DruckversionEinem Freund senden
12.12.2017 Kuba / Kultur / Medien / Politik

Brücken gebaut, Mauern ignoriert, Wissen weitergegeben

Ein Nachruf auf Desiderio Navarro, der eigentlich eine Hommage auf 45 Jahre der Zeitschrift Criterios werden sollte
Desiderio Navarro (1948-2017) im Centro Loynaz in Havanna, Kuba

Desiderio Navarro (1948-2017) im Centro Loynaz in Havanna, Kuba

Quelle: Ute Evers

Havanna. Seine Augen stets wach, sein Blick offen, nie schaute er an seinem Gesprächspartner vorbei. Desiderio Navarro suchte den Kontakt zu seinem Gegenüber, scheute selten die öffentliche Auseinandersetzung, vielleicht suchte er sie das eine oder andere Mal gezielt. Nun erlag er am sechsten Dezember einem Krebsleiden, in Havanna, mit gerade einmal 69 Jahren.

Das Werk des universal gebildeten Essayisten, Theoretikers, Kritikers für Literatur, Kunst und Kultur und Übersetzers aus 16 Sprachen1, ja, sein Wirken überhaupt seit den 1970er Jahren sind, unumstritten, entscheidend für die kubanische Kultur (gewesen). Bis zuletzt war er darauf bedacht, theoretisches Wissen über Literatur, Musik, Theater, Semiologie, Philosophie u.a.m., zu verbreiten. "Desiderio Navarro, ein konsequenter Marxist, ein radikaler Antikapitalist, ging immer von der Idee aus, dass sich jedes kulturelle Werk auf eine solide theoretische Basis stützen müsse, dass das Wissen ein Gut der Allgemeinheit sein sollte, dass wir alle die Verantwortung dafür tragen, dieses zu teilen", heißt es im Editorial der Kulturzeitschrift La Gaceta de Cuba (September-Oktober 2017).

Navarro, der mit zahlreichen Preisen und Anerkennungen ausgezeichnet wurde, übersetzte mehr als 450 Texte herausragender Theoretiker, darunter etwa Tzvetan Todorov, Boris Groys oder Jan Nederveen Pieterese. Im Jahre 1972 gründete Navarro die Zeitschrift Criterios. Revista Internacional de Teoría de la Literatura y las Artes, Estética y Culturología (Internationale Zeitschrift für Theorie der Literatur und der Künste, Ästethik und Kunstwissenschaft), um eine fundamentale Lücke in Kuba zu füllen: die Publikation von Theorie aus dem In- aber vor allem Ausland. 2007 rief er schließlich das gleichnamige Centro Teórico-Cultural Criterios ins Leben. Für viele kubanische Intellektuelle stellt beides eine unersetzbare Informations- und Bildungsquelle dar. "Ich gehöre jener riesigen Menge Individuen an, die in Kuba von den unzähligen Übersetzungen profitierten, die er uns über Criterios zur Verfügung stellte", schreibt der Filmkritiker Juan Antonio García Borrero, und er präzisiert: "Außerdem lernte ich durch seine Arbeiten die mit Ernsthaftigkeit (...) angewandte Theorie schätzen, und die Bedeutung des kritischen Intellektuellen, der einschreitet, "inmitten der 'Öffentlichkeit', dort, wo jenes Einschreiten tatsächlich stattfinden sollte".2

Auch in seinen eigenen Essays, hier etwa Cultura y Marxismo. Problemas y polémicas (1986), Ejercicios del criterio (1989), A pe(n)sar de todo, Para leer en contexto (2008) und vor allem in Las causas de las cosas (2007) kristallisieren sich Themen wie die Beziehung des Intellektuellen, der Kultur und der Kritik zur Öffentlichkeit als Leitmotiv heraus.

Seine Beharrlichkeit, einerseits theoretisches Universalwissen auf der Insel zu verbreiten und, andererseits, einen öffentlichen Raum für kritische Debatten einzufordern, zogen sich tatsächlich wie ein roter Faden durch sein (theoretisches wie praktisches) Leben. Davon zeugte auch sein Engagement für die massive Verbreitung von Texten: dieses kulminierte 2009 in seiner Initiative "Los 1001 textos de las noches de Criterios", die ihm erlaubten, dem Papiermangel und den hohen Druckkosten auf Kuba zu trotzen: Im Tausch gegen einen digitalen Datenspeicherträger konnte man sich (bisher) "tausend und ein Texte" aus dem Archiv von Criterios herunterladen.

So einzigartig und "unentbehrlich"3 Navarro und sein kreatives Schaffen war, so beharrlich waren die Angriffe auf ihn und Criterios. Wie etwa im Jahre 2007, als er einen Meilenstein in der öffentlichen Debatte setzte. Gemeinsam mit anderen Intellektuellen, wie den Schriftstellern Jorge Ángel Pérez, Arturo Arango oder Reynaldo González, organisierte er den Zyklus "Die Kulturpolitik der revolutionären Phase: Erinnerungen und Betrachtungen". Repräsentanten aus Literatur, Architektur, Kunst, Film, Theater, Musik und Philosophie debattierten über die 1970er Jahre, das sogenannte Quinquenio Gris (Graues Jahrfünft), und "reflektierten" darüber, wie viel von der repressiven Mentalität von damals noch heute fortdauert.4

Obwohl die Debatte und die Veröffentlichung des gleichnamigen Buches5 später u.a. auch vom Ministerium für Kultur (seinerzeit unter Abel Prieto) unterstützt wurden, vernichteten Hacker einen beachtlichen Teil seiner damals über den Server von cubarte geführten Korrespondenz. Jenen wie auch anderen Angriffen begegnete Navarro stets souverän und in (digitaler) Öffentlichkeit. Wahrheit und Rechtschaffenheit standen ihm immer gegen Neid oder Dogmatismus Pate.

Wie und ob Criterios weitergeht, ist ungewiss. Omar Valiño, Theaterkritiker und Verleger, drückt vielleicht das aus, was nun viele empfinden: "Ich möchte nicht unbemerkt lassen, dass es weh tut, denn er war eine Person, die, inmitten vieler Unwetter das Leben genoss und liebte. Und weil er noch so viel tun musste und uns, als intellektuelle Aufpasser der res publica, noch auf so viel aufmerksam machen musste, und weil er keine Erben für seine Arbeit hinterlassen hat".

Noch in diesem Sommer wurde Desiderio Navarro, 1948 in Camagüey geboren, der Doctor Honoris Causa der Universität der Künste (ISA) in Havanna verliehen, die Kulturzeitschrift "La Gaceta de Cuba" widmete ihm seine fünfte Ausgabe im Herbst. Die Hommage auf die 45 Jahre Criterios am 5. und 6. Dezember in Havanna fanden aber schon in seiner Abwesenheit statt. So richtig vorbereitet auf seinen Tod war wohl niemand. Fehlen hingegen wird er uns allen.

  • 1. Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Tschechisch, Ungarisch, Rumänisch, Slowenisch, Holländisch, Bulgarisch, Serbokroatisch, Slowakisch und Katalanisch (26.2.2012)
  • 2. "Vale lo que una institución que se respete” (etwa: Er ist so viel wert wie eine Institution, die man respektiert, in: http://www.lajiribilla.cu/noticias/vale-lo-que-una-institucion-que-se-re...
  • 3. Roberto Fernández Retamar, "Sobre Criterios y Desiderio Navarro", in: La Gaceta de Cuba, Havanna, September-Oktober 2017.
  • 4. "Auslöser der Kontroverse war eine im Januar 2007 ausgestrahlte Sendung im kubanischen Fernsehen. Zur besten Sendezeit wurde ein gewisser Luis Pavón Tamayo als herausragender Poet dargestellt, verschwiegen wurde indes, dass Pavón zwischen 1971 und 1976 Präsident des Nationalen Kulturrats und in dieser Funktion in einer Zeit für kulturelle Angelegenheiten verantwortlich war, die von "tiefgreifender ideologischer Dogmatisierung" bestimmt war." Vgl. dazu: Politisches Lehrstück. Junge Welt, 23. Juli 2008, Ute Evers.
  • 5. La política cultural del periodo revolucionario: memoria y reflexión. Ciclo de conferencias organizado por el Centro Teórico-Cultural Criterios, La Habana, 2007, primera parte. Mit Beiträgen von Desiderio Navarro, Ambrosio Fornet, Mario Coyuelo, Eduardo Herás León, Arturo Arango und Fernando Martínez Heredia (1939-2017). Der zweite Band über die Vorträge aus Film, Musik und Theater kam nicht mehr in Druckversion heraus.
Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr