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26.05.2012 Argentinien / Deutschland / USA / Politik

Das braune Exil in Argentinien

Wie Adolf Eichmann und andere Naziverbrecher sich über die "Rattenlinie" nach Südamerika absetzten
Titel des neuen Buchs von Gaby Weber

Titel des neuen Buchs von Gaby Weber

Nach der Gründung der Bundesrepublik setzte eine wahre Völkerwanderung nach Südamerika ein. Über die sogenannte Rattenlinie flohen Tausende Nazis mit Hilfe des Vatikans und des Roten Kreuzes über Genua nach Argentinien. Viele setzten sich auch über skandinavische Länder ab. Diese Fluchtbewegungen konnten an den Alliierten nicht vorbeigegangen sein.

Das Nazi-Exil jonglierte zwischen Ost und West, war Teil des Kalten Krieges, der auch in den entlegensten Winkeln des Planeten ausgetragen wurde. Die geflüchteten SS-Leute dienten sich in diesem Machtkampf allen Seiten als Experten an, aus Gründen der eigenen Sicherheit und aus Gründen des finanziellen Überlebens. Die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges waren kein Thema, in Argentinien am wenigsten.

Eichmann soll nach offizieller Geschichtsschreibung nach Kriegsende unauffällig in der Nähe von Celle gelebt haben, erst als Holzfäller, dann als Hühnerzüchter. Doch laut freigegebenen BND-Akten hielt er sich bis 1948 vorwiegend in Oberösterreich auf.1 Die Siegermacht USA hatte keine Hemmungen, die gerade besiegten Gegner – die Hitlerleute – im Kalten Krieg militärisch gegen die bis vor kurzem noch verbündete Sowjetunion zu verwenden. Es waren der Geheimdienst der US-Army CIC und die 1947 gegründete CIA, die diese Leute dank ihres "anti-kommunistischen Erfahrungsschatzes" vor der Strafverfolgung schützten und für ihre Zwecke benutzten.

In Oberösterreich war eine U-Bewegung von alten Nazis entstanden, die in engem Kontakt mit den US-Behörden stand. Sie nannten sich Spinne oder Sechsgestirn. Ihre Mitglieder, ehemalige Angehörige der SS, SA und der Gestapo, bezeichneten sich als "U-Boote". Ihre Aufgabe bestand nicht nur in der Sammlung der alten Kameraden, um sich einer möglichen Strafverfolgung zu entziehen. Sie wollten das Dritte Reich und den Führerstaat zurückhaben.

Welche konkreten Aufgaben Eichmann hatte – das geht aus den BND-Akten nicht hervor. Dort ist die Rede von einer straff organisierten Nazistruktur in Oberösterreich, die mit "Kenntnis" der Westalliierten militärisch in Osteuropa operieren sollte. "Eichmann war bis vor zirka drei Monaten, vermutlich seit Kriegsende 45, in den Bergen bei Grundlsee und bei einem Schriftsteller in Grundlsee selbst im Aufenthalte […] Bis Sommer dieses Jahres hat Eichmann unter dem Namen 'Ehrenreich' gelebt", heißt es in einem Vermerk der Linzer Sicherheitsdirektion.2 "Eichmann bekam vor einigen Monaten von der in Österreich bestehenden U-Bewegung einen österreichischen I-Ausweis auf den Namen 'Veres, Alfred', geboren im Wiener-Neustadt, ausgestellt. Seine letzte Zusammenkunft mit seiner Frau Veronika Liebl (Eichmann) erfolgte vor ca. drei Monaten auf einer Almhütte im Totengebirge. Er hatte damals seiner Frau gesagt, dass er zu seiner weiteren Sicherheit von seinem Aufenthaltsort Grundlsee verschwinden müsste. […] Weiters erzählte Eichmann seiner Frau, dass er von seinen Kameraden verständigt worden sei, nach Braunau am Inn zu kommen, da er dort gebraucht wird. […] Frau Eichmann hat letzten Sonntag am 12. Dezember 1948 bei einer Besprechung mit Vertrauensleuten ein kleines Lichtbild ihres Gatten vorgezeigt."3 Post erhalte Frau Eichmann laufend mittels Kurier, und zwar durch ihren Schwager Fritz aus Linz.

"Eine Zusammenkunft mit Eichmann ist möglich, doch nur für solche Personen, die Eichmann persönlich kennen. Der Ort der Zusammenkunft kann fallweise bestimmt werden", heißt es in den BND-Akten in einem Bericht aus Linz.4

In der Nähe von Frau Eichmann, in Altaussee, lebte Dr. Euler, einst Arzt bei der SS-Division Totenkopf, sowie die SS-Ärzte Dr. Konrad und Hofer. Ganz in der Nähe, in Südtirol, hielt sich Siegfried Uiberreither auf, einst Gauleiter der Steiermark, dann Zeuge beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, der sich einer drohenden Auslieferung an Jugoslawien durch Flucht aus einem Lager der Alliierten entzogen haben soll und schließlich in Argentinien landete, sowie ein gewisser Dadieu, der laut Geheimdienst-Vermerk "das Versteck von sieben Kubikmeter Schwerem Wasser, welches in der Steiermark vergraben sein soll" kannte.5 Vermerk der Linzer Erhebungsgruppe vom 13. Dezember 1948: "Eichmann und Skorzeny sollen sich, wie Mitterhuber behauptet und Frau Eichmann andeutete, in Bayern bzw. an der bayerisch-österreichischen Grenze bei Passau aufhalten und sollen im Begriffe sein, eine Bande (Partisanen) zu organisieren, die sich vom Böhmerwald bis nach Salzburg erstrecken soll. Diese angebliche Bande soll mit Kenntnis und Einverständnis der Amerikaner aufgebaut werden und bei einer eventuellen Auseinandersetzung zwischen den Ost- und Westmächten in Aktion treten."6

Der V-Mann berichtete von konkreten militärischen Plänen der Amerikaner: "Neuerdings soll er [Mitterhuber – gw] aus Deutschland von der dort bestehenden U-Bewegung die Weisung erhalten haben, in Österreich sämtliche Kraftfahrzeuge erfassen zu lassen, welche Fahrzeuge für eine eventuelle Mobilmachung vorgesehen sind."7 Die U-Bewegung in Europa werde von einem ehemaligen deutschen Offizier geleitet: "Vermutlich Kesselring, welcher im Sommer 1948 mittels Flugzeug und angeblich im Einvernehmen mit den Amerikanern nach Spanien flüchtete. Als zweiter Führer der U-Bewegung für Deutschland und Österreich wurde der SS-General Paul Hausser benannt, welcher sich in Bayern befindet. […] Herbert Ranner soll ebenfalls dem Sechsgestirn angehören."8

Generalfeldmarschall Albert Kesselring hatte in Italien Hunderte Zivilisten als Vergeltung für Partisanenangriffe erschießen lassen, er befehligte noch im März 1945 die Westfront. Ob er wirklich, wie es in dem Linzer Bericht heißt, "nach Spanien flüchtete", ist zweifelhaft. Er war, zumindest zeitweise, im Zuchthaus Werl inhaftiert, wurde aber 1952 nach massivem politischen Druck der Adenauer-Regierung endgültig "aus Gesundheitsgründen" entlassen. Dann gründete er Organisationen wie "Stahlhelm" und "Bund der Frontsoldaten" und starb friedlich 1960. Ob er sich vor 1952 in Österreich aufhielt und die Untergrundbewegung leitete, muss dahingestellt bleiben.

Die US-Army wollte sich bei ihren Invasionsabsichten gen Osten der Nazi-Offiziere bedienen, auch des Generaloberst der Waffen-SS Paul Hausser. Er war an schweren Kriegsverbrechen in der Sowjetunion beteiligt. Nachdem er sich dem US-Geheimdienst angedient hatte, wurde er 1949 offiziell aus der Haft entlassen, Anklage gegen ihn nie erhoben. Aber schon vor seiner Entlassung soll er für seinen neuen Dienstherrn aktiv gewesen sein. Die U-Bewegung versorgte die alten Kameraden, viele von ihnen nunmehr im Dienst des CIC und der CIA, mit falschen Papieren, Geld und Unterkünften. "Das Ziel der U-Bewegung ist vorerst nur ein militärisches, im Falle einer Auseinandersetzung zwischen Ost und West sollte dann ein aktives Auftreten erfolgen. Über das spätere politische Ziel dürfte jedoch kein Zweifel darüber bestehen: die Wiedergeburt eines Führerstaates im nationalsozialistischen Sinne zu erkämpfen. Einige Männer der U-Bewegung wie Hausser und Ranner sind außerdem bei den Amerikanern im Spionagedienst tätig."9

Der "geistige Oberleiter" der U-Bewegung war Josef Urban, vormals SS-Obersturmbannführer und enger Mitarbeiter Eichmanns im SD in Ungarn. Ihm kauften nach dem Krieg die Dienste in Ost und West seine meist frei erfundenen Geschichten ab, zuerst gegen Straffreiheit, dann mit Geld. Im Juni 1946 "flüchtete" Urban aus einem Internierungslager des CIC, endgültig "entlassen" aus den Diensten des CIC wurde er laut BND im Frühjahr 1950.10 In den Keisen der U-Bewegung, so ist den Akten im Bundesarchiv zu entnehmen, verbreitete Urban munter, dass Hitler leben und die U-Bewegung Verbindung zu Hitler und Eichmann haben würde, auch dass er, Urban, für ihn arbeite. Später hätte er sogar behauptet, dass eine unmittelbare Verbindung zu Hitler bestünde, die über Argentinien liefe, und über den Aufenthaltsort Hitlers geheimnisvolle Andeutungen gemacht, so z. B. dass eine 1939 ausgelaufene deutsche Antarktisexpedition im Südpolargebiet fruchtbares Land gefunden und dort ein Refugium geschaffen hätte. Im Rahmen der Neonazigruppen sei das Argument, dass Hitler noch lebe, bedeutsam gewesen, da Urban daraus ableitet hätte, dass der dem Führer geschworene Eid noch seine Gültigkeit habe und alle, die dies nicht anerkennen wollten, einmal als Verräter bestraft werden würden.11

Mal wollte Urban dem BND geheime Dokumente aus Ungarn besorgen, ein anderes Mal spiegelte er enge Verbindungen ins Zentralkomitee der österreichischen kommunistischen Partei vor und versprach, an Interna heranzukommen. Es erwies sich alles als Bluff – aber Urban beschäftigte die CIA und die europäischen Dienste jahrelang. Der BND übernahm ihn offiziell 1956. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Linzer Sicherheitsdirektion längst gemerkt, dass Urban vor allem in die eigene Tasche wirtschaftete: er organisiere einerseits die NS-Bewegung, andererseits verkaufe er selbst diese von ihm irregeleiteten und verführten Menschen auf Anhieb der Polizei.12 Seine Beziehungen zum israelischen Nachrichtendienst seien ein nicht minder pikantes Gegenstück.13

1949 wurde die Bundesrepublik gegründet und die militärischen Angriffspläne auf Osteuropa und die Sowjetunion erst einmal aufgegeben. Der Kalte Krieg brach aus. Wann dieser junge Staat wiederbewaffnet und eine eigene Armee haben würde, stand noch in den Sternen. Wohin also mit den Zehntausenden, die mit einem Prozess wegen Kriegsverbrechen zu rechnen hätten? Mit ihnen war der neue Staat nicht aufzubauen, sie waren, würde man heute sagen, ein "Arbeitskraftüberhang" und mussten weg. Gleichzeitig sollte das versteckte Kapital in den Kreislauf der Nachkriegswirtschaft integriert werden, und das ging nur über die Exportwirtschaft und Auslandsinvestitionen mit Nazigeldern.

Laut BND-Akten war Eichmann von Celle aus, wo er einen Stützpunkt unterhielt, von seinem Freund Luis Schintlholzer in dessen Auto aus Deutschland heraus bis über die österreichische Grenze nach Italien verbracht worden. "Vor seiner Abreise hat Eichmann dem Schintlholzer gegenüber geäußert, dass er Dokumente und Unterlagen über die Endlösung der Judenfrage in Norddeutschland (vermutlich im Raum Celle) sichergestellt habe", heißt es in einem BND-Vermerk.14 Wo diese "Unterlagen über die Endlösung der Judenfrage" zum Schluss gelandet sind, ist unklar. Der BND dürfte das wissen.

Im Juni 1950 schiffte sich Eichmann als Ricardo Klement in Genua Richtung Argentinien ein. Der Geheimdienst wusste vermutlich von seiner Flucht, denn "der BND verfügt in diesem Raum über mehrere gute Verbindungen", heißt es in den freigegebenen Papieren.15 Außerdem war einer seiner Mitarbeiter nah an Schintlholzer dran. Dieser gehörte, laut BND, "in den Kreis, der 1950 Eichmann nach Argentinien schleuste. Sch. brachte Eichmann selbst in seinem Wagen von Celle bis an die österreichische Grenze. […] Schintlholzer ist Österreicher, er hat seit Kriegsende eine gefälschte deutsche Staatsangehörigkeit. In Innsbruck, wo er wegen Vorfällen im November 1938 verurteilt werden soll, ist er offiziell totgesagt. Er beabsichtigt, sich der Innsbrucker Staatsanwaltschaft zu stellen. Dem […] Staatsanwalt ist dies bekannt, er steht dem Fall Sch. wohlwollend gegenüber und hat ihm sagen lassen, er möge sich nicht vor September stellen."16 Auszug aus einem BND-Vermerk vom August 1960: "In der Anlage wird die Fotokopie eines Schreibens vorgelegt, das V-54026 abgefasst hat und mit dem sie bat zu prüfen, wie dem zur Fahndung ausgeschriebenen ehemaligen SS-Führer Schintlholzer geholfen werden kann. V-54026 wurde mitgeteilt, […] dass sie sich aus der Angelegenheit heraushalten soll, was, so wie die Dinge hier beurteilt werden, allerdings schwierig sein dürfte, denn der ganze Kreis ehemaliger SS und SD-Führer, mit dem V-54026 freundschaftlich verbunden ist und politisch sympathisiert, stellt auf die Dauer gesehen, wenn Aktionen wie im Fall Eichmann eintreten, doch eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar."17

Systematisch wurde bisher nicht aufgearbeitet, wie viele Nazis sich nach 1945 an den Río de la Plata abgesetzt hatten. In den ungeordneten Archiven der argentinischen Einwanderungsbehörde finden sich Einreisebelege – aber ob die vorgelegten Personalpapiere echt oder gefälscht waren, wurde nur in den wenigsten Fällen untersucht. 1997 hatte die argentinische Regierung die Kommission CEANA ins Leben gerufen, um die Nazi-Aktivitäten zu untersuchen. Doch Neues ermittelte die Kommission nicht. Das meiste war durch die Recherchen des argentinischen Journalisten Uki Goñi bekannt, der Rest waren Zeitungsausschnitte. Deshalb fehlen bis heute sowohl konkrete Zahlenangaben über die braune Völkerwanderung als auch Informationen über die wahren Identitäten.

In der Literatur wird der Eindruck erweckt, dass "nur" wenige Kriegsverbrecher in Argentinien waren, zwei- bis dreihundert. Doch ohne einen kompletten Abgleich der Einreisedokumente mit den Daten der ausgewanderten Nazis bleibt der strafrechtlich relevante Hintergrund der Emigration im Dunkeln. Das ist wohl beabsichtigt.

Man kennt einige Namen, die mit falschen Papieren gekommen sind, Eichmann, Mengele, Dadieu, Uiberreither. Die meisten nahmen, einmal in Südamerika angekommen, wieder ihren richtigen Namen an, andere behielten ihre geborgte Identität. Nur die wenigsten bemühten sich um die argentinische Staatsbürgerschaft.

Viel wurde geschrieben über die U-Boote, die voller Gold am Südatlantik eingetroffen sein sollen, um den neuen Einwanderern ihr Leben zu versüßen. Abgesehen von den beiden U-Booten U-530 und das U-977, kurz nach Kriegsende, entspringen diese Geschichten jedoch der Fantasie. Nur wenige Nazis verfügten über größere Finanzmittel wie der KZ-Arzt Josef Mengele, der von seiner Familie in Bayern alimentiert wurde. Die meisten waren mittellos und nahmen Jobs bei den deutschen Niederlassungen an, um sich über Wasser zu halten. In den dortigen Führungsriegen konnte man es zu einem ansehnlichen Auskommen bringen. Das Land am Rio de la Plata war damals reich.

Anführer des Nazi-Exils war Hans-Ulrich Rudel, hochdekorierter Stuka-Flieger im Zweiten Weltkrieg, Gründer des Freikorps Deutschland, das den Kommunismus wie die Einbindung des jungen Bonner Staates in die NATO gleichermaßen bekämpfte, sowie des Kameradenwerks, einer Hilfseinrichtung für ehemalige NS-Leute in Argentinien. Rudel feierte am 20. April 1952 zusammen mit dem früheren Generalmajor Adolf Galland im westfälischen Minden "Führers Geburtstag". "Rudel wie Galland besitzen die argentinische Staatsbürgerschaft", so ein Bericht des Geheimdienstes der US-Army, CIC, der die Tournee der beiden quer durch Deutschland auf Schritt und Tritt überwachen ließ.18 Sie konferierten mit der Sozialistischen Reichspartei und anderen Nazigrößen wie Otto Skorczeny. Es ging um die Gründung einer Massenbewegung der Deutschen Führung, dessen Finanzier Hjalmar Schacht sei, so der CIC-Bericht.19 Rudel verfüge über den stolzen Betrag von 32 Millionen DM, verteilt auf Schweizer und lateinamerikanische Bankkonten. Er war ein enger Vertrauter von General Perón und vertrat als "Auslandsvertreter" u. a. den Siemens-Konzern in Argentinien und Paraguay.

Dem Bericht lag ein Flugblatt des Freikorps bei, gerichtet an "Deutsche Männer, Deutsche Jugend!": "Wir halten eine gesamtnationale Opposition so lange für notwendig, als die Siegermächte ihre Aufgabe in der Erhaltung eines Systems der Schwäche in Deutschland, in der wirtschaftlichen und sozialen Niederhaltung unseres Volkes und in der Diffamierung unserer ehrenvollen vaterländischen Tradition einschließlich der Ehre des deutschen Soldaten des letzten Krieges erblicken."20

1953 wurde das Freikorps auf amerikanischen Druck verboten, die Überwachung von Rudel und seiner Kameraden verstärkt. Die Altnazis in Argentinien seien sowohl gegen die USA wie gegen die Sowjetunion eingestellt, heißt es in einem Bericht des State Department aus dem gleichen Jahr, "aber einige Neo-Nazi-Anführer in Argentinien und Deutschland sind für die Zusammenarbeit mit den Kommunisten. Sie stehen in Verbindung mit ehemaligen Wehrmachts- und Waffen-SS-Offizieren in der sowjetischen Zone Deutschlands".21 Die sowjetische Regierung habe in den letzten Monaten Interesse am Peronismus bekundet und den neuen argentinischen Botschafter in Moskau mit offenen Armen aufgenommen, eine hochrangige SU-Handelsmission sei an den Rio de la Plata geschickt worden, um die anti-amerikanischen Bestrebungen Peróns zu fördern und um das Land dem US-Einfluss zu entziehen.22

"Eberhard Fritsch und andere Mitarbeiter der Zeitung Der Weg sollen in Kontakt mit Offizieren und Behörden der Ostzone stehen, Karl Freiherr von Merck, der mit Fritsch zusammen arbeitet, soll Mitglied der in Argentinien ansässigen 'Deutschen Pro-Russischen Bewegung' [German pro-Russian Movement – gw]) sein."23

Die Bruderschaft soll aus Moskau finanziert werden, woran sich die Gruppe später spalten würde. Rudel wolle keine militärische oder politische West-Anbindung, sondern "ein unabhängiges Deutschland mit eigener Armee".24 Über ihn, so der Bericht, lägen unterschiedliche Einschätzungen vor, mal werde er als pro-UdSSR, ein anderes Mal als Anti-Kommunist beschrieben. "Er nennt die Adenauer-Regierung einen US-Satelliten", bewundere die Sowjetunion "wegen ihrer totalitärer Organisation" und würde "den sowjetischen Vorschlag nach einem vereinten, neutralen Deutschland und einer vereinten deutschen Armee unterstützen".25

Auch wenn die Gehaltslisten der Geheimdienste aus Ost und West noch nicht vorliegen und wahrscheinlich niemals komplett deklassifiziert werden – die Nationalsozialisten diesseits und jenseits des Atlantik gerieten in Finanznot. Die Unterstützung durch die deutsche Großindustrie hielt sich in Grenzen, deshalb dienten sie zunehmend ihre Dienste den Spionagenetzwerken beider Seiten an. Zitat BND: "Bei seinem letzten Deutschland-Besuch hatte Sassen engen Kontakt mit Rudel, von dem […] immer nachdrücklicher berichtet wird, dass seine politische Aktivität von Pankow beeinflusst wird. Es hat sich auch bestätigt, dass Sassen während seines Deutschlandaufenthaltes in Leipzig und Dresden war."26

Eine der schillerndsten Figuren ist der SS-Offizier und zweifach verurteilte Kriegsverbrecher Willem Sassen. Bezeichnenderweise fehlt in den Akten des niederländischen Nationalarchivs das Urteil: "Wir wissen auch nicht, wie das geschehen konnte", teilte das Archiv in Amsterdam auf Anfrage mit. Die Verurteilungen an sich wurden bestätigt.

Willem Sassen war in Belgien wegen seiner Beteiligung im deutschen Heeresdienst bei den Befreiungskämpfen um Belgien zum Tode und in den Niederlanden zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden.27 Über Dublin flüchtete er nach Argentinien und ließ seine zweite Frau, eine Tochter des süddeutschen Grafengeschlechts von Taufkirchen nachkommen. Er gründete ein Fotopressbüro in Buenos Aires, interviewte Präsident Perón und General Aramburu für Life – und dann Adolf Eichmann.

In seinem südamerikanischen Exil betätigte sich Sassen als Journalist, er schrieb für Life, und der Stern führte ihn im Impressum. Seinen Kontakt zur der Hamburger Illustrierten verdankte er seiner Bekanntschaft zu dessen Gründer und Herausgeber Henri Nannen. BND: "N. [Nannen – gw] war ab Herbst 44 stellv. Kommandeur (Obltn.) des SS-Propaganda-Unternehmens 'Südstern' in Italien. Er blieb allerdings Luftwaffenoffizier. – S. [Sassen, gw] war holländischer Kriegsberichter bei der Waffen-SS. […] Im Stern-Impressum wird er nur als 'schmückendes Beiwerk' gebracht, um die Weltweite dieser Illustrierten zu demonstrieren."28 Sassen sei eine "ausgesprochene Abenteurernatur, die sich nach 1945 nach Argentinien absetzte und sich dem Kreis um den ehemaligen Oberst Rudel anschloss."29 Und weiter heißt es in den BND-Akten vielsagend: "In der Berichterstattung nicht immer zuverlässig und nicht billig."30

Vor allem aber erstattete Sassen regelmäßig Rapport in der US-Botschaft, hatte der BND schon 1959 erfahren: "Sassen gilt als ein Mann, der auf zwei Schultern trägt. Man verdächtigt ihn, sowohl für Gehlen als auch für die Amerikaner tätig zu sein. Er verfügt über gute Beziehungen zum amerikanischen Botschafter in Buenos Aires. […] Er hatte bisher keinen ordnungsgemäßen Pass. Sassen […] erklärte dann aber, er arbeite für eine deutsche Organisation, über deren Charakter er nichts sagen dürfe. Sie werde von einem bekannten deutschen General geleitet, der Name beginne mit 'G'. […] Sassen verfügt im Gegensatz zu früher über reichlich Geldmittel."31

Obwohl die Niederlande seinen Namen erst 1969 von der Fahndungsliste strichen, erhielt Sassen im Januar 1959 einen deutschen Reisepass. Wieso – das wollte später das Auswärtige Amt klären. Ihm teilte der BND seine Informationen nicht mit, sondern antwortete lakonisch: "Zur Frage der Klärung der Staatsangehörigkeit des Sassen liegen hier keine Erkenntnisse vor."32 Das Bundesamt für Verfassungsschutz erwähnte zwar, dass er bei Kriegsende den Rang eines SS-Oberscharführers besessen hätte, aber: "anderen national-sozialistischen Organisationen gehörte er laut DC-Auszug nicht an."33

DC steht für das Document Center, damals noch unter US-Verwaltung in Westberlin. Wie es der mehrfach verurteilte Kriegsverbrecher geschafft hat, von dort einen dienlichen Auszug zu bekommen, ist ebenso unerklärlich wie der Erhalt der bundesdeutschen Staatsbürgerschaft. Auch in den Beständen des Berliner Bundesarchivs war kein einziger Hinweis über ihn zu finden: "Zu Sassen ließen sich im Aktenbestand der Sammlungen BDC und NS-Archiv des MfS keine Hinweise auf Überlieferung ermitteln."34 Im Unterschied zum Archiv in Amsterdam wundert man sich im Berliner Bundesarchiv nicht. Nicht mal in den Beständen des Document Centers, die inzwischen in Berlin liegen, ist Sassen aufgelistet. Die Geschichtsfälscher haben gründliche Arbeit geleistet. Auch im US-Bundesarchiv NARA ist Sassen nicht vermerkt, weder in den verfilmten DC-Beständen noch in den SS-Akten.

Bei Eichmanns Ankunft in Argentinien erwartete ihn die illustre Runde um Rudel und dessen Kameradenhilfswerk bereits. Im Hafen wurde er abgeholt und zunächst in die nördliche Provinz Tucumán geschickt, wo er bei der Firma Capri unterkam. Das Personal dieser Firma bestand fast ausschließlich aus Alt-Nazis. Die Firma war in der Wasserwirtschaft tätig und erhielt Aufträge der Regierung. 1952 ließ er seine Frau Veronika und die drei Söhne nachkommen, der Familie ging es wirtschaftlich nicht schlecht.

Im Handelsregister von Buenos Aires ist die Capri-Akte verschwunden, die Auskunft über ihre Gründungsmitglieder geben könnte – nicht die einzige Akte, die entfernt wurde, um die Firmengeschichte zu säubern. Eichmanns Biografen haben sich damit zufriedengegeben. Capris Chefingenieur war ein gewisser Carlos Laucher. Er hatte 1952 – da war Eichmann schon sein Angestellter–, zusammen mit Ernesto Altgelt ein ehrgeiziges Projekt entworfen: einen Tunnel unter dem Rio Paraná zu bauen, mit einer Länge von insgesamt 3000 Metern. So sollten die Provinzen Santa Fé und Entre Rios miteinander verbunden werden. Laucher und Altgelt kamen dafür nach Paraná, wer mit ihnen reiste, war nach fast sechzig Jahren nicht mehr festzustellen. Zwei Jahre später wurde ihr Projekt bewilligt, aber dann kam der Putsch gegen Perón und legte das Vorhaben auf Eis. Doch die Generäle erwärmten sich für die deutsche Technik, und General Aramburu erklärte das Vorhaben zur Angelegenheit von nationalem Interesse. 1957 wurde das Projekt erneut ausgeschrieben, und ein Firmenkonsortium unter der Leitung von Hochtief erhielt mit den Plänen von Laucher und Altgelt den Zuschlag. Ab 1962 begann der Bau.

Hatte Hochtief schon mit den alten Kameraden von Capri zusammengearbeitet? Nein, meinte die Essener Firma auf Anfrage. Hochtief sei doch erst 1959 nach Argentinien gegangen. Das ist falsch. Richtig ist, dass zwar die Hochtief SA, also die Aktiengesellschaft, 1959 gegründet wurde. Das geht aus dem Handelsregister hervor. Aber wer die Akte eingehend studiert, der findet darin ein Schreiben, aus dem hervorgeht, dass die Aktiengesellschaft aus einer GmbH hervorgegangen ist.35 Doch die Akte über die GmbH ist verschwunden. Schon seit längerem, wurde mir gesagt.

Von Capri wechselte Eichmann auf eine Großbaustelle, die am Río Paraná ein Kraftwerk baute, hundert Kilometer von Buenos Aires entfernt. Dort sah ihn jemand, der Simon Wiesenthal informierte, und der benachrichtigte 1954 den jüdischen Weltkongress in New York, um die US-Behörden zum Einschreiten zu bewegen.36 Doch die hatte schon im Oktober des Vorjahres beschlossen: "Es ist nicht unsere Aufgabe, Kriegsverbrecher zu jagen", und heftete den Brief kommentarlos ab.37 Laut internationaler Abkommen waren die deutschen Behörden für die Strafverfolgung nationalsozialistischer Verbrecher zuständig, und für irgendwelche "dirty tricks" sah man in Langley keine Veranlassung.

Die Biografen haben sich um Eichmanns Arbeitgeber wenig gekümmert. Dabei wäre dies nicht schwer gewesen. Nur ein Kraftwerk wurde damals im Umkreis der argentinischen Hauptstadt errichtet: San Nicolás, am Ufer des Rio Paraná. Das Projekt begann im Februar 1950, noch unter Perón. Der Auftrag war an ein deutsches Konsortium gegangen, bestehend aus den Siemens-Schuckertwerke AG, AEG und L & C Steinmüller. Der erste Großauftrag für eine deutsche Auslandsniederlassung, ein Jahr nach Gründung der Bundesrepublik! Siemens war federführend. Im Oktober 1957 wurde das Kraftwerk eingeweiht – aber da war Eichmann nicht mehr dabei.

Nach dem Sturz Peróns 1955 versuchte er sich mit einer Kaninchenzucht, dann mit einer Wäscherei bis er 1959 bei Mercedes-Benz angestellt wurde, der größten Nazigeldwäscheunternehmung in Südamerika.

Das braune Exil gab in der deutschen Kolonie den Ton an, man musste sich nicht verstecken oder rechtfertigen. Nach ihrer Herkunft, ihren Positionen im Dritten Reich fragte sie niemand. Für die argentinische Innenpolitik interessierten sich die Nazis relativ wenig, sie wollten bei der Neuordnung Europas mitmischen.

Wo Eichmann war, erfuhr die CIA schon 1954. Aber an seiner Verhaftung hatte sie kein Interesse. Jedenfalls nicht 1954. Vier Jahre später, am 19. März 1958, teilte der BND der CIA erneut seinen Aufenthaltsort und Decknamen mit.38

Zwischen 1956 und 1958 wurde Eichmann von Willem Sassen interviewt. Er und der Inhaber des rechtsradikalen Dürer-Verlages, Eberhard Fritsch, kürzten das umfangreiche Interview von ursprünglich 3000 Blatt auf eine "kommerzielle Version" von 800 Seiten und boten sie Zeitschriften und Geheimdiensten an. Das wenige, was im Bundesarchiv in Koblenz als Kopie liegt, ist ungeordnet, mit Tipp-Ex bearbeitet und lückenhaft.39 Es ging, bevor es dort landete, durch mehrere Hände: Nicht nur durch die von Sassen und Fritsch, sondern – mindestens – durch die der israelischen Staatsanwaltschaft und der US-Dienste. Sassen werden, so heißt es in internen BND-Vermerken, "amerikanische Nachrichtendienst-Beziehungen nachgesagt".40 Die CIA hält ihre Sassen-Papiere weiterhin geheim, teilte sie mir auf meinen Antrag mit.

Sassen war geschäftstüchtig, er starb unbehelligt und mit üppigen Finanzpolstern ausgestattet in Südamerika. Wie Sassen ((ich hab das hier anders ausgedrückt, dass sassen auch mal beim MfS angeklopft hat, wuerd ich nicht als „arbeiten" bezeichnen, sondern eher als „preise in die hoehe treiben")) arbeiteten die meisten Nazis für mehrere Geheimdienste, manche für West und Ost, und Carlos Fuldner, Organisator der Nazi-Einwanderung und Eichmanns Arbeitgeber Anfang der fünfziger Jahre, sogar für eine dritte Seite. Fuldner war laut BND-Quellen auch noch für den argentinischen polizeilichen Nachrichtendienst SIDE tätig und spielte bei der Verhaftung Eichmanns eine zentrale Rolle.41

Der BND hätte das Sassen-Interview für 80-100000,- DM erstehen können, heißt es in einem Aktenvermerk.42 Sassen und Fritsch boten es auch dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) an. Vermutlich, um einen höheren Preis zu erzielen.

Die Rechte an dem Gespräch, das sich über zwei Jahre hinzog, reservierten sich Eberhard Fritsch und Sassen. Fritsch war Herausgeber des argentinischen Naziblattes Der Weg (El Sendero). Gegen ihn ermittelte die Staatsanwaltschaft Lüneburg wegen "Staatsgefährdung", der Verfassungsschutz überwachte ihn bei seinen Deutschland-Besuchen. Zitat aus den BND-Akten: "E. F. hat einem zuverlässigen VM einige Probeblätter der Aufzeichnungen (DIN A 4) in Ablichtung gezeigt. Die Probeblätter beinhalten Erklärungen Eichmanns über einen angeblichen Briefwechsel zwischen dem Generalgouverneur Dr. Hans Frank und Dr. Globke. Nach Eichmann soll Dr. Globke sich gegenüber Frank über das 'zu weiche und unentschlossene Auftreten' Eichmanns beschwert haben. Eichmann versucht (die Echtheit der Aufzeichnungen vorausgesetzt) damit eindeutig, die Verantwortung für seine Maßnahmen auf 'Weisungen von oben' abzuwälzen".43

In Deutschland und Israel war 1956 das Buch Alex Weissbergs über Joel Brand erschienen.44 Darin beschreibt der Leiter des jüdischen Widerstandes in Ungarn Eichmanns führende Rolle bei den Transporten von 434000 Juden nach Auschwitz und sein Angebot, für 10000 LKW eine Million Juden zu verschonen. Eichmann sei, so Brand, ein eiskalter Antisemit gewesen, ein gnadenloser Erfüller der Endlösung, bei der sechs Millionen Juden ermordet worden seien. Eichmann fühlte sich von Brand zu Unrecht beschuldigt und wollte sich verteidigen. Er habe gar nichts gegen Juden, sprach er Sassen ins Mikrofon, sondern habe nur seine Pflicht getan, und die Zahl der sechs Millionen sei "Quatsch", maßlos übertrieben.

Wie viele Juden der NS-Vernichtungsmaschinerie zum Opfer gefallen waren, wollte in jenen Tagen auch die Adenauer-Regierung herausfinden. Ihr fiel nichts Besseres ein, als bei den Tätern in Argentinien nachzufragen. Ob sie auch bei Eichmann anklopfte, geht aus den Akten des Auswärtigen Amtes nicht hervor. Dort finden sich aber Anfragen des Bundes-Innenministeriums an die deutsche Botschaft in Buenos Aires und an das Deutsche Institut für Zeitgeschichte. Man möge bitte bei Juan Maler, einem früheren Abwehragenten auf dem Balkan (richtiger Name: Reinhard Kopps) nachfragen. "Wir sollten Herrn Maler gerade wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit die Möglichkeit geben, an zuverlässiger Stelle über die während dieser Zeit verübten Greueltaten zu unterrichten."45 Der schrieb aus Bariloche, dass "derartige Vergasungen nicht erfolgt sind".46 Dabei ließ man es bewenden.

Das komplette Sassen-Interview befindet sich in den Archiven der Geheimdienste. Im Koblenzer Bundesarchiv liegen zensierte Bruchstücke, die die Zeit nach 1945 fast komplett ausklammern. Weder die nukleare Zusammenarbeit der Argentinier mit den Deutschen und den Israelis noch der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, Adenauers Staatssekretär Globke, sind in den Akten aus Koblenz bzw. in dem bisher vom BND freigegebenen Sassen-Interview ein Thema. Das ist unglaubwürdig, denn Globke stand Ende der fünfziger Jahre im Zentrum der Kritik der anti-faschistischen Kräfte, der Journalist Sassen wird mit Sicherheit über ihn gesprochen haben.

Was Sassen und Fritsch vor dem Prozess in Jerusalem mit dem Eichmann-Interview anstellten – darüber wurde der BND über seine V-Leute auf dem Laufenden gehalten. Und die meldeten beflissen, dass Fritsch enttäuscht meinte, "Sassen habe ihm das Material nicht geschickt, weil er erfahren hat, dass [CIA-Chef Allen – gw] Dulles in den USA in einem Gespräch mit dem Verleger von Life geäußert hat, dass in der BRD beziehungsweise in Österreich Verhandlungen zum Kauf von Kopien laufen."47 Die Quelle 7396 wurde angerufen und zu einer "sofortigen Besprechung mit Sassen" gebeten: "V-7396 lehnte ab. Sassen hatte sich, bevor er am 25. Dezember zu der Besprechung nach München kam, mit Hilfe von Rudel, mit dem er in Kufstein zusammengetroffen war, darüber Klarheit verschafft, dass er nicht im Fahndungsbuch steht."48

An den deutschen Strafverfolgungsbehörden gingen diese Aktivitäten vorbei bzw. störten sie sich nicht daran. Zwar ermittelte der Generalbundesanwalt in Karlsruhe Anfang der sechziger Jahre gegen Rudel "wegen des Verdachts der Geheimbündelei im Zusammenhang mit der OAS, der Opération de l´Armée Secrète", einer rechtsradikalen Söldnertruppe, die gegen die algerischen Befreiungsbestrebungen kämpfte.49 Doch das Verfahren wurde damals "mangels Tatverdacht eingestellt" – ob der BND mit daran gedreht hat, teilte die Bundesanwaltschaft nicht mit. Auch für Spionage war die Bundesanwaltschaft zuständig, und damals reichte schon ein Besuch in der DDR für die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens. Doch bei den Nazis waren die Behörden nachsichtig. Hinweise zu Kontakten Rudels zum MfS seien nicht vorhanden, so die Bundesanwaltschaft.50 Pullach hat seine Informationen den Strafverfolgern vorenthalten. Zu Eberhard Fritsch und Eichmann seien aber Ende der fünfziger /Anfang der sechziger Jahre "Aktenvorgänge angelegt" worden, so die Bundesanwaltschaft.51 Sie wurden 1959 bzw. 1962 geschlossen, der Inhalt könne nicht nachvollzogen werden. Ein Ermittlungsverfahren sei nicht eingeleitet worden.52

Bis heute ist das Kapitel des argentinischen Nazi-Exils nicht aufgearbeitet worden – vermutlich weil nicht nur die Geheimdienste von Ost und West diese Leute für sich arbeiten ließen und ihnen bei der Flucht vor den Strafverfolgungsbehörden halfen. Auch die deutschen Firmen, allen voran Daimler-Benz, schweigen vornehm dazu, dass ihre Chefetagen Nazi-Nester waren, in denen viele, von denen bis heute nicht bekannt ist, welche Identitäten sich dahinter verbergen, mit falschen Papieren saßen.

Der Einzige, der Informationen zu Eichmann gesammelt hatte, war ein blinder Jude. Lothar Hermann war im September 1935 der Gestapo aufgefallen, weil er beim Devisenschmuggel nach Frankreich erwischt worden war. Es ging um 90 RM, reichte aber für ein Ermittlungsverfahren wegen Spionageverdachts. Hermann landete im KZ Dachau. Nach seiner Entlassung flüchtete er zunächst nach Holland und dann nach Südamerika, wohin drei Jahre zuvor sein Bruder Hugo übergesiedelt war. In Rosario wurde seine Tochter Silvia geboren, später siedelte die Familie nach Buenos Aires über. Die Hermanns zogen in das von Deutschen bewohnte Stadtviertel Olivos, wo ab Mitte der fünfziger Jahre auch die Familien Eichmann und Mengele unter ihren richtigen Namen lebten. Silvia hatte in einem Kino in der Nachbarschaft Klaus Eichmann kennengelernt. Das meldete ihr Vater 1957 dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Und der alarmierte die israelischen Behörden.

Doch die zeigten kein Interesse. Ben Gurion ging es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Waffen, Atomtechnologie und Geld.


Dieser Text ist ein Abdruck aus dem Buch "Eichmann wurde noch gebraucht - Der Massenmörder und der Kalte Krieg" von Gaby Weber, ISBN 978-3-360-02138-0,224 Seiten mit zahlreichen Fotos. Wir danken Verlag und Autorin für die freundlich Genehmigung des Abdrucks.

  • 1. Bundesarchiv Koblenz, B 206, 1985, fol 1 – 920, BND 102350, S. 252. Informationen über Eichmann, Linz 16. Dezember 1948, siehe auch Vermerk vom 13.Dezember 48
  • 2. Vgl. ebd., Vermerk vom 16. Dezember 1948
  • 3. Ebd.
  • 4. Ebd., Bericht vom 25. Oktober 1948, S. 267
  • 5. Vgl. ebd.
  • 6. Bundesarchiv Koblenz B 206, Vermerk vom 13. Dezember 1948
  • 7. Ebd.
  • 8. Bundesarchiv Koblenz B 206, Bericht der Sicherheitsdirektion Linz von 25. Oktober 1948, S. 258
  • 9. Ebd. f
  • 10. B 206/1986 fol 1 – 249, BND-Archiv 10235, S. 49, Vermerk ohne Datum
  • 11. Bundesarchiv Koblenz, B 206/ 1985, BND-Bestand 102350, S. 66
  • 12. Vgl. ebd., S. 71
  • 13. Vgl. ebd.
  • 14. BND-Archiv, Signatur 121099, S. 1301-1750, S. 365
  • 15. Vgl. ebd., S. 414, Fernschreiben vom 14. Juni 1960
  • 16. BND-Archiv, Signatur 121099, S. 1751-2200, Vermerk vom 5. August 1960, S. 37
  • 17. Ebd., Vermerk vom 11. August 1960, S. 36
  • 18. Unterlagen des Department of the Army, US Army Intelligence and Security Command, Unterlagen des CIC zu Rudel etc., Freigegeben nach dem Freedom of Information Act, Archiv des Instituts für Sozialforschung, Hamburg, der Autorin freundlicherweise zur Einsicht zur Verfügung gestellt.
  • 19. Ebd.
  • 20. Ebd., dem Bericht beiliegendes Faltblatt
  • 21. German nationalist and neo-nazi activities in Argentina, released 2. Dez 1980, report vom 22. Juli 53, übersandt von der CIA an die Autorin im März 2011 als Antwort auf FOIA-Anträge, S. 2
  • 22. Vgl. ebd., S. 2
  • 23. Ebd., S. 36
  • 24. Vgl. Ebd. S. 37
  • 25. Vgl. ebd. S. 37
  • 26. BND-Archiv, Signatur 100470, S. 31, Vermerk vom 19.7.1959
  • 27. Vgl. Uki Goñi: La auténtica Odessa, Buenos Aires 2002, S. 337ff.
  • 28. Ebd., S. 31f
  • 29. BND-Archiv, Signatur 100470, S. 34, Vermerk vom 28. August 1959
  • 30. Ebd.
  • 31. BND-Archiv, Signatur 100470, S. 34, Vermerk vom 25.8.1959
  • 32. PA AA, BND an Bundesinnenministerium am 4. Februar 1961, B 82, Nr. 432
  • 33. PA AA, Bundesamt für Verfassungsschutz am 22. März 1961 an BMI, B 82, Nr. 432
  • 34. E-Mail-Schreiben des Berliner Bundesarchivs an die Autorin vom 29. Dezember 2010
  • 35. Schreiben eines Dr. Martin Dominguez vom 21. November 1973 an das argentinische Handelsregister, AZ 48.312
  • 36. Brief von Simon Wiesenthal vom 30. März 1954 an Nahoum Goldmann, den der Rabbiner Kalmanowitz an die CIA als Anlage am 6. Mai 1954 weiterleitet. CIA namefile, National Archives and Records Administration, College Park (NARA)
  • 37. NARA CIA namefile Eichmann, a.a.O., Vermerk vom 20. Oktober 1953
  • 38. RG 263, Records of the CIA, CIA Name Files 2d Releases, Eichmann, Adolf, Volume 2
  • 39. Bundesarchiv Koblenz Allproz 6/95
  • 40. BND-Archiv, Signatur 100470, Blatt 128
  • 41. Vgl. BND-Archiv, Signatur 100470, S. 67 ((schicken))
  • 42. Vgl. BND-Archiv, Signatur 100470, S. 126, Vermerk vom 13. September 1960
  • 43. BND-Archiv, ebd.,S.126
  • 44. Alex Weissberg: Die Geschichte von Joel Brand, Köln-Berlin 1956
  • 45. PA AA , B 90 – 5, Mikrofiche, am 15. Mai 59 schrieb BMI an Institut für Zeitgeschichte bezüglich "Untersuchungen über die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus".
  • 46. Vgl. ebd., Brief vom 9. Februar 1959
  • 47. BND-Archiv, Signatur 121099, S. 1751 bis 2200, S. 64
  • 48. Ebd., S. 159
  • 49. E-Mail von GBA an die Autorin vom 30. Dezember 2010
  • 50. Mitteilung der Generalbundesanwaltschaft vom 17. Dezember 2010 an die Autorin
  • 51. Vgl. ebd.
  • 52. Vgl. ebd.
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