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Blick hinter die Kulissen

Tagung in Marburg nahm mediale Öffentlichkeit in und über Lateinamerika unter die Lupe

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Politikwissenschaftlerin Viviana Uriona
Die Politikwissenschaftlerin Viviana Uriona bei ihrem Vortrag über Basismedien

Am vergangenen Wochenende fand in Marburg an der Lahn die Tagung "Los medios de los pueblos? Medien und Demokratie in Lateinamerika" statt. Knapp 100 Teilnehmende diskutierten von Freitag bis Sonntag die Medienlandschaft des Subkontinents. Genauso wurde die deutschsprachige Medienberichterstattung über denselben ausführlich analysiert. In den Blick gerieten dabei nicht nur private und staatliche Medienunternehmen, sondern auch die Rolle deutsch- und spanischsprachiger Basismedien.

Eine Reihe von Vorträgen und Workshops widmete sich dezidiert den neuen Mediengesetzgebungen in einigen Ländern. Dabei wurden sowohl das neue argentinische Mediengesetz als auch die konkreten Umsetzungen in Venezuela näher beleuchtet. In einem Workshop des Medienwissenschaftlers und Redakteurs der Informationsstelle Lateinamerika (ILA), Andreas Hetzer, wurden Besitzverhältnisse privater bolivianischer Medien analysiert und deren Stellenwert in der Gesellschaft erörtert. Anhand von Umfragen des bolivianischen Medienobservatoriums, gelangten die Teilnehmenden zu der Erkenntnis, dass bolivianische Medienkosumierende ein weitaus kritischeres Verhältnis zu denselben pflegen, als es beispielsweise in Deutschland der Fall ist. Anschließend wurde diskutiert, welche Maßnahmen zur erfolgreichen Umsetzung der verfassungsmäßigen Rechte auf Information und Kommunikation führen könnten.

Der Marburger Soziologieprofessor und Lateinamerikaexperte Dieter Boris bezeichnete die von ökonomischen Interessen getragenen Privatmedien in den mitte-links regierten Ländern gar als "erste oppositionelle Kraft". Die im Zuge des Neoliberalismus entstandenen Sender und Zeitungen würden bis zu 90 Prozent des jeweiligen nationalen Medienmarktes ausmachen und im Besitz einiger weniger, mitunter transnationaler Wirtschaftsriesen stehen.

Eine immer größere Rolle spielen nach Ansicht von Referentin Viviana Uriona Basismedien, vorrangig nachbarschaftliche Radios. Diese hätten ganz vielfältigen Charakter: Auf dem Land seien sie für viele Menschen das einzige Kommunikationsmittel, welches über Busfahrzeiten und Arztsprechstunden informiere. Zugleich leisteten sie einen wichtigen Beitrag zur Schaffung gemeinsamer Identitäten von beispielsweise indigenen Gemeinschaften oder Nachbarschaften.

An dem Podium der Abschlussdiskussion am Sonntag nahm neben Hetzer und Uriona auch amerika21-Redakteur Harald Neuber teil. Unter der Leitung von Moderator Johannes Schulten und mit großer Beteiligung aus dem Publikum gelang es, die verschiedenen thematischen Schwerpunkte zusammenzuführen. So betrachteten die Diskutierenden die medienpolitischen Entwicklungen in den anti-neoliberal regierten Ländern einhellig als demokratisierend. "Nachdem die Inklusion vieler so lange ausgeschlossener Bevölkerungsgruppen angegangen wurde, dient vor allem die Entwicklung der Basismedien der Kommunikation und Interessenartikulation eben jener", konstatierte Neuber. Zu unterschiedlichen Bewertungen kamen die Expertinnen und Experten bei der Betrachtung des multinationalen Nachrichtensenders Telesur. Unter Berufung auf Aram Aharonian, den Vizepräsidenten des Senders, urteilte Andreas Hetzer, Telesur sei gescheitert. Dies machte er an einer mangelnden Einbindung der Basismedien sowie einer lückenhaften Berichterstattung über regierungskritische Ereignisse fest. In einem Redebeitrag aus dem Publikum wurde hingegen die geglückte Herstellung einer Alternative zum US-amerikanischen CNN unterstrichen. Doch auch Neuber, der für die Telesur nahestehende kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina als Korrespondent tätig ist, stellte eine fehlende Distanz in der Berichterstattung zu den Trägerstaaten fest. Diese könne ein von staatlichen Geldern abhängiger Sender aber auch nur schwer erreichen. Zudem sei Telesur ein Akteur in der internationalen Medienarena, dem Sender komme damit eine andere Aufgabe zu, als die Prozesse auf den nationalen Ebenen zu beleuchten.

Allgemein wurde von den Teilnehmenden eine Polarisierung der medialen Öffentlichkeit in staatliche bzw. regierungsnahe und private, oppositionelle Medien herausgearbeitet. Eine entscheidende Rolle beim Wandel der Berichterstattung könnten nach Ansicht Urionas die Basismedien spielen. Diese seien sowohl von privatwirtschaftlichen als auch von staatlichen Interessen unabhängig. Nur stelle sich für viele die Frage nach Wegen hin zu einer nachhaltigen Finanzierung und weg von der von Hetzer skizzierten "Selbstausbeutung" der Medienschaffenden.

Der deutschsprachigen Lateinamerika-Berichterstattung fehle es vor allem in Einsicht in die lateinamerikanische Medienlandschaft, erklärte Harald Neuber. So würden seit Jahren Korrespondenzen abgebaut und zusammengefasst, so dass den Berichterstattenden nur noch der Umweg über einheimische Medien bleibe. In Unkenntnis werde dann von den überwiegend privaten Zeitungen und Sendern abgeschrieben, ohne deren ökonomische und politische Interessen zu reflektieren. Um diesen Informationskreislauf aufzubrechen rief Neuber abschließend dazu auf, sich auch in Deutschland für das Recht auf ausgewogene Berichterstattung einzusetzen und dieses direkt von den Medien einzufordern.

Hanno Bruchmann, Mitglied der Lateinamerika Gruppe Marburg (LAMA), welche die Tagung organisierte, zeigte sich gegenüber amerika21 sehr zufrieden mit dem Verlauf der Tagung: "Wir haben sehr viel mitgenommen und hoffen, dass die auf der Tagung erfolgte Vernetzung ihren Teil zur Schaffung einer kritischen und demokratischen Öffentlichkeit beiträgt."

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