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23.02.2017 Lateinamerika / Politik

"Die Radikalisierung der Befreiungsprozesse in Lateinamerika ist unumgänglich"

Für die Mehrzahl der Länder sind sozialistische Prozesse die notwendige Bedingung für ihre Entwicklung, meint der kubanische Philosoph Martínez Heredia
Vom 10. bis 12. Januar fand die 12. Internationale Konferenz über Emanzipatorische Paradigmen in Lateinamerika und der Karibik "Berta Cáceres Vive" in Havanna stattfand

Vom 10. bis 12. Januar fand die 12. Internationale Konferenz über Emanzipatorische Paradigmen in Lateinamerika und der Karibik "Berta Cáceres Vive" in Havanna stattfand

Seit einem Jahr hören wir immer wieder, dass die Situation auf unserem Kontinent schwieriger geworden ist, weil sich gegen die Völker gerichtete Dinge ereignen und wegen der Offensive des Imperialismus und seiner Klassenkomplizen, die zugleich von ihm beherrscht und Herrschende in ihren Ländern sind. Wenn es auch so scheinen mag, dass ich das Pferd von hinten aufzäume, möchte ich mit einem Kommentar über die Beziehungen beginnen, die zwischen Schwierigkeiten und Revolution bestehen.

Für die Revolutionäre und während der Revolutionsprozesse gibt es glückliche Momente und glückliche Prozesse, aber in wirklichen Revolutionen gibt es keine einfachen Umstände. Wenn sie uns als einfach erscheinen, dann nur deshalb, weil wir ihre Schwierigkeiten nicht bemerkt haben. Und das ist so, weil diese Revolutionen, die wir lieben und für die wir zu allem bereit sind, die kühnsten und gewagtesten Initiativen der Menschen sind, die außerordentliche und befreiende Veränderungen für die Einzelnen und für die gesellschaftlichen Beziehungen in Angriff nehmen, die soweit gehen, niemals wieder in Lebensumständen und Gesellschaften leben zu wollen oder zu können, in denen die Einen den Anderen Schaden zufügen und Gewalt antun und die von Individualismus und Profitgier bestimmt sind. Es handelt sich um Revolutionen, die die Absicht verfolgen, Menschen hervorzubringen, die immer vollständiger und fähiger sind, sowie Realitäten zu erzeugen, die immer mehr Freiheit und Gerechtigkeit enthalten, und in denen es gemeinsam gelingen soll, die Welt und das Leben zu verändern; das heißt neue Menschen und neue Realitäten zu erschaffen.

Wenn das, was ich gerade gesagt habe, angesichts der bestehenden Welt und der in der Vorgeschichte der Menschheit gültigen Glaubensvorstellungen, des gesunden Menschenverstandes und der Zustimmung zur Essenz, die die dem Kapitalismus unterworfenen Gesellschaften aufrecht erhält, unmöglich erscheint, wie soll dann alles, was wir tun und was wir uns vornehmen nicht äußerst schwierig sein? Wenn die herrschenden Klassen nie dazu bereit sein werden zuzulassen, dass sich das Volk erhebt, um Würde, Stolz auf sich selbst und die Beherrschung der eigenen Situation, des eigenen Bewusstseins und seiner eigenen Organisationen zu erlangen, die in seinen Diensten stehen und dazu wirksam sind, dass es die Macht besitzt und diese zu einer Volksmacht werden lässt, dann muss man zu der Einsicht gelangen, dass sich in diesen Zeiten für die Sache des Volkes alles als sehr schwierig erweist. Der junge Karl Marx besaß ein gutes Gespür als er schrieb, dass die Beherrschten nur durch die Revolution aus dem Sumpf entkommen könnten, in dem sie ihr ganzes Leben lang steckten, weil die Veränderungen und die Schaffung neuer Gesellschaften auch kolossale Befreiungen von den inneren Feinden erforderlich machten, die wir alle in uns bergen. Wie also sollten Befreiungsrevolutionen nicht schwierig sein?

Wenn wir jedoch genau hinsehen und uns nicht entmutigen lassen, werden wir feststellen, dass das populare Lager bereits über Vieles zu seinen Gunsten verfügt. Wir wollen nun mit diesen Waffen ein unmittelbar anstehendes Problem angehen, das nicht gerade klein ist. Die aktuelle Konjunktur bringt auf skandalöse Weise einen Mangel des popularen Lagers zum Ausdruck, der sich in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, zugleich aber immer weniger als gravierende Schwäche angesehen wurde: die Ermangelung eines wirklich eigenen Denkens, das dazu in der Lage wäre, in seinem unversöhnlichen Widerstreit gegenüber der Dominanz des Kapitalismus eine Identität zu begründen und das fähig wäre, die wesentlichen Fragen der Zeit, die konjunkturellen Umstände, die beteiligten gesellschaftlichen Lager und die streitenden Kräfte zu erfassen.

Ein überzeugendes und anziehendes Denken also, das zugleich als mobilisierendes, die Unterschiede vereinigend und als effizientes Instrument dient, um treffende Analysen und Politikformen zu entwickeln, die zum Handeln und zur Formulierung von Projekten beitragen.

Diese fehlende Entwicklung eines machtvollen Denkens des popularen, kritischen und schöpferischen Lagers stellt man fest, wenn man die Bestürzung und die mangelhaften Erklärungen betrachtet, die über die laufenden Ereignisse in mehreren lateinamerikanischen Ländern reichlich in Umlauf sind und die unterschiedliche Zusammenbrüche, Niederlagen oder Rückschläge von Prozessen konstatiert haben, die für die Bevölkerungen und ihre Autonomie gegenüber dem Imperialismus im bisherigen Verlauf dieses Jahrhunderts von Vorteil gewesen sind. An Stelle von kohärenten, tiefgehenden und Orientierung gebenden Analysen haben wir mehr als einmal oberflächliche Kommentare gehört oder gelesen, die mit Worten unterfüttert waren, die Konzepte oder Dogmen darstellen und die Funktion von Erklärungen erfüllen wollten.

Es führt nicht weiter, indem man die armen oder verarmenden Sektoren als undankbar bezeichnet - die ihre Ernährung und ihre Einkünfte verbessert und mehr Chancen gehabt haben, eine oder zwei Stufen vom Grunde der schrecklichen Gesellschaftsordnung nach oben zu steigen - weil sie die Regierungen, die sie begünstigten, nicht aktiv verteidigt haben, oder weil sie ihnen bei bestimmten Ereignissen sogar den Rücken gekehrt haben, was den Reaktionären Siege einbrachte. Es wird sogar versucht, diese Geschehnisse mit Fragmenten einer angeblichen Theorie der sozialen Klassen zu erklären, so zum Beispiel, wenn die absurde Behauptung wiederholt wird, dass sie "zur Mittelklasse geworden sind und sich nun auch so verhalten". Man sollte besser anfangen, mit den Tatsachen genau zu sein und stets von ihnen auszugehen. So wie der Anführer der Landlosenbewegung Brasiliens, Joao Pedro Stedile, sagt: "Wir haben kurzfristig viele Herausforderungen vor uns, um uns den Putschisten entgegen zu stellen. Die Arbeiterklasse bleibt zu Hause, sie hat sich nicht mobilisiert. Diejenigen, die Einsatz gezeigt haben, waren die Aktivisten, die am besten organisierten Sektoren. Aber 85 Prozent der Klasse sieht sich weiterhin lieber Novelas im Fernsehen an".

Man kommt auch nicht weit, wenn man Erklärungen der Ereignisse und der politischen und ideologischen Lage im Zusammenhang mit dem Ende des Zyklus hoher Rohstoffpreise ausarbeitet und diskutiert, auch dann nicht, wenn fähige Ökonomen seriöse Informationen liefern und den Rückgang der Dynamik der Weltwirtschaft und weitere widrige Faktoren und Prozesse anführen.

Noch mehr vereinfachend wird gesagt, wir hätten etwa fünfzehn Jahre Wahlsiege, sogenannte progressive Regierungen und beträchtliche Erfolge durch soziale Maßnahmen gehabt; ein großer Teil des Kontinents sei autonomer im Hinblick auf die Diktate der USA, und wir hätten Fortschritte bei den bilateralen Beziehungen und der Koordinierung der Länder der Region in Richtung auf eine zukünftige Integration erlebt – all das nur weil wir einen langen Zyklus hoher Exportpreise für Rohstoffe durchlaufen haben, was sich durch die Wechselfälle der Weltwirtschaft erklären ließe. Und da diese sich nun in eine andere Richtung bewegt und die Preise sinken, müsse der politische und soziale Zyklus zu Ende gehen und "die Rechte" müsse unvermeidlich vorrücken, um die dominante Position zurück zu gewinnen, die sie verloren hatte.

Ein Mensch mit gutem Gedächtnis und nicht leichtgläubig würde sich sofort fragen, wieso, was siegreiche Wahlen, gute Sozialpolitiken, sowie mehr Autonomie der Staaten und integrationistische Horizonte angeht, in der Region Anfang der siebziger Jahre nicht das Gleiche geschehen konnte wie zu Beginn dieses Jahrhunderts. Aufgrund der damaligen Wirtschaftslage stiegen die Rohstoffpreise stark an und außerdem erlebte ein großer Teil der Region mehr oder weniger große Zuwächse im industriellen Sektor, die auf der Suche nach Profitmaximierung über jene viel bejubelte Verlagerung großen Kapitals zustande kamen, was Donald Trump heute so sehr missfällt.

Aber damals geschah etwas ganz anderes: Diktaturen, Repressionen bis hin zum Genozid, die Gesellschaften wurden konservativer und es gab noch andere Übel, die man nicht vergessen darf. Daher muss man zu dem Schluss kommen, dass es nicht stimmt, dass einer bestimmten wirtschaftlichen Situation notwendigerweise gewisse politische und soziale Tatsachen "entsprechen“ und keine anderen.

In diesem Fall stehen wir vor einer der wesentlichsten Deformationen und Verkürzungen, die das revolutionäre Denken erlitten hat, vielleicht der meist verbreiteten und hartnäckigsten von allen: nämlich allen sozialen Prozessen eine angeblich "ökonomische" Ursache zuzuschreiben. Hinter ihrer scheinbaren Logik steht die Verdinglichung des spirituellen Lebens und der sozialen Ideen, die der Sieg des Kapitalismus hervorgebracht hat und die von denjenigen akzeptiert wird, die vorgeben, sich dem System zu widersetzen, ohne es fertig zu bringen, dem Gefängnis seiner Kultur zu entkommen und die deshalb nicht fähig sind zu begreifen, dass die Menschen die Protagonisten aller sozialen Realitäten sind.

Drei Prozesse, die sich innerhalb der letzten vier Jahrzehnte ereignet haben, hatten ein große Wirkung und sehr dauerhafte Konsequenzen für unseren Kontinent.

- Das krachende Ende des Systems, das als real existierender Sozialismus bezeichnet wurde und seiner politischen Konstellationen in der Welt, was auf zahlreichen Gebieten sehr negative Folgen hatte.

- Die Unmöglichkeit für die Mehrzahl der Länder des Planeten, eine autonome ökonomische Entwicklung zu erreichen, ohne notwendigerweise aus dem kapitalistischen System auszuscheiden. Die schreckliche Realität war das Fortbestehen von Regimes der Ausbeutung, der Unterdrückung und des Neokolonialismus, ohne dass es möglich gewesen wäre, eigenständige nationale Ökonomien zu entfalten, die dazu in der Lage wären, Vollbeschäftigung, erhöhte Produktion und Produktivität, sowie ausreichende soziale Dienstleistungen für alle und einen eigenen, zu verteilenden Reichtum zu schaffen.

- Der dritte Prozess war die Vollendung der Vorherrschaft der USA über fast unseren gesamten Kontinent. Der Kapitalismus hat in Lateinamerika einen langen Weg neokolonialer Evolutionen durchlaufen, die von der Macht der USA bestimmt waren, was ihn sehr viel schwächer und untergeordnet sein ließ.

Die Lektionen, die uns diese drei Prozesse erteilen, sind klar und sehr wertvoll. Die erste ist, dass alle gesellschaftlichen Fortschritte umkehrbar sind, auch wenn sie für ewig erklärt wurden; es ist unverzichtbar zu erkennen, was wirklich Sozialismus ist und was nicht.

Man muss den Kampf für den Sozialismus - ohne Zugeständnisse zu machen - ausgehend von seinen Vielschichtigkeiten, Schwierigkeiten und realen Unzulänglichkeiten als Prozesse der Befreiung und der kulturellen Schöpfungen begreifen und organisieren, die zusammenfließen.

Zweitens: der Kapitalismus ist ein weltweites System, das aktuell extrem zentralisiert, finanzialisiert, parasitär und räuberisch ist und nur leben kann, wenn es so bleibt, weshalb es sich nicht verändern wird. Die herrschenden Klassen der Mehrzahl der Länder müssen sich unterordnen und Komplizen der imperialistischen Zentren sein, denn es existiert weder ein Raum noch haben sie genügend Macht, um autonom zu sein. Die bewusste und organisierte Aktivität des Volkes, geleitet von Befreiungsprojekten, ist die einzige ausreichende und wirksame Kraft, um die Situation zu verändern. Für die Mehrzahl der Länder der Welt werden die sozialistischen Kräfte und Prozesse die notwendige Bedingung sein, um ihre Entwicklung anzugehen - und nicht die Entwicklung die Bedingung dafür, den Sozialismus anzustreben, wie Fidel im Jahre 1969 gesagt hat.

Drittens machen die Vereinigten Staaten diesen Kontinent zum Opfer sowohl ihrer Macht als auch ihrer Schwächen, wie eine Überdeterminierung gegen die Autonomie der Staaten, gegen das gesunde Wachstum der nationalen Ökonomien und gegen das Befreiungsstreben der Völker. Die Ausbeutung und die Vorherrschaft über Lateinamerika ist ein notwendiger Aspekt ihres imperialistischen Systems, und es tritt immer in Aktion um zu verhindern, dass sich diese Situation verändert. Deshalb ist es unerlässlich, dass der Antiimperialismus Bestandteil aller Politiken des popularen Lagers und aller sozialer Veränderungsprozesse ist.

Wie zu erwarten ging der Kapitalismus zu einer Generaloffensive über, um aus jenen Ereignissen und Prozessen jeden möglichen Vorteil zu ziehen und eine weltweite und konkurrenzlose Vorherrschaft seiner Ordnung und seiner Kultur zu etablieren. Das Ziel dabei war, über Repression und antisubversiven Strategien hinaus, eine neue Hegemonie zu festigen, um die enormen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zu beseitigen, unvermeidliche Dissidenzen und Proteste sowie Identitäten zu manipulieren, die Geschichte von Widerstand und Rebellionen vergessen zu machen und den Konsum seiner kulturellen Produkte zu verallgemeinern und den Konsens mit seinem Herrschaftssystem zu erreichen.

Diese Offensive ist nicht zu Ende, sondern hat sich zu einer systematischen Aktivität verfestigt, die bis heute anhält. In diesem generellen Rahmen haben in einer bestimmten Anzahl von Ländern Lateinamerikas und der Karibik - der Region in der Welt mit dem größten Potential an Widersprüchen, die sich in Aktionen gegen das System verwandeln können - kämpferische Volksbewegungen und Wahlsiege sehr wichtige Veränderungen zugunsten sehr breiter Bevölkerungsschichten und die Fähigkeit zu unabhängigem Handeln eines Teils der Staaten hervorgebracht.

Die Institutionalität und die bürgerlichen politischen Spielregeln wurden nicht verletzt, um an die Regierung zu gelangen und sich dort zu halten; aber innerhalb dieser Ordnung wurden reale Fortschritte erzielt, die ich unter sechs Aspekten zusammenfasse: Sozialpolitiken, die breiten Sektoren von Bedürftigen zugute kommen; eine sehr viel breitere und bessere Ausübung staatsbürgerlicher Rechte; sehr positive Veränderungen in der Institutionalität in einigen dieser Länder; ein beachtliches Maß an Autonomie im internationalen Auftreten; mehr lateinamerikanische bilaterale Beziehungen; und Fortschritte bei den Beziehungen und Abstimmungen zwischen den Ländern der Region unter Berufung auf die Notwendigkeit einer kontinentalen Integration.

Ich halte mich nicht bei diesen neuen Realitäten auf, die motiviert und zu Hoffnungen ermutigt haben, hin zu tiefgreifenderen Veränderungen voranzukommen; und sie haben den Begriff des Sozialismus als zu erobernden Horizont wiederbelebt - wenige Jahre nach jenem europäischen Zusammenbruch, den der Kapitalismus als im Weltmaßstab endgültig dargestellt hatte.

Fernando Martínez Heredia aus Kuba bei seinem Vortrag

Ich möchte aber zwei Dinge betonen, die der soziale und politische Aktivist analysieren, verstehen und in seiner Praxis berücksichtigen sollte. Erstens hat jedes Land charakteristische Eigenheiten, Schwierigkeiten, historische Akkumulationen und Bedingungen, die ihm spezifisch eigen sind und sich als entscheidend erweisen; zugleich existieren gemeinsame Wesenszüge und Notwendigkeiten der Region, die eine Quelle der Verstärkung der Kraft und des Potentials eines jeden Landes sein können, wenn wir dazu fähig sind, die Kooperation und den Internationalismus zu entwickeln.

Zweitens sind die Regierungen in diesen Ländern mit enormen Beschränkungen konfrontiert, da sie nur eine sehr geringe Kontrolle über die Wirtschaftstätigkeit haben und der Feindseligkeit eines Teils der Staatsgewalten selbst und der Kommunikationsmedien ausgesetzt sind.

Wenn wir eine Bilanz für das Jahr 2016 ziehen, können wir das Spezifische eines jeden Landes feststellen. Der große Sieg der venezolanischen Reaktion bei den Parlamentswahlen hat es nicht vermocht, Maduro abzusetzen und nun steht sie ohne Kraft, ohne Einheit und ohne geeignete Führer da, um dies weiter zu versuchen. In Brasilien jedoch hat eine Verbrecherbande alles erreicht, was sie wollte, ohne dass es organisierte Volkskräfte gegeben hätte, um dem wirkungsvoll Widerstand entgegenzusetzen. Die Prozesse in Bolivien und Ecuador sind in ihrer jeweiligen spezifischen Situation stark und stabil geblieben und in Nicaragua hat die FSLN gerade ein weiteres Mal die Wahlen mit großem Abstand gewonnen. In Mexiko ist ein Sieg der Oppositionsparteien im Jahre 2018 nicht sehr wahrscheinlich, obwohl das Prestige der Regierungsmannschaft stark beschädigt ist und es unorganisierte Proteste und Widerstand gibt.

Man könnte damit fortfahren, diese und viele andere Spezifika, die sich in Umfang und Richtung unterscheiden, aufzuzählen, wobei jedoch ein Problem von großer Tragweite bestehen bleibt: die USA setzen ihre Generaloffensive fort, die darauf gerichtet ist, die ganze neokoloniale Kontrolle über Lateinamerika wiederzuerlangen – einschließlich einer "Offensive des Friedens" gegen Kuba –, und der Block, den sie mit den reaktionären und ergebenen Sektoren eines jeden Landes bilden, setzt seine Versuche fort, die Prozesse der letzten fünfzehn Jahre in der Region rückgängig zu machen oder zu schwächen.

Wird die Stimmabgabe, der an den Urnen zum Ausdruck gebrachte Volkswille, ausreichen um zumindest die Sozialpolitiken, die gewählten Funktionsträger und das bestehende Recht erfolgreich zu verteidigen und dass das alles nicht von der Reaktion verhöhnt, gebrochen oder beseitigt wird? Werden die Prozesse, die im sozialen und politischen Bereich auf einer unveränderten Institutionalität beruhen, weiter existieren können, um Veränderungen zu erreichen, die der Bevölkerung zugute kommen und einen Weg öffnen für gerechtere und besser regierte Gesellschaften? Oder wird dieser Weg in manchen Fällen nur einer Zwischenform der mittelfristigen Wiederherstellung der Macht des Kapitalismus in der Region Platz machen, in einer neueren Erscheinungsform, wäre also in Wahrheit nur seine Aktualisierung gewesen, ohne den Kern des Herrschaftssystems anzugreifen? Währenddessen sind andere Länder des Kontinents unter Kontrolle des Systems und der Cliquen geblieben, die die Macht unrechtmäßig innehaben oder verwalten.

Nichts ist entschieden, weder unsere Feinde noch wir haben den Sieg in Reichweite. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es die ideologischen und politischen Kämpfe sind, die in der allgemeinen Konfrontation die Entscheidung bringen werden. Dabei möchte ich für die Analysearbeit drei Hauptrichtungen hervorheben: a) Ernsthaft und ohne Auslassungen alle Informationen und alle ideologischen Vorstellungen und Formulierungen zu suchen, die irgendeine Bedeutung haben könnten – weil sowohl die einen wie die anderen die bestehenden Realitäten ausmachen –, sie im Detail und als Ganzes zu analysieren, das Wesentliche zu formulieren und das Nebensächliche wenigstens zu beschreiben; b) die Bedingungen zu untersuchen und zu bewerten, die für unser Handeln von Bedeutung sein könnten, seien sie institutioneller, ökonomischer, ideologischer, politischer oder anderer Art; c) die Identitäten, Motivationen und Forderungen sowie Mobilisierungsfähigkeit und den Organisationsgrad, über die wir verfügen, zu analysieren und zu erkennen und ebenso was in den selben Bereichen zugunsten unserer Gegner spricht, das heißt das Kräfteverhältnis zu studieren. Und ich bestehe darauf, dass die Handlungen der Menschen das wesentliche Element der Ereignisse sind, die morgen historisch sein werden.

Die Reaktion schlägt keine Ideen vor, sondern bringt Aktionen hervor. Sie gibt keine Begründungen bezüglich der Zentralität, die der Markt einzunehmen hat, der Reduzierung der Funktionen des Staates, der Rechtfertigung des Privatunternehmens und für die Zweckmäßigkeit, sich den USA unterzuordnen. Sie beabsichtigt nicht, ihre ideologische und kulturelle Dominanz mittels einer Debatte von Ideen zu stärken und zu verbreiten. Der Antikommunismus und die Verteidigung der alten traditionellen Werte sind nicht mehr ihre Schlachtpferde und die alten politischen Organismen nicht mehr ihre Hauptinstrumente.

Seit zwanzig Jahren gebe ich zu bedenken, dass die Hauptanstrengung des Kapitalismus auf den kulturellen Krieg um die Beherrschung des alltäglichen Lebens gerichtet ist; darauf zu erreichen, dass alle akzeptieren, dass die einzig mögliche Kultur im alltäglichen Leben die kapitalistische ist und dass das System ein bürgerliches ist, das ein der Transzendenz und der Organhaftigkeit beraubtes Leben kontrolliert.

Leider muss ich sagen, dass wir in diesem kulturellen Krieg noch immer nicht siegen konnten.

Ich lasse hier den größten Teil dessen, was ich bezüglich seiner Wesenszüge, der Faktoren zu seinen Gunsten und seinen Ungunsten, sowie seiner Bedingungen gesagt habe, außer Acht und kommentiere nur das, was unserem Thema am nächsten liegt. Der breite und hoch entwickelte Konsum, der in allen städtischen Gebieten der Welt vorhanden, jedoch nur für Minderheiten zugänglich ist, wird von einem "demokratisierten" geistigen Komplex vervollständigt, der von sehr breiten Teilen der Bevölkerung konsumiert wird.

Er breitet sich aus, um eine weit größere Zahl von Menschen in ihrer Identität zu vereinheitlichen, als die, die materiell konsumieren und strebt danach zu erreichen, dass sie die kapitalistische Hegemonie akzeptieren. Die Mehrheit der in die merkantile kapitalistische Lebensweise "Integrierten" ist dies mehr virtuell als real. Aber sind sie Teil der sozialen Basis des Blocks der aktuellen präventiven Konterrevolution? Der Kapitalismus würde dieses Ziel erreichen, wenn es ihm gelänge, dass die Haupttrennungslinie innerhalb der Gesellschaften zwischen den Integrierten und den Ausgeschlossenen verliefe. Erstere - die real und die potenziell Integrierten, die Herren und die Diener, die Lebenskünstler und die Illusionisten – würden sich von Letzteren entfernen und immer wenn es notwendig wäre gemeinsame Sache gegen sie machen.

Die universelle kulturelle Reproduktion seiner Vorherrschaft ist grundlegend für den Kapitalismus, um das wachsende - und widersprüchliche - Ausmaß zu ersetzen, in dem er sich von der Reproduktion des Lebens von Milliarden von Menschen im Weltmaßstab abgekoppelt hat; und er bemächtigt sich ebenso weltweit der natürlichen Ressourcen und der geschaffenen Werte. Um seinen kulturellen Krieg zu gewinnen ist es für ihn notwendig, den Widerstand zu beseitigen und Rebellionen vorzubeugen, die Gefühle und Ideen zu homogenisieren, die Träume gleichzuschalten. Wenn die unterdrückten, ausgebeuteten oder seiner Dominanz unterworfenen Mehrheiten der Welt sich nicht ihre andere und ihm entgegen gesetzte Alternative erarbeiten, werden wir bei einem selbstmörderischen Konsens landen, weil der Kapitalismus für uns in der Zukunft keinen Platz hat.

Ich habe Genossen, die ich sehr schätze, erklärt, dass der Kapitalismus nicht - wie von ihnen behauptet - versucht, ein Einheitsdenken durchzusetzen, sondern dafür zu sorgen, dass es überhaupt kein Denken gibt. Es ist ein kolossaler Prozess im Gange, die Denkinstrumente und die menschliche Gewohnheit des Denkens abzubauen, die mittelbaren Schlussfolgerungen auszuschalten, bis eine Art von Idiotisierung der Massen erreicht wird.

Die Situation erfordert es, alle relevanten Aspekte des laufenden Prozesses, alle Politikstrategien und alle Optionen mit Tiefgründigkeit und selbstkritischem Geist zu analysieren. Diese Haltung und daraus folgende Handlungen sind durchführbar, weil das populare Lager Lateinamerikas Ideale, Überzeugungen, reale organisierte Kräfte und eine reich angehäufte Kultur besitzt. Eine Lehre ist sehr klar: das Einkommen besser verteilen, die Lebensqualität der Mehrheitsbevölkerung anheben, den Bedürftigen Dienst- und Sachleistungen zukommen lassen ist unverzichtbar, aber es reicht nicht aus. Populare Wahlsiege innerhalb des kapitalistischen Systems zu erreichen, besser zu regieren als dessen Herrschercliquen und sogar gegen den Strom seiner ausbeuterischen und erbarmungslosen Ordnung zugunsten des Volkes zu regieren ist ein großer Fortschritt, reicht aber nicht aus. Eine grundlegende Aussage von Karl Marx zeigt erneut ihre Richtigkeit: die Zentralität einer neuen Politik im Handeln der Bewegung der Unterdrückten, um zu siegen und den Sieg zu festigen.

Wir steuern auf eine neue Etappe von Ereignissen zu, die entscheidend sein können, von großen Herausforderungen und Konfrontationen und von Möglichkeiten radikaler gesellschaftlicher Veränderungen. Das heißt eine Etappe, in der die Praxis und die historische Bewegung überwiegen werden, in der die Akteure sich gegen die Umstände durchsetzen und diese tiefgreifend verändern könnten, eine Etappe, in der es Siege oder Niederlagen geben wird.

Es ist wirklich wichtig, die Unzulänglichkeiten eines jeden Prozesses zu begreifen.

Noch wichtiger ist es zu handeln. Bewusstmachen, organisieren, mobilisieren, die Kräfte nutzen, über die man verfügt - das steht auf der Tagesordnung. Ausdrucksformen von resignierter Hinnahme oder zaghaften Protests sind nicht zu akzeptieren: es gilt, die Wege und die eingesetzten Mittel, ihre Reichweite, ihre Grenzen und ihre Bedingtheiten zu überprüfen. Und man muss alles tun, was notwendig ist, damit das populare Lager nicht unterliegt. Die Wirksamkeit bei der Sicherung der Rechte des Volkes und bei der Verteidigung und Leitung seiner Befreiung muss die einzige Legitimierung sein, die man den Wegen und Mitteln abverlangt. Die Institutionen und Handlungen werden ihre Daseinsberechtigung darin finden, den Bedürfnissen und höchsten Interessen der Völker und der Verpflichtung zu dienen, das Erreichte und das Vertrauen und die Hoffnung so vieler Millionen Menschen zu verteidigen. Dies muss der Kompass für die Völker und ihre Aktivisten, Repräsentanten und Wegbereiter sein.

In der beginnenden Epoche treffen sehr unterschiedliche, ja sogar divergierende Kräfte zusammen. Sie sind verbunden über Bedürfnisse, gemeinsame Feinde und strategische Faktoren, die über ihre jeweiligen Identitäten, Forderungen und Projekte hinausgehen. Und nur eine zielgerichtete, organisierte Praxis hat Aussicht auf Erfolg, die in der Lage ist, die grundlegenden Informationen, Bewertungen und Optionen, die Vielfältigkeit der Situationen, Positionen und Ziele, die bestimmenden Faktoren und Politiken, die auf dem Spiel stehen, zu handhaben.

Die Radikalisierung der Prozesse wird die unumgängliche Tendenz für ihre eigenes Überleben sein müssen. Rückschritte und entwaffnende Konzessionen gegenüber einem Feind, der es versteht, unerbittlich zu sein, wären selbstmörderisch. Aber die Hauptsache ist - angesichts des Niveaus, das die politische Kultur der Völker und die Hoffnungen auf Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Wohlstand für alle erreicht haben – dass die Bewegungen, die Mächte und die angesehenen und mutigen Anführer die popularen Kräfte nur vervielfachen können und Aussicht auf den Sieg haben, wenn sie die tatsächliche Befreiung vom Joch des Kapitalismus in ihre Kampfaufrufe einbeziehen.

Die revolutionäre Politik kann sich nicht damit zufrieden geben, alternativ zu sein.

Generell hat seine Natur das Systems in eine Sackgasse geführt, aber seine Macht und seine aktuellen Ressourcen ermöglichen ihm einen breiten Bogen von Antworten gegen die laufenden Prozesse und kann auch manchen Alternativen eine Nische der Toleranz lassen, während es Verführung und Erwartung miteinander kombiniert bis diese verschlissen sind. In dem Maß, in dem wir Siege und Veränderungen unserer selbst erwirken, werden wir die Alternativen in Prozesse menschlicher und sozialer Emanzipation verwandeln.

Solange Unterdrückung, Ausbeutung und kapitalistische Dominanz existieren, wird es weder Lösungen noch politische und soziale Systeme geben, die für die Mehrheiten zufriedenstellend und von Dauer sind. Die Befreiung der Menschen und der Gesellschaften wird die Türen zur Schaffung einer neuen Welt öffnen. Das erscheint als zu ambitioniert? Ja, natürlich. Aber es ist das einzig Machbare.

Fernando Martínez Heredia aus Kuba ist Philosoph und Essayist

Gekürzte Fassung seines Vortrages bei der 12. Internationalen Konferenz über Emanzipatorische Paradigmen in Lateinamerika und der Karibik "Berta Cáceres Vive", die vom 10. bis 13. Januar mit Delegierten sozialer und politischer Organisationen aus 23 Ländern in Havanna stattfand

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Vom 10. bis 12. Januar fand die 12. Internationale Konferenz über Emanzipatorische Paradigmen in Lateinamerika und der Karibik "Berta Cáceres Vive" in Havanna stattfand
Fernando Martínez Heredia aus Kuba bei seinem Vortrag

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