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Peru: Geschichte des bewaffneten Konfliktes soll umgeschrieben werden

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Angehörige von Opfern des Massakers von La Cantuta. Ein Dozent und neun Studierende wurden am 18. Juli 1992 vom Militär entführt und sind seitdem verschwunden
Angehörige von Opfern des Massakers von La Cantuta. Ein Dozent und neun Studierende wurden am 18. Juli 1992 vom Militär entführt und sind seitdem verschwunden

Lima.In Peru stehen drei Gesetzesentwürfe zur schulischen Aufarbeitung des bewaffneten Konfliktes (1980-2000) kurz vor der Verabschiedung durch den Kongress. Sie sehen eine veränderte Darstellung des Konfliktes und seiner Akteure in Schulbüchern vor, insbesondere die Rolle der Regierung unter Ex-Präsident (1990-2000) Alberto Fujimori betreffend. Kritiker weisen darauf hin, dass die Verabschiedung der Gesetze zu einer einseitigen Umschreibung der Geschichte führe.

Initiiert wurde das Projekt durch die Abgeordneten Paloma Noceda und Marco Miyashiro der rechtskonservativen Partei Fuerza Popular (FP) und Javier Velásquez Quesquén der sozialdemokratischen APRA. Es solle "Fehler, Falschdarstellungen und Auslassungen in aktuellen Schultexten" korrigieren. "Wir wollen objektiv sein und möchten, dass junge Menschen die Geschichte des Terrorismus kennen", betonte Noceda. Diese würde derzeit nur oberflächlich behandelt und müsse zum nationalen Interesse erklärt werden. Noceda verweist auf die "Erfolge" des peruanischen Militärs und der damaligen Regierung unter Fujimori im Friedensprozess, die nicht thematisiert würden, ohne näher auszuführen, worin diese bestanden.

Da die FP unter der Führung von Albertos Tochter Keiko Fujimori derzeit die Mehrheit der Abgeordneten im Kongress stellt, gilt eine Verabschiedung als wahrscheinlich.

Derweil sorgen die Entwürfe für heftige Kritik. Der Historiker und Mitglied des Nationalen Bildungsrates (Consejo Nacional de Educación), Manuel Burga, weist darauf hin, dass die FP-Abgeordneten die Rolle des Fujimorismus rehabilitieren wollten. "Was wir hier sehen, ist kein Disput, um sich der wirklichen Geschichte anzunähern, sondern vielmehr einer, damit die politisch stärkste Kraft im Kongress ihre Version der Geschichte durchsetzt". So sei eine einseitige Fokussierung auf die Taten der maoistischen Guerillaorganisation Sendero Luminoso vorgesehen, während Menschenrechtsverbrechen durch die Regierung Fujimori nicht mehr thematisiert würden. Dies betrifft unter anderem die staatlich angeordneten Massaker, die Soldaten in Barrios Altos und La Cantuta begangen hatten und für die Fujimori wegen Verbrechen gegen die Menschheit zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Seit seiner Begnadigung durch den damaligen Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski, gegen den auch mittlerweile wegen Korruptionsverdacht ermittelt wird, am 24. Dezember 2017 befindet er sich allerdings wieder auf freiem Fuß.

Im November 2017 wurde vom Bildungsministerium eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel eingerichtet, die Überarbeitung des schulischen Umgangs mit der Zeit des bewaffneten Konflikts zu planen. Daran nahmen unter anderem ehemalige hochrangige Vertreter der Fujimori-Regierung sowie der damalige Oberbefehlshaber der peruanischen Armee teil.

Zwar betonte Noceda, dass das Bildungsministerium für die Endfassung der Schulbücher zuständig sei und die FP-Abgeordneten diese keinesfalls vorschreiben wollten. Der politische Vorstoß der FP und die einseitige Besetzung der Arbeitsgruppe mit Akteuren, die unmittelbar in die bewaffneten Auseinandersetzungen involviert waren, zeichne jedoch ein anderes Bild: "Die Abgeordneten dürfen keine schulische Ausbildungsinhalte anordnen, das ist nicht ihre Aufgabe. Man braucht dafür Bürger mit einer sauberen Erinnerung, die die Vergangenheit verstehen und sich ohne Ressentiments an der Zukunft orientieren", erklärte Burga. Schulische Inhalte müssten von Lehrern, Historikern und anderen Spezialisten erarbeitet werden und dürften nicht politisch vorgegeben sein, so der Historiker weiter.

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