angaben von Dina Fernández, Journalistin Redaktionsmitglied, hat Soy502 seit der Änderung 66 Prozent der üblichen Reichweite eingebüßt. Für sie ist es außerdem undurchschaubar, wie die Postings auf der "Explore"-Timeline angezeigt werden. Vorher sei der Algorithmus noch nachvollziehbar gewesen, aber jetzt sei es unmöglich, vorauszusagen, welche Posts angezeigt werden. Fernández sorgt sich um ihr Nachrichtenportal. Es komme vermutlich nur dann ohne Schaden davon, wenn die Änderungen schnell rückgängig gemacht werden. Dauert der Test noch länger an, könne es gut sein, dass sie ihre Arbeit einstellen muss.

In Guatemala haben Bürgerinitiativen und unabhängige Journalisten ohnehin schon einen schweren Stand. Wie aus dem Jahresbericht 2017 von Amnesty International hervorgeht, werden vor allem Medien, die sich für Umweltschutz und Rechte von Indigenen einsetzen, immer wieder bedroht oder diffamiert. Durch die fehlenden Eintrittsbarrieren bietet Facebook auch kleineren Akteuren die Möglichkeit, im politischen Diskurs mitzumischen. Die Änderung wird daher als Bedrohung dieser Arbeit angesehen. Facebook selbst sagt, es gebe im Moment keine Pläne, das Experiment fortzuführen. Komme die Trennung jedoch bei den Nutzern gut an, werde die Idee weiterverfolgt.

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