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Mexiko: Kontaminierung und politisches Versagen im Großraum Guadalajara

amerika21 im Interview mit dem Umweltkollektiv Un Salto de Vida

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Der Wasserfall El Salto und Río Santiago von oben
Der Wasserfall El Salto und Río Santiago von oben

El Salto und Juanacatlán sind zwei Gemeinden der Metropolregion Guadalajara im mexikanischen Bundesstaat Jalisco. Eine Brücke über den Fluss Santiago verbindet die beiden Orte. Was direkt auffällt, ist die braune Färbung des Wassers, sein fauliger Geruch und die Schaumbildung auch noch hunderte Meter nach dem Wasserfall, der dem Ort El Salto seinen Namen gegeben hat. In dieser Region liegt einer der größten Industriekorridore Mexikos, in dem unzählige Unternehmen, davon über 70 internationale, angesiedelt sind. Dies bringt den Gemeinden jedoch keinen Wohlstand, sondern Krankheit, Armut und Tod. Landesweit haben El Salto, Juanacatlán und Tonalá die höchste Rate an Nieren-, Atemwegs- und Krebserkrankungen, insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und Schwangeren.1

Zu den Umweltbelastungen hat die Landesregierung von Jalisco verschiedene Studien in Auftrag gegeben, so 2009 bei dem Mexikanischen Institut für Wassertechnologie (IMTA) zur Wasserqualität sowie im selben Jahr bei der Autonomen Universität von San Luis Potosí zur Gesundheitsbelastung der Bevölkerung. Die Ergebnisse – unter anderem das Vorhandensein von 1.090 toxischen Substanzen im Wasser und die extrem hohe Konzentration von Schwermetallen im Blut von Kindern die in Gebieten nahe des Flusses lebten – wurden allerdings jahrelang verheimlicht.2

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Graciela González und Enrique Enciso, Gründer:innen des Kollektivs
Graciela González und Enrique Enciso, Gründer:innen des Kollektivs

Das Kollektiv Un Salto de Vida3 kämpft seit über 15 Jahren für das Recht der betroffenen Menschen auf eine saubere Umwelt und Gesundheit, ohne dass die Regierung bisher wirklich etwas gegen die Kontaminierung unternommen hat. Im Interview mit amerika21 sprechen Sofia, Alan, Graciela und Enriquez, die seit Beginn und an vorderster Front dabei sind, über die tödlichen Auswirkungen der Umweltverschmutzung und die Verantwortung internationaler und deutscher Unternehmen.

Wie wirkt sich die Luft- und Wasserverschmutzung in El Salto und Juanacatlán auf das Leben der Menschen aus?

Sofía: Als erstes spürten wir die gesundheitlichen Auswirkungen, also die Häufung von chronischen Krankheiten wie Nierenversagen, Krebs und anderen. Es geht aber auch um Volksleiden, also Infektionen, Allergien und Magen-/Darmerkrankungen, bei denen die genaue Ursache nicht festgestellt werden kann. Insbesondere Kinder und Jugendliche, die permanent mit Schadstoffen aufwachsen, treffen die gesundheitlichen Folgen. Wir beobachten außerdem gehäuft Fälle von Anämie, Epilepsien und psychischen Erkrankungen wie Depression, bipolare Störungen und Schizophrenie. Eine Studie hat bewiesen, dass sich Schadstoffe in der Umwelt auf hormonelle und reproduktive Prozesse auswirken und zu Funktionsstörungen, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten führen. Eine Lehrerin hier erzählte uns zum Beispiel, dass Mädchen im Alter von sieben und acht Jahren bereits ihre Periode bekommen.

Alan: Gesellschaftlich erleben wir aufgrund der gesundheitlichen Auswirkungen der Umweltverschmutzung gravierende Veränderungen. Die Menschen sind exponiert. Manche leugnen dies oder schämen sich für ihre Krankheit. Die meisten sind nicht sozialversichert und aufgrund der hohen Kosten für Medikamente und Klinikaufenthalte sind ihre Familien gezwungen, Geld für ihre Behandlung zu sammeln. Wir sprechen von einem enormen sozialen Zusammenbruch, denn es ist ein Teufelskreis aus Umweltverschmutzung, Krankheit, Behandlung, Arbeitsplatzverlust, Armut und Kindesvernachlässigung. Wir erleben oft, dass eine alleinstehende Mutter beispielsweise drei Kinder hat, von denen eins krank wird. Dann arbeitet sie wie verrückt, um Sozialhilfe und Krankenversicherung für ihr Kind zu erhalten und die beiden Anderen wachsen auf der Straße auf, wo auf sie das organisierte Verbrechen, Missbrauch oder Menschenhandel wartet. Krankheit reißt das Gefüge der Familien auseinander.

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Kontaminierter Zustrom Cuenca de Lo Ahogado mit Schaum (aufgenommen bei der sogenannten Toxi-Tour oder auch Tour de Horror)
Kontaminierter Zustrom Cuenca de Lo Ahogado mit Schaum (aufgenommen bei der sogenannten Toxi-Tour oder auch Tour de Horror)

Warum ändert sich seit Jahren nichts an der Situation? Wie konnten der Staat und die Industrie verschiedene Studien, die eindeutig die tödlichen Auswirkungen der Kontaminierung auf die Bevölkerung bewiesen haben, verheimlichen?

Sofía: Vor der Durchführung der Studien plante die Stadtverwaltung von Guadalajara die Gründung eines öffentlichen Unternehmens am Fluss Santíago, um ihn für die Trinkwasserversorgung zu nutzen. Sie plante ab den Nullerjahren, einen Staudamm zu bauen, das Wasser aus der Schlucht zu pumpen und aufzubereiten, was immense Kosten aufgrund des Energieverbrauchs und der Umweltverschmutzung verursacht hätte. Um zu beweisen, dass das Wasser zur Aufbereitung geeignet ist, gab der Staat zwei Studien in Auftrag: eine an das Mexikanische Institut für Wassertechnologie (IMTA) und eine an die Universität von San Luis Potosí. Aus der ersten geht hervor, dass im Wasser 1.090 giftige Stoffe enthalten sind, und in der zweiten konnten die schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung bewiesen werden. Dieses (mittlerweile gescheiterte) Regierungsvorhaben hat also politisch mit der Verheimlichung der Studie zu tun. Die Wissenschaftlerin aus San Luis Potosi unterbreitete mehrere Vorschläge, die Ergebnisse der Gemeinde oder dem Gesundheitsministerium zu übergeben, aber sie musste eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben.

Alan: Die Industriellen übten eine Menge Druck auf die Regierung aus, damit diese das Problem nicht anerkennt. Die Antworten der IMTA-Studie waren bereits so verfasst, dass sie die Wettbewerbsvorteile der Industriellen nicht beeinträchtigten, da die Umweltlasten sehr wohl bekannt waren. Als dann 2012 ein Junge namens Miguel Angel Lopez Rocha an einer Vergiftung starb, nachdem beim Spielen am Río Santiago seine Kleidung nass wurde, organisierten wir einen großen Protest mit Tausenden von Menschen. Wir forderten unter anderem die Durchführung von Untersuchungen zur Gesundheit und Wasserqualität. Mit dieser Studie wollte die Regierung also auch auf die Gemeinden eingehen, das Problem leugnen und das Megaprojekt rechtfertigen. Wir denken, dass die Verheimlichung der Studie unter anderem auch mit dem massiven Protest von unserer Seite zu tun hat.

Graciela: Die Politik ahnte damals nicht, dass das Problem solche Ausmaße annehmen würde. Kurzum, die Studien dienten dazu, den Protest zu beruhigen und das Megaprojekt zu rechtfertigen. Stell dir vor, wir können erst seit einem Jahr auf ihre Inhalte zugreifen, und sie wurden 2011 fertiggestellt!

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Toxi-Tour
Toxi-Tour

Welche Rolle spielen die verschiedenen Regierungsinstitutionen auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene im Konflikt, wie zum Beispiel das Gesundheits- und Umweltministerium von Mexiko und Jalisco? Warum handeln sie nicht und ergreifen ausreichende Schutzmaßnahmen?

Sofía: Behördenangaben zufolge hat sich die Wasserqualität verbessert, und wir beobachten weniger Schaumbildung und Geruch. Allerdings hat die Konzentration von Schadstoffen wie Schwermetallen im Wasser, in der Umwelt und in den Körpern zugenommen. Fälle von Krankheit und frühem Tod sind häufiger als noch vor zehn Jahren.

Was die Rolle der Institutionen und ihre Interaktion mit den Betroffenen betrifft, denke ich, dass sich diese mit der Form und Stärke der Selbstorganisation der Menschen ändert. Im Jahr 2008 gingen wir beispielsweise auf die Straße, weil wir eine Antwort der Regierung auf unsere Fragen verlangten. Damals bestand die diskursive Strategie des Staates darin, das Problem zu leugnen und uns zu diskreditieren. Sie warfen uns vor, dass wir zum Beispiel den Müll nicht trennen würden und damit zur Umweltverschmutzung beitrügen. Daraufhin führten wir selbst Studien durch und befragten offizielle Statistiken. Die Institutionen handeln nur zum Wohle der wirtschaftlichen Interessen und ihrer selbst.

Wir sprechen also von Korruption?

Alan: Auch, aber die Idee der Korruption ist ein Diskurs, der nicht zum Kern des Problems vordringt. Strukturell handelt der Staat so, dass das, was geschieht, kein Verbrechen ist. Es besteht keine Notwendigkeit für Korruption, da die Umweltgesetze und -vorschriften sehr lax sind und es keine ausreichende Infrastruktur von Inspektoren, Überwachung und staatlichen technischen Mitteln gibt.

Daran ist nicht nur Mexiko und sein System schuld, sondern auch der internationale Markt. Die Freihandelsabkommen mit den USA und Europa haben die Vorschriften untergraben. Institutionen und Normen waren früher besser strukturiert und vielfältiger, aber der Neoliberalismus hat sie zersplittert.

Um es kurz zu machen, die Industrien haben ihre Akteure in den politischen Institutionen und bezahlen offensichtlich die Gesetzgeber, was man Korruption nennen könnte. Sie haben innerhalb des Staates eine Struktur aufgebaut, die es scheinbar ermöglicht, im Rahmen der Governance alle Sektoren zu berücksichtigen. In Wirklichkeit berücksichtigen sie jedoch nur diejenigen, die über wirtschaftliche und technische Möglichkeiten verfügen. Die verschiedenen Sektoren sind in den staatlichen Stellen, die für die Umsetzung von Fachnormen zuständig sind, vertreten und es wird ein industriefreundlicher Staat geschaffen.

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Wasserfall zwischen El Salto und Juanacatlán, Río Santiago
Wasserfall zwischen El Salto und Juanacatlán, Río Santiago

Hat die Nationale Menschenrechtskommission von Jalisco, die regelmäßig Empfehlungen veröffentlicht, genügend Macht?

Enrique: Nein, ihre Empfehlungen sind nur ein Haufen Schnickschnack, da sie rechtlich nicht bindend sind. Die Industrie dieses Landes erwirtschaftet hier laut NTR Nachrichten 144 Milliarden Pesos pro Jahr ‒ aber El Salto ist die ärmste Gemeinde in der Metropolregion Guadalajara. Ich sage immer, dass der Staat bereits über unser Leben entschieden hat, zum Beispiel, dass die Menschen zwanzig oder dreißig Jahre früher sterben. Eigentlich müssten die Menschen täglich gegen dieses Unrecht auf die Straße gehen. Wie ist es möglich, dass niemand etwas unternimmt? Erstaunlich ist auch, wie sich der Staat in den Dienst der Schuldigen stellt. Sie verfügen über brillante Köpfe, die genau wissen, wie sie den Ökozid fortsetzen können und haben die Grenzen des Erträglichen gut ausgelotet.

Wie hat sich die Lokalregierung von El Salto im Konflikt positioniert?

Alan: Seit Beginn handelt sie ausschließlich im Sinne der Industrie. Im letzten Jahr hat sich El Salto als Industriestadt benannt. Das Ziel der Lokalregierung besteht in immer mehr Investitionen und einer intensiveren kommerziellen Nutzung des Bodens.

Theoretisch kann gemäß Artikel 115 der Verfassung niemand anderes als die Gemeinde über die Bodennutzung entscheiden. Zuvor müssen Genehmigungen des Bundes und des Landes eingeholt werden, und sogenannte Flächennutzungs-, Entwicklungs- und Bebauungspläne entwickelt werden. In der Planungsphase stellt die Gemeinde Unternehmen ein, die sich auf diese Beratungsleistungen spezialisiert haben, darunter viele aus der Immobilienbranche. Auf nationaler Ebene ist dies der erste Sektor, welcher die Politik der derzeitigen Regierung unter Präsident Andrés Manuel López Obrador unterstützt.

Jede Regierung und jede Partei fördert einen speziellen Sektor, auch wenn es einige Branchen gibt, die ihre Finger immer in allen Parteien haben werden. Ein weiterer Punkt ist, dass die Stadtpolizei als Erste im Falle von Protesten eingreift. Sie sind es, die entführen, foltern und verschwinden lassen und mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung stehen. Die besten Freunde der Industrie sind also die Kommunen. Und sie schützen die städtische Polizei und die organisierte Kriminalität beziehungsweise werden von diesen geschützt.

Vielen Dank für das Interview und eure Zeit!

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