Abwendung vom Petrodollar

Iran, Venezuela und Rußland lösen sich im Energiehandel von US-Währung. Die US-nahe Presse reagiert umgehend.

Nun gehen die Pariastaaten in die Gegenoffensive. Kurz nacheinander haben Rußland und Iran angekündigt, ihre Energiereserven künftig über eigene Ölbörsen zu vermarkten. Damit soll die historische Abhängigkeit vom US-Dollar gelockert werden. Nur eine Woche, nachdem US-Vizepräsident Richard Dick Cheney die russische Staatsführung von Vilnius aus scharf kritisierte, kündigte Präsident Wladimir Putin am 10. Mai überraschend an, den Rubel schon zum 1. Juli konvertibel zu handeln. Damit ist der erste Schritt hin zu einer russischen Ölbörse getan. "Eine Konvertibilität des Rubels setzt voraus, daß ausländische Banken es für notwendig erachten, Rubel-Reserven anzulegen", schrieb die Moskauer Nachrichtenagentur RIA Novosti. Ein solcher Sachzwang werde erst dann entstehen, wenn Erdöl gegen Rubel verkauft wird.

Iran und Venezuela für Euro

Iran folgte dem Beispiel. Binnen zwei Monaten will die Regierung von Präsident Mahmud Ahmadinedschad eine eigene Ölbörse auf der Insel Kish am Golf eröffnen. Die 91 Quadratkilometer große Sonderwirtschaftszone tritt dann in direkte Konkurrenz zu Dubai, dem Finanzzentrum der mit Washington verbündeten Arabischen Emirate. Zugleich erklärte Ahmadinedschad, den Ölhandel vom US-Dollar auf den Euro umzustellen. Die Entwicklung wird international - und besonders in den Ölstaaten - mit Interesse verfolgt. "Ich halte diesen Vorschlag des iranischen Präsidenten für sehr interessant", sagte der venezolanische Präsident Hugo Chávez unlängst im britischen Fernsehen. Sein Land erwäge einen ähnlichen Schritt. Venezuela ist der fünftgrößte Erdölexporteur der Welt.

Während die Emanzipation von US-Dollar also auch südlich des Rio Bravo als reale Alternative gesehen wird, ist man bei der US-nahen Presse natürlich kritischer. So etwa in der deutschen konservativen Tageszeitung Die Welt. Nach Meinung des Springer-Blattes kann ein staatliches Unternehmen nur unter einem neoliberalen Regime erfolgreich wirtschaften. Als Beispiel nannte die Lateinamerika-Spezialistin der Redaktion, Hildegard Stausberg, den brasilianischen Ölkonzern Petrobras. Als Negativbeispiel führt sie das venezolanische Staatsunternehmen PdVSA an. Dieses sei auch einmal erfolgreich gewesen, allerdings "bevor Hugo Chávez sie zur Finanzierungsquelle seiner politischen Großmannsträume umfunktionierte".

Der "Beleg" für die vermeintliche Mißwirtschaft folgt stante pede: "Diese Staatsfirma (PdVSA, d. Red.) muß in diesem Jahr für zwei Milliarden Dollar Öl von Rußland kaufen, um ihre Lieferverpflichtungen erfüllen zu können." Die Angabe, so erfuhr junge Welt auf Nachfrage, stammten aus einem Artikel der Financial Times. Dort hatte die Meldung der Autor Andy Webb-Vidal Ende April verfaßt. Als Quelle für den vermeintlichen Förderrückgang gibt er wiederum eine anonyme Person an, die aber "mit dem Deal vertraut" sei.

Oppositioneller Kronzeuge

Ein ebenfalls anonymer US-Ölhändler soll die Nachricht nicht überrascht haben, wie es im Text weiter heißt. Schließlich sei zu erwarten gewesen, daß Venezuela aus dem Ural-Raum Erdöl für die Weiterverarbeitung in der VEBA-Raffinerie im deutschen Gelsenkirchen kaufen würde, an der PdVSA mit 50 Prozent beteiligt ist. Das venezolanische Erdölunternehmen begründete den Kauf jedoch rein betriebswirtschaftlich. Es sein billiger, Öl aus Rußland nach Deutschland zu transportieren als aus Venezuela.

Webb-Vidal kontert in der Financial Times, indem er den Ex-PdVSA-Manager und mutmaßlichen Putschisten Luis Pancheco spekulieren läßt. Unter dessen Mitverantwortung war das Staatsunternehmen zwischen 2001 und 2003 mehrfach instrumentalisiert worden, um Chávez zu stürzen. Der Klimax dieser Wirtschaftssabotage war der sogenannte Ölstreik zum Jahreswechsel 2002/2003. Damals fiel die Erdölproduktion von über zwei Millionen Barrel auf 1,7 Millionen Barrel pro Tag. Nach der Neuorganisation von PdVSA liegt die heutige Ölproduktion je nach Quelle und Berechnungsformel zwischen 2,7 Millonen und über 3,3 Millionen Barrel. Daß sich der Ausstoß unter Chávez um 60 Prozent verringert haben soll, ist wieder eine Aussage, die Webb-Vidal einem namenlosen Analysten in den Mund legt. Daß rund 60 Prozent der venezolanischen Ölproduktion nach wie vor in die USA exportiert wird, schreibt er nicht. Statt dessen werden die Lieferungen zu günstigen Konditionen an die Karibikstaaten, darunter Kuba, kritisiert - ein typisches Argument der venezolanischen Opposition.

Mit der Realität hat all das wenig zu tun. 2005 nahm die PdVSA 83 Milliarden US-Dollar ein - 28 Prozent mehr als 2004. "45 Milliarden US-Dollar stammten aus direkten Exporten und dem Binnenverkauf, 38 Milliarden aus der Weiterverarbeitung in Raffinerien und dem Vertrieb in den USA und Europa", stellte der venezolanische Energieminister Rafael Ramírez Anfang 2006 fest. In der Welt und in der Financial Times spielt das keine Rolle. Dort kann nicht sein, was nicht sein darf.

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