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20.06.2015 Kolumbien / Kultur / Politik

Kolumbien in den Augen eines Künstlers – Graffiti in Bogotá

Bogotás Graffiti-Szene ist eine der aktivsten der Welt. In der kolumbianischen Hauptstadt gibt es kaum eine Wand, die keine Botschaft trägt
"Wo ist die Meinungsfreiheit geblieben" – Sternfahrt für Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange

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Quelle: Derk Hoberg

Kolumbiens Hauptstadt Bogotá ist wie das ganze Land voller spannender Gegensätze. Freundlich und rau, wird man doch herzlich empfangen und gleichzeitig von der Hektik der Stadt beinahe überrollt. Bogotá ist reich und arm zugleich. Hier befinden sich die Hochhäuser der Banken, Fluggesellschaften und Versicherungen des Landes. Am Fuße dieser gläsernen Türme versuchen die ärmeren Bevölkerungsschichten, mit ihren Bauchläden wenigstens ein paar Pesos zu verdienen. Hier wachsen Palmen auf einer Höhe von 2.600 Metern und Kolibris tummeln sich rund um die Blüten am dicht bewaldeten Hausberg der Stadt, dem Monserrate. Auf den Straßen von Kolumbiens Hauptstadt kann man sich immer wieder an typischen Latino-Rhythmen erfreuen, andererseits sorgen auch unzählige Lastwagen und Kleinbusse für ohrenbetäubenden Lärm und einen CO²-Ausstoß, der einem in der dünnen Höhenluft zusätzlich den Atem raubt. Entlang dieser Straßen ist Bogotá jedoch bunt. Dafür sorgen die zahlreichen Street Art-Künstler die hier ansässig und inzwischen auch geduldet sind. Sie gestalten facettenreich Wände und Mauern in der historischen Altstadt, genau wie in den Außenbezirken der Acht-Millionen-Metropole. In ihren Bildern thematisieren sie, was Anlass zur Hoffnung gibt. Vor allem aber prangern sie an, was im Bogotá von damals und heute schief läuft – und bessern nebenbei sogar mal einen Polizeiwagen aus.

Wie ein Bilderbuch der Geschichte Kolumbiens

Doch nicht nur die Hauptstadt selbst bietet den Graffiti-Künstlern genug Stoff für ihre Motive. Der 50 Jahre währende Bürgerkrieg, die Folgen der früheren Macht der Drogenkartelle, die soziale Ungerechtigkeit werden ebenfalls farbenfroh thematisiert. Einer der Künstler, der die Finger in diese immer noch offenen Wunden des Landes legen möchte, ist Lesivo, den wir in seinem Atelier in Bogotá trafen, um über das Kolumbien von heute zu sprechen. Schon sein Name deutet auf sein Ansinnen hin: Lesivo kommt von "lesionar", dem spanischen Wort für verletzen. "Lesivo steht für etwas, das weh tut. Ich möchte schmerzliche Kritik üben und einen Wandel zum Positiven bewirken", sagt Lesivo zu Beginn unseres Gesprächs. Was dabei entsteht, erscheint wie ein Bilderbuch der Geschichte Kolumbiens und die Botschaften daraus sollen möglichst viele Menschen aufrütteln. Deshalb hat er sich für die Straße als Galerie entschieden, auch wenn seine Kunstform dort sehr vergänglich ist: "Als Student der Sozialwissenschaften habe ich verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten kennengelernt. Auch jene auf der Straße. Schon früh habe ich gemerkt, dass man dort mit wenig Geld viele Leute erreichen kann. Dass unsere Werke manchmal nach zwei Tagen bereits wieder übermalt sind, gehört dazu. Dafür gibt es noch genug Flächen in unserer Stadt, auf denen wir auch ohne finanzielle Mittel Botschaften und Eindruck hinterlassen können."

Botschaften hinterlässt Lesivo heute tagtäglich. Unzählige Wände hat er in den Häuserschluchten Bogotás bereits gestaltet. Alleine an der sechsspurigen Calle 26, einer der Hauptverkehrsadern der kolumbianischen Hauptstadt, zieren seine kritischen und sehenswerten Werke hunderte Meter von Hauswänden und Mauern. Er arbeitet dabei eng mit drei weiteren Szenegrößen zusammen: mit dem Architekten DJ LU, dem Designer Guache und dem Künstlerkollektiv Toxicómano, das aus einer Punkband hervorgegangen ist. Gemeinsam mit diesen Kollegen betreibt Lesivo einen kleinen Laden im Stadtteil Chapinero, in dem sie ihre besten Motive auf T-Shirts und Buttons drucken und verkaufen. Zusätzlich verdingt sich Lesivo ebenfalls als Grafik-Designer, unterrichtete dieses Fach sogar schon an der Universität. Obwohl die Künstlergruppe Wände wie jene in der Calle 26 mittlerweile auch im Auftrag der Stadt Bogotá gestaltet, können sie bisher nicht vollständig von ihrer Kunst leben. "Wir haben diese Flächen damals genutzt, um ein Festival mit befreundeten Künstlern aus Peru auf die Beine zu stellen. Die Zusammenarbeit mit der Stadt hat wirklich gut funktioniert, aber viel Geld verdient man damit nicht", sagt Lesivo.

Kritik an der Erdölindustrie

Quelle: Derk Hoberg

Der inzwischen tolerante Umgang der Stadt mit den Sprühern hat allerdings einen traurigen Hintergrund: Erst im August 2011 wurde ein 16-jähriger Graffiti-Sprüher in Bogotá von einem Polizisten erschossen. Diego Felipe Becerra, auch unter seinem Künstlernamen "Tripido" bekannt, besprühte seinerzeit mit Freunden eine Mauer im Norden Bogotás. Als eine Polizeistreife die Gruppe entdeckte, liefen die Jungs davon. Einer der Polizisten eröffnete das Feuer und traf den unbewaffneten Teenager zweimal in den Rücken. Er verstarb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Im August dieses Jahres nun wurde Haftbefehl gegen drei beteiligte Polizisten erlassen. Ihnen wird die Manipulation des Tatortes und des Hergangs des Vorfalls vorgeworfen. Es sollte so aussehen, als sei der Junge bewaffnet gewesen.

Die Schönheit Kolumbiens beschützen

Der tragische Tod des Teenagers sorgte in der Folge für ein Umdenken in Sachen Street Art in Kolumbiens Hauptstadt und es scheint, als habe die Stadt den Kampf gegen die Graffiti-Sprüher gewissermaßen aufgegeben. Man könnte auch sagen, die Stadt hat eingesehen, dass die Kunstform Graffiti durchaus ihre Berechtigung im urbanen Raum hat und sogar einen sozialen und demokratischen Zweck erfüllen kann. Bogotá, ja ganz Kolumbien, befindet sich derzeit im Wandel, auch wenn die Infrastruktur noch viel zu wünschen übrig lässt und das Vermögen so ungleich verteilt ist, wie in wenigen anderen Ländern der Welt. Dennoch steigen die Exportzahlen seit Jahren, die Wirtschaft wächst kontinuierlich und das Land wird in vielerlei Hinsicht moderner und auch für Touristen immer attraktiver. Das ist auch nicht verwunderlich, hat man doch eine der größten Artenvielfalten an Tieren auf dem Planeten zu bieten. Kolumbien hat zudem als einziges Land des südamerikanischen Kontinents Strände an Atlantik und Pazifik, darüber hinaus karibische Inseln, mit den Andenkämmen auch Hochgebirge und verfügt über Regenwaldgebiete am Amazonas. All das gilt es aber auch zu schützen und das ist ebenfalls Teil der Botschaften an den Hauswänden der Hauptstadt. Immer wieder geht es den Künstlern um die Rolle großer Agrarkonzerne und anderer Unternehmen bei der Ausbeutung des Menschen und der Umwelt bis hin zur Aufarbeitung der Vergangenheit des eigenen Heimatlandes.

Politisch begann diese Aufarbeitung im Jahr 2002, als Ex-Präsident Álvaro Uribe begonnen hatte, das Land rigider zu führen und linksgerichtete Guerilla-Gruppen wie die FARC energischer zu verfolgen. Maßnahmen wie die Verlängerung der Wehrpflichtzeit von einem auf eineinhalb Jahre und die Schaffung neuer Stellen im Polizeidienst sorgten dafür, dass Kolumbien seine großen Drogenkartelle weitgehend in den Griff bekam und vom Auswärtigen Amt als Reiseziel inzwischen ähnlich sicher wie Peru eingestuft wird. Dort strömen Jahr für Jahr Unmengen von Touristen zur Inka-Attraktion Machu Picchu und werden allerhöchstens von Souvenirverkäufern übers Ohr gehauen. Kolumbiens aktueller und moderaterer Präsident Juan Manuel Santos setzt seit seinem Amtsantritt im Jahr 2010 hingegen vor allem auf Friedensgespräche mit den FARC-Rebellen. Die Mehrheit des kolumbianischen Volkes möchte den Weg des Verhandelns wohl weitergehen, schließlich wählte es Santos erst im Juni dieses Jahres in seine zweite Amtszeit. Da passt es ins Bild, dass auch Bogotá im Wandel ist und im Umgang mit seinen Graffiteros lockerer geworden ist.

Auseinandersetzung mit der Armee – Banksy-Style

Quelle: Derk Hoberg

Auch Lesivo berichtet von diesem Umdenken der Stadt und des Bürgermeisters: "Nach Tripidos Tod wurden die Verbote und der strenge Umgang mit Graffiti-Künstlern gelockert. Wir haben nun nicht mehr so viel zu befürchten und sprühen jetzt viel lieber tagsüber. Da fühlen wir uns einfach sicherer." Auch er selbst hatte zuvor schon unliebsame Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Nachdem er vor Jahren bei einer seiner Aktionen erwischt wurde, fesselten ihn die Polizeibeamten gemeinsam mit einem Freund mit Handschellen an den Gepäckträger ihres Motorrads. Sie sollten so lange hinter dem Motorrad herrennen, bis sie sich übergeben mussten. "Nach ein paar Minuten haben wir so getan, als ob wir kotzen. Dann haben sie uns wieder laufen lassen", sagt Lesivo lachend und fährt fort: "Der Umgang mit uns ist von Polizist zu Polizist unterschiedlich. Hier ändern sich Gesetze und Erlässe ständig und manche wissen eben noch nicht, wie sie die Änderung dann interpretieren sollen. Es ist aber einfacher, in Bogotá wegen öffentlicher Trunkenheit im Arrest zu landen, als wegen eines Graffiti-Vergehens." Ins gleiche Horn bläst auch Lesivos Kollege DJ LU. Kürzlich, während einer Sprühaktion, hielt plötzlich ein Polizeiwagen hinter ihm und er befürchtete bereits das Schlimmste: "Sie kamen auf mich zu und fragten, ob ich auch eine weiße Sprühdose dabei hätte, sie hätten beim Einparken gerade einen Kratzer in den Wagen gefahren. Also half ich ihnen, diesen wieder auszubessern."

Vergangenheitsbewältigung mit drastischen Bildern

Ausreichend aufgearbeitet wird Kolumbiens bewegte Vergangenheit nach Ansicht Lesivos trotz aller Lockerungen noch nicht. Seine Kollegen und er möchten den sich vollziehenden Wandel aktiv mitgestalten, wollen auf ihre Art und Weise Verantwortung beim jetzigen Aufbau des Landes übernehmen. Das verdeutlicht auch eines seiner Hauptmotive, das er immer wieder mit Hilfe von Schablonen an die Wände sprüht: Ein kleines Mädchen mit Dynamitstangen in der Hand. Es basiert auf dem Kampf der Regierung Uribes gegen die FARC-Guerilleros, der auch mit abscheulichen Mitteln geführt wurde, wie Lesivo erklärt: "Es geht dabei um den "Falsos Positivos”-Skandal, der hier vor einigen Jahren für großes Aufsehen sorgte. Damals wurden in ländlichen Gebieten wahllos Zivilpersonen von offiziellen Militärs getötet, hinterher in Uniformen gesteckt und als gefallene Guerilla-Kämpfer dargestellt. Das hat über 3.000 Unschuldige ihr Leben gekostet, darunter auch zahlreiche Kinder und Jugendliche. Die Soldaten der kolumbianischen Armee wurden vom Verteidigungsministerium belobigt und umso reicher belohnt, je mehr dieser angeblichen Guerilleros sie getötet hatten. Damit war diese Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung gewissermaßen legitimiert. Jung zu sein bedeutete zu dieser Zeit, verdächtig zu sein."

Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Kolumbien das volle Ausmaß dieser humanitären Katastrophen annähernd aufgeklärt hat und auch die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen wirklich fortgeschritten sind. So lange werden die urbanen Rebellen auch mit ihrer öffentlichen Kritik an Politik und Wirtschaft weitermachen: "Wir versuchen, uns dabei nicht auf ein einziges Thema zu fokussieren. Dafür gibt es in Kolumbien noch viel zu vielanzusprechen. Auch viele gute Dinge, schließlich lieben wir unser Land", charakterisiert Lesivo seine Kunst abschließend. Er und seine Kollegen machen genau dort damit weiter, wo es vielen Menschen auffällt: an den unzähligen Hauswänden und Mauern ihrer Stadt – auch, wenn die Kunst dort selbst so verletzlich ist.


Lesen Sie hier das komplette Interview mit dem Künstler Lesivo.

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22.05.2009 Nachricht von Harald Neuber