Lateinamerika: Die Höhen und Tiefen der Geschichte

Auf Rückschläge können neue Fortschritte folgen. Der Verfall des US-Imperiums öffnet langfristig emanzipatorische Wege

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Man kann ein Jahrhundert größerer Fortschritte für die Bewegungen von unten erahnen, auch ohne einen sozialistischen Horizont
Man kann ein Jahrhundert größerer Fortschritte für die Bewegungen von unten erahnen, auch ohne einen sozialistischen Horizont

1. Wir, die in den 1940er Jahren geboren wurden, haben in nur wenigen Jahrzehnten beispiellose Fortschritte und Rückschritte miterlebt. Ich wuchs in der Hochphase des Kapitalismus auf, in der Nachkriegszeit, als Industrialisierung und Verstädterung eine bessere und komfortablere Welt versprachen, mit mehr Arbeitsplätzen und einer stärkeren globalen Integration, in der der Fortschritt grenzenlos schien.

Das Jahrzehnt, das mit der kubanischen Revolution begann, ging weiter mit der algerischen Revolution, den Barrikaden im Mai 1968, der Kulturrevolution in China, den Heldentaten Che Guevaras, den Bürgerrechtsbewegungen der Schwarzen in den USA, dem Sieg der Revolution in Vietnam und dem Sieg der sandinistischen Revolution.

Es schien, als würde die Welt angesichts einer endgültigen Krise unwiderruflich ein neues Kapitel aufschlagen: die Erschöpfung des Kapitalismus und der Hegemonie des US-Imperialismus, die Erschöpfung des sowjetischen Sozialismusmodells und der Strahlkraft des Globalen Südens als Zukunft der Menschheit.

Meine erste Aufgabe als politischer Aktivist bestand darin, eine kleine linke Zeitung zu verteilen, auf der das Foto einiger Bärtiger zu sehen war, die in Mittelamerika eine Diktatur gestürzt hatten. Damals gab es die Karibik schließlich noch nicht. Ziemlich schnell entwickelte sich diese antidiktatorische Bewegung zu einer nationalistischen, antiimperialistischen und sozialistischen Revolution, bis sie für mich und andere Generationen in ganz Lateinamerika zum Inbegriff der Revolution wurde.

Die lateinamerikanischen Guerillabewegungen entstanden als Fortsetzung des kubanischen Sieges, bis die Guerillakämpfer zehn Jahre später einen weiteren Sieg in Nicaragua errangen.

Im selben Jahr des Sieges der Sandinisten, 1979, markierten die iranische Revolution, die Einsetzung einer progressiven Regierung in Grenada und einer weiteren in Surinam sowie die Wahl Fidel Castros zum Präsidenten der Bewegung der Blockfreien Staaten ebenfalls einen beispiellosen Wendepunkt in der Zeitgeschichte.

Zwar war es ein Jahr, in dem viele der genannten Fortschritte erzielt wurden, symbolisiert durch den demütigenden Rückzug der USA aus dem Iran, doch es gab auch zwei bedeutende Ereignisse mit negativen Folgen: den Iran-Irak-Krieg und die sowjetische Invasion in Afghanistan.

2. Die Krise von 1973 zwang die führenden westlichen Länder, die die größten Ölverbraucher waren, angesichts des enormen und plötzlichen Anstiegs des Rohölpreises dazu, nach alternativen Energiequellen zu suchen und den Kraftfahrzeugverkehr umzugestalten. Man sprach von Solarenergie und von Kleinwagen, die weniger Benzin verbrauchen würden.

Doch die Lösung des westlichen Blocks kam von einer anderen Seite: der Anstiftung zum Krieg zwischen den beiden größten Mächten des Nahen Ostens: dem Irak und dem Iran. Ein brutaler Krieg, der die Einheit der arabischen Welt zerschlug, welche 1973 den Anstieg der Ölpreise und die entschlossene Einforderung der palästinensischen Rechte begünstigt hatte, und der die politische Macht beider Länder neutralisierte. Diese Maßnahme wurde durch den ersten Irakkrieg ergänzt, als sich die USA endgültig in der Region festsetzten und die Ölversorgung zu niedrigen Preisen sicherten.

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Die sowjetische Invasion in Afghanistan entwickelte sich zu einem weiteren umstrittenen Thema, das die Bewegung der blockfreien Staaten spaltete und die Präsidentschaft von Fidel Castro schwächte.

Die gemäßigtere Regierung von Jimmy Carter nach dem Sturz von Richard Nixon scheiterte und machte den Weg frei für einen neuen Kalten Krieg, der von Ronald Reagan und Margaret Thatcher vorangetrieben wurde und zu einem rasanten Aufstieg des Neoliberalismus in der Welt führte.

Danach, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, erlebten wir eine lateinamerikanische Gegenbewegung auf den Aufschwung des Neoliberalismus im Jahrzehnt zuvor. Dies war den antineoliberalen Regierungen Lateinamerikas zu verdanken, die den Kontinent zum Zentrum des Kampfes gegen den Neoliberalismus und damit zum Zentrum der großen Kämpfe dieses Jahrhunderts machten.

Wir konnten das Brasilien Lulas, das Argentinien der Kirchners, das Venezuela Hugo Chávez’, das Ecuador Rafael Correas, das Mexiko López Obradors, das Uruguay Pepe Mujicas und das Bolivien Evo Morales’ erleben, neben anderen.

Das Gefühl, eine Ära des Fortschritts zu erleben, der zwar nicht revolutionär, aber zumindest antineoliberal war, wurde wiederbelebt. Doch wir wurden auch mit dem Ende der Sowjetunion und des sozialistischen Blocks konfrontiert, was eine neue Ära der imperialen Vorherrschaft der USA anzukündigen schien.

Doch dann entstanden die Brics, das bedeutendste Phänomen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die globale Polarisierung wurde wiederhergestellt, wobei die USA weiterhin im Zentrum des imperialistischen Blocks stehen. Es geht also nicht darum, dass die Geschichte nicht wieder in Bewegung gerät. Wir haben bereits gelernt, dass die Geschichte ihre Höhen und Tiefen hat. Doch der Niedergang des US-amerikanischen Imperiums weist die Entwicklung in eine günstige Richtung für die Kräfte, die sich der Hegemonie entgegenstellen, die der imperialistische Block im vergangenen Jahrhundert innehatte.

Man kann ein Jahrhundert größerer Fortschritte für die Bewegungen von unten erahnen, auch ohne einen sozialistischen Horizont. Eher mit einem antiimperialistischen Horizont, der auf nationale Souveränität und die Interessen der unteren Bevölkerungsschichten ausgerichtet ist. Die Geschichte ist immer ein offener Prozess mit ihren Höhen und Tiefen. Sie hängt von den sozialen, politischen und ideologischen Kämpfen ab. Zweifellos liegt das 20. Jahrhundert bereits hinter uns. Dies ist ein Jahrhundert des Übergangs. Es bleibt abzuwarten, wie die Welt Mitte des 21. Jahrhunderts aussehen wird.

* Emir Sader war Professor für Soziologie an der Universität São Paulo (USP). Jetzt ist er im Ruhestand. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter "El nuevo topo: Los caminos de la izquierda latinoamericana" (Der neue Maulwurf: Die Wege der lateinamerikanischen Linken)

** Dieser Artikel ist eine Übersetzung der spanischen Version von Nodal und teilweise der portugiesischen Originalversion des Portals A Terra é Redonda