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28.04.2011 Venezuela / Wirtschaft

Weitere Lohnerhöhungen in Venezuela

Regierung beschließt massive Lohnerhöhungen in öffentlicher Verwaltung, Wissenschaft und Gesundheit. Deutlich mehr Geld für Universitäten
Präsident Hugo Chávez mit Studierenden

Präsident Hugo Chávez mit Studierenden

Quelle: AVN

Caracas. Nach der beschlossenen Anhebung des Mindestlohns um 15 Prozent zum 1. Mai und weitere zehn Prozent zum 1. September dieses Jahres, hat die venezolanische Regierung auch massive Lohnerhöhungen für die staatlich Beschäftigten angekündigt. Vor allem in den Bereichen Wissenschaft und Gesundheit sollen die Löhne nach jahrelangen Protesten von Akademikern und Krankenhauspersonal stark ansteigen.

Krankenpfleger und Krankenhauspersonal dürfen ab dem 1. Mai mit einer Verdopplung ihrer Gehälter rechnen. Das gab die venezolanische Gesundheitsministerin Eugenia Sader am Mittwoch bekannt. Die unterste Gehaltsklasse im Gesundheitswesen steigt von 1.394 Bolívares (etwa 223 Euro) auf 3.211 Bs. (514 Euro). Das Gehalt von Ärzten wird sich ab dem 1. Mai sogar von 1.566 Bs. auf 4.897 Bs. (785 Euro) verdreifachen. In den letzten Wochen war es im Gesundheitssektor nach drei aufeinander folgenden Nullrunden und einer Inflationsrate von jährlich knapp 25 Prozent zu massiven Protesten und Streikaktionen gekommen. Die venezolanischen Ärzte waren zu großen Teilen in den privaten Gesundheitssektor abgewandert. Sader hatte deshalb in einem vor Wochen eingerichteten Runden Tisch mit Krankenpflegern, Krankenhausangestellten, Ärzten und Gesundheitsexperten über Lösungen diskutiert.

Auch die Beschäftigten der Universitäten dürfen sich zum 1. Mai über üppige Gehaltssprünge freuen. Um 40 Prozent sollen nach Angaben von Präsident Chávez die Gehälter aller Lohngruppen steigen und damit die Inflation der letzten drei Jahre ausgleichen. 4,2 Mrd. Bolivares (etwa 700 Mio. Euro) seien dafür im Staatshaushalt eingeplant. Professoren erhalten nach der Lohnerhöhung umgerechnet 1.150 Euro monatlich, anderes Lehrpersonal knapp die Hälfte. Auch die staatlichen Stipendien sollen um die Hälfte auf 64 Euro monatlich angehoben werden, 12.500 neue Studierende sollen zudem Stipendien erhalten. Zusätzlich bekommen die staatlichen Universitäten 2,7 Mrd. Bs. (430 Mio. Euro) zum Ausgleich ihrer Budgetüberziehungen in den letzten beiden Jahren. Rund 96 Mio. Euro zusätzlich sind zudem für die Verbesserung der Bibliotheken, Transport und weitere Lehrveranstaltung vorgesehen.

Im Bereich der öffentlichen Verwaltung steigen die Einkommen ebenso stark an. 45 Prozent soll, nach Angaben der Regierung der durchschnittliche Gehaltszuwachs ausmachen. Leitende Angestellte dürfen sogar mit bis zu 66 Prozent mehr Lohn rechnen.

Die Reaktionen auf die Lohnerhöhungen fielen unterschiedlich aus. Der oppositionelle Gewerkschaftsbund CTV kritisierte vor allem die aus ihrer Sicht zu moderate Erhöhung des Mindestlohns. Der Mindestlohn in Venezuela betrifft in erster Linie die Löhne im privaten Wirtschaftssektor. 6 Millionenen Beschäftigte des Landes beziehen diesen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestbetrag. Der Generalsekretär des CTV forderte deshalb auch für die im Privatsektor Beschäftigen Lohnerhöhungen von "nicht weniger als 40 Prozent" um die Inflationsraten der letzten Jahre auszugleichen. Die Lehrergewerkschaft CENDAS kritisierte, der Anstieg des Mindestlohnes um insgesamt 25 Prozent, würde weiterhin nur die Hälfte des statistischen Warenkorbes einer venezolanischen Familie ausmachen. Die Industrie- und Unternehmerverbände FEDECAMARAS und FEDEINDUSTRIA sehen sich bei der Entscheidung zu Lohnerhöhungen übergangen und teilten mit, dass die Regierung damit aus der "Triparität" von Arbeitgebervertretern, Gewerkschaften und Staat ausgeschert sei.

Andere kritische Stimmen warnten vor allem vor einem weiteren Anstieg der Inflation durch die massive Ausgabensteigerung des Staates. "Umso mehr Geld sie bewegen, umso mehr verschwindet", warnte Chávez-Kritiker Teodoro Petkoff in der Wochenzeitung TalCual vor den Gefahren einer sich immer weiter drehenden Inflationsspirale.

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27.04.2011 Nachricht von Jan Kühn