Nicaragua / Soziales

Wem gehört Managua?

Die Kämpfe um öffentlichen Raum und Wohngebiete in der nicaraguanischen Hauptstadt

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Das Villenviertel Las Colinas in Managua aus einem Immobilienkatalog
Das Villenviertel Las Colinas in Managua aus einem Immobilienkatalog

Aus der Tageszeitung La Prensa 16.12.2011:

"In der Nähe des Villenviertels Las Colinas haben 16 Familien ein unbebautes Grundstück besetzt und weigern sich jetzt, den Gemeindebesitz zu verlassen. 'Zu diesem Gelände sind die Leute gekommen, um tote Hunde wegzuwerfen, hier wurden sogar Menschen überfallen, aber jetzt, nachdem wir das Gelände gesäubert haben und dabei sind, uns hier einzurichten, weil wir sonst nichts haben, wo wir wohnen können, jetzt will man uns vertreiben' beklagt sich Rosa Cortez eine der Siedler. [...] Am vergangenen Mittwoch, als die Familien das Gelände besetzten, waren die Polizei und Vertreter des fünften Bezirkes der Stadtverwaltung Managua vor Ort erschienen um 'einmal einen Blick darauf zu werfen'. Dann wurden die Besetzer von Gemeindeangestellten vorgeladen."

Immobilienangebot im Internet vom 17.01.2012:

"Managua, Schönes Haus, vier Schlafzimmer, drei Badezimmer, Dienstmädchenzimmer, zwei Wohnzimmer, Fernsehzimmer, Speisezimmer, [...] Preis: 200.000 US-Dollar."

Dieses krasse Nebeneinander von arm und reich ist etwas, das Managua, die Hauptstadt Nicaraguas, mit anderen lateinamerikanischen Großstädten gemeinsam hat. Wie in vielen Ländern der Region lebt auch in Nicaragua ein erheblicher Teil der Bevölkerung in der Hauptstadt. Nur, wie groß Managua im Augenblick tatsächlich ist, weiß niemand so genau. Die jüngsten Zahlen stammen von der letzten Volkszählung im Jahr 2005. Damals zählte man etwas mehr als 908.0001 Menschen. Die Gemeindeverwaltung selbst (Alcaldía de Managua) weist jedoch eine Zahl von 1,25 Millionen2 aus – für das Jahr 2000. Wie auch immer es sein mag, man kann jedenfalls davon ausgehen, dass zwischen 17 und 25 Prozent der Nicaraguaner heute in der Hauptstadt wohnen und zweifelsohne hat Managua einen dominierenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf das Land.

Infolge dieser Dominanz ist die Stadt im gesamten vorigen Jahrhundert beträchtlich gewachsen. In den letzten 50 Jahren, in denen sich die Bevölkerungszahl des Landes verdreifacht hat, ist die Zahl der Bewohner Managuas auf das Vierfache gestiegen. Diese dramatische Entwicklung der Einwohnerzahlen ist typisch für die Großstädte Lateinamerikas, und durchaus vergleichbar mit der Situation in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Unterschied ist, dass die Neuankömmlinge in Managua ihr Überleben im informellen Sektor finden, weil es bis heute nicht die Industrie gibt, die die Stadtbevölkerung damals in Europa zumindest ernährt hat.

Erdbeben 1972

Stattdessen fiel in diesen Zeitraum ein Ereignis, das Managua zusätzlich schwer getroffen hat: Das Erdbeben vom 23. Dezember 1972 bedeutet eine Zäsur in der Geschichte der Stadt in die Zeit vor dem Erdbeben und die danach. Noch heute, fast vierzig Jahre später, sind die Nachwirkungen des Bebens zu spüren. Mindestens 10.000 Menschen kamen dabei um, mindestens drei Viertel der Häuser wurden zerstört und 300.000 Menschen wurden obdachlos. Das Zentrum wurde total zerstört. Damit verlor Managua nicht nur Gebäude, sondern auch einen großen Teil seiner Adressen. Es war zu lesen, dass sich ältere Menschen an den Tag des Erdbebens erinnern als an den "Tag, wo sich alle Adressen änderten".

Denn in Managua gibt es keine Straßennamen und Hausnummern, sondern man orientiert sich an so genannten Referenzpunkten. Also heißt die Adresse z. B.: "von der Brücke León eineinhalb Straßenblocks nach Süden". Referenzpunkte waren und sind meistens markante Gebäude, ein Kino, ein Restaurant, eine Kirche, und die waren nach dem Erdbeben weg. Man behielt aber die Referenzpunkte bei und behalf sich jahrelang mit Umschreibungen wie "von dort, wo früher das Kino war, zwei Straßenblocks zum See". "Wo Pepsi war", ist heute noch ein allgemein bekannter Referenzpunkt, obwohl die Fabrik das Beben nicht überstanden hat.

Wer in den 1980er und -90er Jahren erstmals – z. B. als Brigadist – nach Nicaragua gefahren ist, wird sich wahrscheinlich sein Leben lang an das trostlose Zentrum Managuas erinnern. Zehn, ja zwanzig Jahre nach dem Erdbeben war es immer noch leer. Nur ganz wenige Gebäude hatten dort dem Erdbeben standgehalten, und neue waren inzwischen nicht gebaut worden. Aber Ruinen gab es noch eine ganze Menge und es wirkte gespenstisch, Menschen dort wohnen zu sehen – im ersten Stock eines Betonskeletts. Inzwischen hat sich vieles geändert, Managua hat neue Hotels, neue Referenzpunkte, Shopping-Malls und eine neue Kathedrale, der zentrale Markt wurde durch den Mercado Oriental ersetzt, der immer noch ein Provisorium ist.

Man sieht zwar fast keine Ruinen mehr, aber ein Zentrum gibt es bis heute nicht. Das alte Zentrum, das jetzt das historische genannt wird, ist immer noch recht leer. Den 10. April des Jahres 2011 muss man als historisch bezeichnen, denn an diesem Sonntag begann die Umsiedlung der letzten Ruinenbewohner3. Hundert Familien hatten immer noch in vier Ruinen im historischen Zentrum gelebt – fast 39 Jahre nach dem Erdbeben.

Das Managua der Armen

In den Jahren seit dem Erdbeben ist Managua unvermindert gewachsen und hat dabei bis 1995 seine Einwohnerzahl verdoppelt. Dabei haben die Überlebensstrategien der Marginalisierten das Bild der Stadt geprägt – auf nicht genutzten Grundstücken wurden Holzhütten gebaut, die mit den Jahren feste Wände und Wellblechdächer bekommen haben. Die direkte Reaktion der Regierung Somoza auf das Erdbeben beschränkte sich darauf, die baufälligsten Ruinen im Zentrum niederreißen zu lassen, nachdem der Guardia Nacional4 zuvor genügend Zeit gegeben worden war, sie zu plündern5. Somoza selbst gelang es außerdem noch, einen Großteil der internationalen Hilfsgelder zu unterschlagen.

Die Betroffenen mussten also selbst sehen, wie sie die Situation meistern konnten. Viele entschieden sich dafür, sich Gelände anzueignen und dort ihre Hütten zu bauen. Das ging natürlich nur bei Grundstücken, die niemandem gehörten oder bei denen die Eigentümer nicht offensichtlich waren. Häufig war dies zum Siedeln wenig geeignetes Gelände. So entstanden zum Beispiel große informelle Siedlungen an den sumpfigen, von regelmäßigen Überschwemmungen bedrohten Ufern des Managuasees. Genauso wie damals diese Siedlungen entstanden, ohne Infrastruktur, ohne Strom und Wasser, so entstehen Spontansiedlungen (asentamientos espontáneos) noch heute.
Als 1979 die sandinistische Revolution über die Diktatur Somozas triumphiert hatte, fand sie in Managua eine chaotische Unordnung vor.

Die Erdbebenschäden waren noch lange nicht überwunden und 60 Prozent der Wohnhäuser hatten weder Strom, noch Wasser, noch sanitäre Einrichtungen. Neben Bildung und Gesundheit hatte die Wohnungsproblematik für die Sandinisten höchste soziale Priorität – nur in den 1980er Jahren gab es bisher in Nicaragua ein Wohnungsbauministerium6, das sich um die landesweite Wohnungsnot und den Wiederaufbau Managuas kümmerte. Aber wegen der zunehmenden Konfrontation mit den von den USA unterstützten Contras7 wurden die zur Verfügung stehenden Mittel immer knapper. Also konzentrierte sich die Regierung darauf, Baugrund an Familien ohne Wohnung zu verteilen.

Der Boden stammte meistens von ehemaligen Somozaanhängern, die enteignet wurden. Eine korrekte Übertragung der Eigentumsrechte fehlte meistens. Die sich daraus ergebenden Eigentumskonflikte sind bis heute noch nicht gelöst.
Die rechten Regierungen, die das Land ab 1990 regierten, hatten keinerlei Interesse an der Wohnsituation der Armen und die weiter wachsende Stadt kehrte zurück zur "informellen" Entwicklung wie schon unter Somoza. Sowohl Kleinbauern und -bäuerinnen, die auf dem Land, das sich jetzt "nach den Regeln des Marktes" entwickelte, ihren Grund oder ihr Auskommen verloren hatten, als auch ehemalige Contras und Angehörige der Armee, die nach der Demobilisierung auf der Straße gelandet waren, suchten nun nach Überlebensmöglichkeiten in Managua, besetzten Gelände und bauten sich Hütten.

Spontansiedlungen

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Von dieser – hier nur grob skizzierten – Entwicklung ist Managua heute geprägt. Genaue Daten sind unbekannt, aber man geht davon aus, dass es in Managua 300 Spontansiedlungen gibt, in denen etwa 50.000 Familien leben8. Diese Werte passen recht gut zu den Ergebnissen der Volkszählung von 2005. Damals wurde auch nach der Wohnsituation gefragt. In Managua antworteten etwa 300.000 Menschen – also rund ein Drittel, dass sie im eigenen Haus wohnen würden, aber über keinerlei Dokument verfügten, mit dem sie diesen Besitz vor Gericht beweisen könnten9.

Seit 2005 hat sich durch den Wahlsieg der FSLN im November 2006 auch im Wohnungsbereich einiges geändert. Zur Wohnungsbaupolitik der Regierung Daniel Ortega gehören die beiden Sozialprogramme "Plan Techo" und "Casas para el Pueblo". Beim "Plan Techo" bekommen bedürftige Familien neues Wellblech für ihre Dächer geschenkt, die Zahl der Begünstigten ist beeindruckend groß. In Managua waren es bisher 40.00010.

Von ähnlich großer Bedeutung dürfte für die Bewohner der Spontansiedlungen die massive Legalisierungskampagne für ihre Grundstücke sein. Beide Aktionen standen im vergangenen Jahr eindeutig im Zusammenhang mit der Kampagne zur Wiederwahl Ortegas und wurden daher von der Opposition heftig kritisiert. Aber zweifellos wurde mit diesem Programm wirklich Bedürftigen geholfen. Bei dem Programm "Casas para el Pueblo", Häuser für das Volk, muss dies stark bezweifelt werden. Einerseits ist hierbei der Kreis der Begünstigten relativ klein, in Managua wahrscheinlich nicht mehr als ein- bis zweitausend im Jahr. Andererseits erfordert es von den Begünstigten eine Eigenbeteiligung, zu der die Armen nicht in der Lage sind.

Die langfristige Finanzierung der Häuser – 30 Jahre – ist zwar im Vergleich zum freien Markt sehr günstig, aber mit 80 Dollar im Monat11 unerreichbar für diesen Teil der Bevölkerung. Zum Beispiel liegt der Mindestlohn in den freien Produktionszonen (Maquilas) seit Anfang dieses Jahres bei 145 US-Dollar und die 60 Prozent der Arbeitenden, die im informellen Sektor beschäftigt sind, verdienen großenteils weit weniger und die Lebenshaltungskosten steigen. Für die nicaraguanische sechsköpfige Durchschnittsfamilie wird heute ein Grundbedarf von 430 US-Dollar im Monat angesetzt.12

Das Managua der Reichen

Neben oder – besser gesagt – getrennt von dem Managua der Armen existieren die Inseln des Managuas der Reichen. Sie leben in den Villenvierteln (residenciales) vorwiegend im Süden der Stadt, u. a. in Las Colinas,  Altos de Santo Domingo. Diese Viertel liegen höher, dort, wo die Luft besser ist und wo ein frischer Wind geht. Wenn man durch die Straßen von Las Colinas fährt – dort geht niemand zu Fuß – folgt auf beiden Seiten Mauer an Mauer, übermannshoch, oft mit Natodrahtrollen gekrönt und nur unterbrochen von den vergitterten Einfahrten mit den Wachposten. Hier geht es vor allem um Sicherheit, wie in vielen ähnlichen Stadtvierteln, wie man sie überall in den Großstädten Lateinamerikas finden kann.

Aber im Gegensatz zu diesen Städten fehlte etwas bis vor kurzem in Managua völlig – es gab keine geschlossenen Wohnanlagen (gated comunities). Befestigte und bewachte Siedlungen, die hinter ihrer Mauer nicht nur sichere Häuser, sondern auch Schulen, Restaurants und Sportzentren anbieten, gibt es schon lange in anderen Städten Zentralamerikas, wie San José, San Salvador, Guatemala-Stadt, aber vor allem in den großen südamerikanischen Staaten, wo solche Siedlungen richtige Städte in der Stadt mit mehreren Zehntausenden Einwohner sein können.13 In Managua sind erst in den letzten Jahren einige geschlossenen Wohnanlagen entstanden.14 Dass es die bis dahin noch nicht gegeben hat, dafür hat Dennis Rodgers, der die besondere Situation in Managua untersucht hat, eine einfache, aber einleuchtende Vermutung: Die städtische Elite Managuas war nicht groß genug, dass sich der Bau befestigter Wohnanlagen angeboten hätte. Mit dieser geringen Nachfrage nach Sicherheit hätten nur kleine Anlagen entstehen können. Das Einbeziehen von Schulen, Banken und Freizeiteinrichtungen wären dann ökonomisch schwierig geworden.

Befestigtes Netzwerk

Rodgers hat einige interessante Thesen zur Situation Managuas entwickelt.15 Das Sicherheitsbedürfnis der Reichen, das treibende Element, das in anderen Städten zur sozialen Segregation der gated comunities geführt hat, hat in Managua die Bildung eines "exklusiven befestigten Netzwerkes für die städtischen Eliten" bewirkt. So deutet er das städtische Verkehrssystem aus Schnellstraßen und Kreisverkehren. Die Hauptschlagader des Verkehrssystems in Managua ist die Carretera Masaya, die inzwischen sechsspurig ausgebaut ist. Sie führt von der neuen Stadtmitte, mit dem Einkaufszentrum Metrocentro, der neuen Kathedrale, den Spielkasinos und Hotels, nach Süden. Am Stadtrand und außerhalb der Stadt erschließt sie die zu beiden Seiten der Straße liegenden Villenviertel. Seit 1990 die Sandinisten die Wahl verloren hatten und mit Arnoldo Alemán in Managua ein Rechter zum Bürgermeister gewählt worden war, werden die großen Straßen ausgebaut und die Kreisverkehre konstruiert. Letztere seien wichtig für die Sicherheit der Eliten, denn auf ihren Fahrten von der Arbeit nach Hause oder zur Bank müssen sie nicht mehr anhalten, und sind damit sicher vor Überfällen.

Der von Rodgers gewählten Bezeichnung "exklusiv" für das Verkehrssystem wird jeder zustimmen, der schon einmal versucht hat, die Carretera Masaya zu überqueren oder einen Kreisverkehr zu Fuß überwinden musste. Fußgängerampeln oder Zebrastreifen gibt es nicht, nur ganz selten einmal eine Fußgängerbrücke. Menschen, die sich kein Auto leisten können, sind in diesem System anscheinend nicht vorgesehen. Das spiegelt sich auch in der Unfallstatistik wider. Auf nationaler Ebene waren im Jahr 2010 ein Drittel aller Verkehrstoten Fußgänger und davon entfiel wiederum ein Drittel allein auf Managua.16

Privatisierung der Sicherheit

Die Mängel in der Verkehrssicherheit tangieren die reichen Eliten kaum. Überhaupt ist für sie Sicherheit kein gesellschaftliches Problem, sondern ein persönliches, etwas, das sie für sich individuell mit Geld regeln. Statt sich auf die unterbesetzte und schlecht ausgerüstete Polizei zu verlassen engagieren sie private Sicherheitsdienste. Dass Unsicherheit etwas mit sozialen Problemen zu tun haben kann, verstehen sie vielleicht gar nicht. Für sie kommen nur Häuser mit hohen Mauern, Alarmanlagen und Einfahrten in Frage, die 24 Stunden von Posten bewacht werden. Das gilt natürlich auch für das Ferienhaus am Pazifik. Die Banken, Einkaufzentren, Bars und Restaurants, in denen sie verkehren, haben auch entsprechende Sicherheitsvorkehrungen. Und auf dem Weg dorthin werden sie von ihren bewaffneten Leibwächter geschützt. Private Sicherheitsunternehmen entwickelten sich in Nicaragua parallel mit den Eliten und dem auf sie zugeschnittenen Verkehrssystem Managuas. Gab es 1990 nur ein privates Sicherheitsunternehmen, so waren es im Jahr 2003 schon 56. Mit inzwischen 13.000 Angestellten haben die privaten Sicherheitsdienste heute mehr Personal als die Polizei.17

Wem gehört die Stadt? oder: Wer bestimmt in der Stadt?

Bei uns stellen verschiedene Gruppen, wenn sie sich mit dem Thema Recht auf Stadt beschäftigen, die Frage "Wem gehört die Stadt?". In Frankfurt zum Beispiel gibt es ein Netzwerk, das sich nach dieser Frage benannt hat. Damit sollen in erster Linie Eigentumsverhältnisse hinterfragt werden. Im Zentrum des Interesses steht die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum für alle. Eine solche Forderung gibt es in Managua im Moment nicht. Bezogen auf die Hauptstadt Nicaraguas würde sich eher die Frage stellen: "Wer bestimmt in Managua?" Darauf scheint die Antwort zunächst einfach zu sein: Auf politischer Ebene hat die FSLN hat die Mehrheit im Gemeinderat und stellt mit Daysi Torres die Bürgermeisterin.

Überraschenderweise ist aber der Mehrheit der Bewohner Managuas der Name dieser Bürgermeisterin unbekannt.18 Sie hat sich also offensichtlich kein eigenes Profil erarbeitet. Dies hängt mit machtpolitischen Interessen Daniel Ortegas zusammen. Managua ist nicht nur mit Abstand die größte Stadt das Landes, sondern als Hauptstadt auch der Ort, an dem nationale Politik stattfindet. Diese Bühne mag Präsident Ortega mit niemandem teilen. Nachdem er 2006 die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, achtete er darauf, dass mit Daysi Torres in Managua eine Person an die politische Spitze kam, von der ihm keine Konkurrenz drohte. Der populäre Dionisio Marenco, bis 2008 Bürgermeister von Managua, hatte eindeutig versucht, sich als innerparteiliche Alternative zu Ortega aufzubauen. Im Augenblick zumindest spielt auch in der Stadtpolitik Managuas Präsident Ortega die entscheidende Rolle. Auf politischer Ebene ist Managua als Stadt also auch die Bühne für landesweite Machtpolitik.

Neben ihrer Funktion als politische Arena wird die Stadt genauso von allen ihren Einwohner bestimmt. Mit ihrem täglichen Leben und ihren politischen Auseinandersetzungen, für die manchmal die Schnellstraßen und Kreisverkehre besetzt werden, haben sie die Stadt gemacht. Zum Beispiel wird die Stadt Managua von den Menschen bestimmt, die sich Gelände angeeignet haben und es spontan besiedelt haben. Sie wird von denjenigen bestimmt, die heute in Vierteln leben, die einmal als Spontansiedlungen entstanden sind. Dies ist der größte Teil der Stadt. In vielen Vierteln kann man noch heute am Verlauf der Straßen deren Entstehungsgeschichte erkennen und sehen, dass sie einmal als Trampelpfade begonnen haben. Auch viele Häuser zeigen ihre Geschichte der ständigen Verbesserung im Eigenbau.

Diese Siedlungen sind eben nicht das Ergebnis wohnungspolitischer Programme, sondern eigenmächtiger Aneignungsentscheidungen der Bewohner. Für diesen Teil Managuas gilt also auch, was Andrej Holm und Matthias Bernt für die Entwicklung von Caracas festgestellt haben: "Die Entwicklung der Stadt vollzog sich damit, gemessen an europäischen Maßstäben, sozusagen 'verkehrt herum' und folgte der Formel Besetzung-Konstruktion-Infrastruktur-Grundbucheintrag."19 Früher in der Zeit des Somoza-Clans gab es ein offizielles Rastersystem aus durchnummerierten Avenidas und Calles, das heute zwar im historischen Zentrum noch existiert, das aber niemand mehr kennt. Die Bevölkerung hat das heute gültige System der Referenzpunkte durchgesetzt, das mit seiner Informalität Ortsunkundigen solche Probleme macht. Selbst das Orientierungssystem Managuas wird also in gewisser Weise von den Einwohnern bestimmt, die es geschaffen haben.

Das Fehlen einer kommunalen Sozial- und Wohnungspolitik und das Nutzen der städtischen Arena für eigene machtpolitische Interessen Ortegas zeigt sich in Managua also in zweierlei Hinsicht: Infrastruktur für einflussreiche und ökonomisch starke Familie und ein laissez-faire bei denen, die wenig politischen Einfluss haben. Deren Wohnsituation wird nicht wesentlich verbessert, ihre Aneignungsaktivitäten oftmals aber auch geduldet. Dieser doppelte Prozess gibt eine interessante Perspektive auf die Frage: Wer bestimmt in der Stadt...

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