Venezuela / Politik

Sinnlose Weltsicht

Sinn macht Ölförderländer für Klimawandel verantwortlich

Es gibt viele Spinner, die sich die Rettung der Welt auf die Fahnen geschrieben haben. Die Anhänger des Maharishi-Kults etwa glauben, durch reinen Willen die Schwerkraft besiegen zu können. Als "Yogi-Flieger" wollen sie positive Energien verbreiten, um die Welt zu retten. Oder der Mecklenburger Aussteiger Jürgen Wagner. "Öffi", wie er sich nennt, lebt seit Jahren in einem Lausitzer Wald, um mit den Lehren von "Buddha, Jesus, Franz von Assisi, Tolstoi und Gandhi" gegen den Kapitalismus zu kämpfen.

Und dann gibt es noch Hans-Werner Sinn. Der 59-jährige will als Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung zwar keineswegs den Kapitalismus bekämpfen. Die Welt will aber auch er retten. In der vergangenen Woche machte er daher auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik Öl fördernde Staaten für den Klimawandel verantwortlich. Verbrauchsmindernde Maßnahmen, wie sie die Mitgliedsstaaten der EU oder andere Industrieländer anstrebten, seien "nutzlos", sagte Sinn, weil Ölsstaaten immer mehr fossile Brennstoffe auf den Weltmarkt werfen. Sinns These:

"Nicht Angela Merkel bestimmt, wie schnell die Erde sich erwärmt, sondern Hugo Chávez, Mahmud Ahmadinedschad, die Oligarchen Putins, die arabischen Ölscheichs und noch ein paar andere Potentaten".

Wer sich an dieser Stelle nicht schon lachend auf dem Boden wälzt, der kann die Behauptung Sinns mit einer Stellungnahme der Hilfsorganisation CARE Deutschland gegengleichen. Darin machte der Chef der Organisation, Heribert Scharrenbroich, das Verhältnis zwischen dem industrialisierten Norden und dem postkolonialen Süden unlängst deutlich:

"Deutschland produziert elfmal mehr Treibhausgase als der gesamte afrikanische Kontinent zusammen. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung für die Industrieländer".

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Von den Folgen des Klimawandels seien vor allem die Staaten der sogenannten Dritten Welt betroffen, sagte Scharrenbrioch zum "Tag der Armut" am 17. Oktober. Afrika etwa habe durch starke Fluten in 21 Ländern zu leiden gehabt, in Asien seien zugleich 66 Millionen Menschen von starken Unwettern betroffen.

Sinns Umkehr der Schuldthese aber macht die Opfer des Klimawandels zu den Tätern: Nicht der Norden verschuldet die Umweltkatastrophe, sondern der Süden selbst. Das ist ungefähr so, als ob man vergewaltigten Frauen pauschal vorhält, den sexuellen Übergriff durch zu aufreizende Kleidung selbst verschuldet zu haben.

Erst nehmen kann man beides nicht.


Nachtrag:

In einer neuen Wortmeldung wendet sich Hans-Werner Sinn gegen die Offenlegung von Managergehältern, weil dies Sozialneid schüren würde. "Mit etwas mehr Ungerechtigkeit lebt es sich besser", sagte der Manager der "European Economic Advisory Group" weiter. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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