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18.04.2011 Deutschland / Kuba / Medien / Militär / Politik

Castros "phantastische Anklage“

Ein Studium westdeutscher Periodika vor, während und nach der US-Invasion in der Schweinebucht vor 50 Jahren

In alten Zeitungen zu stöbern, regt zum Nachdenken an und trägt zum besseren Verständnis heutiger Ereignisse bei. Kürzlich habe ich nachgelesen, wie sich vor 50 Jahren in den Wochenblättern Die Zeit und Der Spiegel, den angeblich linksliberalen Flaggschiffen des aufgeklärten Nachkriegsjournalismus der BRD, die US-Invasion vom 17. bis 19. April 1961 in Kuba, ihr komplettes Scheitern und damit die erste Niederlage des US-Imperiums in Lateinamerika widerspiegelten. Vorweg gesagt: Mit unabhängigem Journalismus und wahrer Information hatte das, was ich da fand, nichts zu tun.

Da erfuhren die Zeit-Leser in Heft 3 vom 13. Januar 1961, dass Fidel Castro vor den Vereinten Nationen die "phantastische Anklage“ erhoben habe, "die Vereinigten Staaten planten eine Invasion Kubas“. Dabei lagen zu diesem Zeitpunkt schon zahlreiche erdrückende Beweise für die vorgesehene Aggression vor. Doch Die Zeit äußerte befriedigt, dass die Anklage Castros im UN-Sicherheitsrat "auf Unglauben“ gestoßen sei. Unverständnis heuchelnd stellte sie fest: "Dennoch aber lässt der kubanische Diktator entlang der Nordküste seiner Insel Schützengräben ausheben und Küstenartillerie in Stellung bringen.“

Das wusste die Zeit genau. Aber der seit Monaten in Vorbereitung der Invasion anhaltende US-Staatsterrorismus gegen die Insel wurde ausgeblendet. Kein Wort über die zahllosen Luftangriffe, die tödlichen Bombenanschläge, den Abwurf von Brandbomben über Zuckerrohrfeldern, Sabotageakte gegen Warenhäuser, Zuckerfabriken, Ölraffinerien und andere Betriebe sowie über den Abwurf von Waffen für CIA-Kommandos.

Am 20. Januar schauderte dem Blatt, dass in Kuba "der kommunistische Bazillus“ zu finden sei. Doch nicht nur dort, "sondern auch in San Salvador, Guatemala, Honduras, aber auch in Venezuela, Bolivien, Chile und Brasilien...“. Am 10. Februar gab es großes Lob für "Washingtons neue Außenpolitik“ des kurz zuvor vereidigten Präsidenten John. F. Kennedy, dessen Politik auf folgenden Nenner gebracht wurde: "Sprich sanft, aber trage einen dicken Knüppel“.

Völlig aus dem Häuschen geriet Die Zeit in Heft 17 vom 21. April 1961, unmittelbar, nachdem 1.500 von den USA ausgebildete exilkubanische Söldner sowie ihre CIA-Führungsoffiziere mit US-Luftunterstützung und einem Konvoi von US-Kriegs- und Frachtschiffen in der Schweinebucht ihre Invasion begonnen hatten. Unter der Schlagzeile "Sturm auf Havanna“ und "Mit dem 'Tag X' begann Kubas zweite Revolution“ ergriff Die Zeit in ihrer Rubrik "Wissen“ (!) die Partei der Aggressoren. Im Stil von Kriegsberichterstattung hieß es: "Über die Zuckerinsel in der Karibischen See hallen die Schüsse einer neuen Revolution. Der politische Naturbursche Fidel Castro... muss sein Regime in verzweifeltem Kampf verteidigen“.

Der Entdecker der "neuen Revolution“ in Kuba, Zeit-Autor Hans Gresmann, brachte es später zum Fernseh-Chefredakteur, arbeitete mehrere Jahre als Rundfunkkorrespondent in Washington und wurde für "seine großen Verdienste um die deutsch-amerikanischen Beziehungen“ mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse belohnt. SWR-Intendant Peter Voß würdigte 2006 seine "Fähigkeit, fundierte Sachkenntnis zu verbinden mit stilistischer Exaktheit...“ So war auch der Ausgang des ungleichen Kampfes in Kuba für den fundierten Sachkenner Gresmann sofort völlig klar: "Castro ist nicht stark genug, um die fünf- oder zehntausend Soldaten, die bislang gegen ihn angetreten sind, 'ins Meer zu fegen'.“

Nach dem kläglichen Fiasko der USA klangen die Rückzuggefechte der Zeit in den nächsten Ausgaben (28. April und 5. Mai) nicht besser. Da ist von einer "unglückseligen 'Befreiungs'-Expedition“ die Rede. Die CIA-Dolchstoßlegende wird kolportiert: Die Invasion sei nur deshalb missglückt, weil Kennedy sie nicht genügend unterstützt habe. "Der Zusammenbruch des kubanischen Aufstandes ist auch ein Zusammenbruch der halb versagten, halb gewährten amerikanischen Hilfsbereitschaft.“ Für Die Zeit war beileibe keine USA-Invasion gescheitert, sondern nur ein Aufstand in Kuba zusammengebrochen.

Wohlwollend kommentierte Die Zeit das Auftreten Kennedys nach der Niederlage, der "allen kommunistischen Zerstörungsversuchen den Kampf angesagt“ und erklärt habe: "Unsere Geduld ist nicht unerschöpflich." Die Antwort Fidel Castros auf diese Drohung verschwieg die Zeitung ihren Lesern. Sie lautete: "Seine Geduld geht also zu Ende. Und wie viel Geduld mussten wir haben, um mit der ökonomischen Aggression fertig zu werden, mit der wirtschaftlichen Blockade, der Streichung der (Zucker-)Quote, Luftangriffen, Attacken durch Söldner, der Bombardierung unserer Städte, Zerstörung unserer Zuckermühlen, von Zuckerrohrplantagen, von Betrieben…?“ 

Der Spiegel fabulierte am 19. April 1961 allen Ernstes, die Regierung der USA, die bereits seit über einem Jahr die Kuba-Invasion vorbereitete, habe angeblich erst kurz zuvor von dem Plan durch einen Exil-Kubaner erfahren. Wie immer, gab sich Der Spiegel bestens über Interna informiert: "Am 7. April erwies Washingtons Lateinamerika-Koordinator, Adolf A. Berle, dem 58-jährigen Dr. José Miró Cardona zum ersten mal die Ehre eines offiziellen Empfangs.“ In Wirklichkeit stand Cardona bereits lange als Chef einer von der CIA ausgesuchten und der US-Regierung bestätigten Putsch-Regierung fest, die in Florida darauf wartete, in den ersten Brückenkopf an der Schweinebucht ausgeflogen zu werden. Sie sollte sofort um offizielle US-Militärhilfe nachsuchen. Das Magazin aber behauptete, Cardona sei gekommen, "um die Yankees in eine geplante Invasion einzuweihen, mit der das linksradikale Langbart-Regime auf der Zuckerinsel zu Fall gebracht werden soll“.

"Langbart“ gefiel den Spiegel-Autoren so gut, dass sie Kuba in den nächsten Heften mehrfach als das "antiamerikanische Langbart-Regime“ oder die "Langbart-Diktatur“ beschrieben. Als Außenminister Raul Roa vor der UNO erklärte, "nun haben die USA ihren unerklärten Krieg gegen uns auch formell eröffnet", war es laut Spiegel-Wahrnehmung der kubanische Politiker, der "zeterte“ und der seine Anklagen dem US-Botschafter Stevenson "wütend zuschrie“.

Eine Woche nach dem Scheitern der US-Invasion berief sich Der Spiegel in Heft 18 auf eine weitere Legende von Cardonas "Revolutionsrat“: "Wir hatten nicht erwartet, dass wir von kommunistischen Experten gelenkten Sowjetwaffen gegenüberstehen würden.“ Wieder tut das Blatt so, als ob ihm zuverlässige Informationen vorlägen und verstärkt die Lüge der Exil-Kubaner noch mit der eigenen Behauptung (oder die der CIA?): "In der Tat hatte Insel-Diktator Castro mit Stalin-Panzern und Mig-Düsenjägern die US-armierten Partisanenkrieger zersprengt und ihren Brückenkopf niedergewalzt, auf dem sich Cardonas Gegenregierung etablieren wollte.“ Dann waren es sogar CSSR-Piloten, die den Sieg Castros herbeigebombt haben könnten: "Besonders verhängnisvoll musste sich auswirken, dass die CIA eine Kriegslist Castros nicht durchschaut hatte: Seit Oktober 1960 weilten auf Kuba, der Öffentlichkeit und den Amerikanern sorgfältig verborgen, tschechische Piloten, die im Notfall Kubas 200 sowjet-importierte Bomber bedienen konnten.“

Der Haken an diesen Darstellungen: Panzer spielten keine wesentliche Rolle in der Auseinandersetzung, weil die Landung in einem Sumpfgebiet erfolgte, das nur drei Zugangsstrassen hatte. Von erheblicher Bedeutung aber war der Einsatz von Flugzeugen. Doch da gab es keine tschechischen, sondern kubanische Piloten, denen es gleich am Morgen des ersten Invasionstages gelang, zwei der wichtigsten Versorgungsschiffe der US-Armada mit vielen Söldnern und nahezu dem gesamten Treibstoff- und Munitionsvorrat der Aggressoren sowie zahlreiche Landungsboote zu versenken. Die Piloten flogen auch keine sowjetischen MIGs, sondern Douglas B-26 und Lockheed T-33 aus den USA sowie britische Sea Fury, die noch aus den Beständen von Diktator Batista stammten. Kein Wort im Spiegel auch darüber, dass die Kubaner neun US-Kampfmaschinen abschossen und Kuba mit Ausweisen belegen konnte, dass die von US-Piloten gesteuert wurden.

Im Zusammenhang mit Kennedys Erklärung wenige Tage nach der Niederlage, dass seine Geduld mit Kuba "nicht unerschöpflich" sei, befand Die Zeit vom 28. April 1961: "Die Drohung ist nicht zu überhören, und sie soll auch nicht überhört werden. Sie kann bedeuten..., dass breitere und stärkere, von Nordamerika besser unterstützte Aufstände in Kuba folgen werden.“ Das Blatt war zwar weit davon entfernt, sich von solch aggressiver Politik zu distanzieren, aber die Analyse traf diesmal zu: Kurz nach der Niederlage in der Schweinebucht begann die Regierung Kennedy eine für Oktober 1962 geplante umfassendere Invasion Kubas vorzubereiten, die Operation Mongoose. Sie wurde erst durch die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen und die nachfolgende "Raketenkrise“ vereitelt. 

Der Beitrag von Horst Schäfer findet sich in der Zeitschrift Ossietzky Nr. 8/2011. Die Seite finden Sie hier.

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