Belém/Brasília. Als Reaktion auf die Rekordzahl von Bränden im Norden Brasiliens hat der Gouverneur des Amazonas-Bundestaates Pará, Helder Barbalho, für 180 Tage den Notstand ausgerufen und landesweit den Gebrauch von jedwedem Feuer, auch im Haushalt, verboten. Sie sei eine "harte, aber notwendige Maßnahme".
Im Juli wurden in Pará laut Barbalho rund 3.300 Wald- und Buschbrände registriert. Im August waren es rund 6.600, 40 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. "Die dramatische Situation muss eingedämmt werden, um Leben und Natur zu schützen", so der Gouverneur.
Nach Daten des Nationalen Instituts für Weltraumforschung verzeichnete Pará seit Jahresbeginn knapp 15.000 Brände, nur im Bundesstaat Mato Grosso kam es mit rund 21.500 zu noch mehr Feuerherden.
Im gesamten Amazonasgebiet waren es bis Ende August rund 59.000 Brände, ein Anstieg von rund 77 Prozent zum Vorjahr. In der immer trockener werdenden Sumpflandschaft des Pantanal wurden 2024 bisher rund 8.500 Brände identifiziert, allein im August rund 3.800.
Pará ist mit 1,246 Millionen Quadratkilometern (mehr als etwa Südafrika) der flächenmäßig zweitgrößte Bundesstaat Brasiliens, Mato Grosso mit 903.000 der drittgrößte. In beiden ist die starke Expansion von Viehwirtschaft, Mais- und Sojaanbau die Hauptursache für die Abholzung des Regenwalds.
Indes hat das Oberste Bundesgericht die Bundesregierung aufgefordert, in den nächsten 15 Tagen mit Bundespolizei, Bundesstraßenpolizei, Streitkräften und Umweltbehörde Ibama "präventiv und repressiv" gegen die Brände im Amazonas und Pantanal vorzugehen. Der Beschluss, der für die damit verbundenen Kosten auch die Aufnahme zusätzlicher Kredite erlaubt, erfolgte auf Antrag der ökologisch orientierten Partei "Rede Sustentabilidade".
Die am Wochenende im Landesinneren des Bundesstaats São Paulo wütenden Brände konnten nach Angaben des staatlichen Zivilschutzes inzwischen gelöscht werden. Gouverneur Tarcísio de Freitas teilte mit, dass am Montag die letzten sechs Brandherde eliminiert wurden, wobei auch einsetzender Regen half.
Zuvor kam es im Bundesstaat an nur drei Tagen zu mehr als 2.300 Bränden, mehr als siebenmal so viele wie im August 2023 und die seit 1998 größte Anzahl. Laut Zivilschutz mussten mehr als 800 Bewohner:innen ihre Häuser verlassen, 66 wurden verletzt, zwei starben.
Filmaufnahmen von Anwohner:innen zeigten einen von dichten Rauchschichten bedeckten Himmel. Am Sonntag zog der Rauchteppich über Hunderte Kilometer weiter in angrenzende Regionen des Mittleren Westens und verdunkelte auch den Himmel über der Hauptstadt Brasília.
Insgesamt verbrannten im Bundesstaat laut Krisenbüro rund 35.000 Hektar Land. São Paulo ist mit 42 Millionen Einwohner:innen, von denen knapp die Hälfte in der gleichnamigen Metropole leben, der bevölkerungsreichste Gliedstaat Brasiliens.
In 48 Städten und Gemeinden vornehmlich in dem vom Agrobusiness geprägten Norden des Bundesstaats, hatte die Landesregierung am Freitagabend den Notstand ausgerufen, so in den Großstädten Riberão Preto und São José do Rio Preto. Er gilt 180 Tage.
Der Brand wurde gemeinsam von Einheiten der Landes- und Bundesregierung bekämpft, die Bundesarmee stellte vier Spezialflugzeuge zur Verfügung. Rund 15.000 haupt- und ehrenamtliche Feuerwehrleute waren im Einsatz, zwei von ihnen starben.
Nach Einschätzung des Gouverneurs und von Umwelt-Expert:innen waren drei Hauptfaktoren für die schnelle Ausbreitung der Feuer verantwortlich: Dürre und große Trockenheit, hohe Temperaturen und starke Winde. "Eine explosive Kombination von Faktoren", so de Freitas. Er schätzte die entstandenen Schäden auf mehr als eine Milliarde Reais (rund 165 Millionen Euro).
Nach Aussagen des rechtsgerichteten Gouverneurs war auch Brandstiftung am Werk. Die Polizei ermittelt und nahm bisher sechs Tatverdächtige fest.
Zuvor hatte die Bundesministerin für Umwelt und Klimawandel, Marina Silva, erklärt, dass die Brände in São Paulo untypisch seien und untersucht werden müssten.
Auch die Umweltbehörde Ibama forderte die Bundespolizei auf, mutmaßliche kriminelle Handlungen herauszufinden. "Fast jedes Feuer in Brasilien ist kriminell", sagte Ibama-Direktor Rodrigo Agostinho. In São Paulo bestehe "der Verdacht, dass es organisiert war, da die Ausbrüche praktisch gleichzeitig stattfanden".
Silva wies darauf hin, dass auch die Menschen im Amazonasgebiet, im Pantanal und in der Cerrado-Region des Mittleren Westens von Trockenheit und Brandgefahr bedroht sind. Sie brachte die Brände mit den Auswirkungen des Klimawandels in Verbindung, der extremere Dürreperioden und hohe Temperaturen verursache. "Die Versäumnisse von mehr als 30 Jahren lassen uns einen hohen Preis zahlen. Der Klimawandel ist bereits Realität", so die Ministerin.



