Kolumbianische Polizeioffiziere auf der Anklagebank

16-Jähriger Straßenkünstler von der Polizei ermordet. Beamte sollen den Tatort manipuliert und Beweise gefälscht haben

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Diego Felipe Becerra neben einem seiner Graffitis
Diego Felipe Becerra neben einem seiner Graffitis

Bogotá. Die kolumbianische Staatsanwaltschaft hat die Eröffnung eines Prozesses gegen den Vizekommandeur der Polizei von Bogotá, Oberst José Vivas, und drei weitere Polizisten angeordnet. Sie werden der Manipulation des Tatorts nach dem Mord an dem 16-Jährigen Diego Felipe Becerra beschuldigt. Der Minderjährige wurde vor drei Monaten von einem Polizisten in Bogotá erschossen, nachdem er zusammen mit anderen Jugendlichen künstlerische Graffitis auf öffentliche Mauern gesprüht hatte.

Der Fall wurde zu einem großen Skandal in Kolumbien. "Nicht nur haben sie unseren wehrlosen Sohn getötet. Hinzu kommt die Unverschämtheit, dass hohe Polizeioffiziere den Mord vertuscht haben", klagt Gustavo Trejos, der Vater des Getöteten, gegenüber amerika21.de. Der Kommandeur der Polizei in Bogotá, General Patiño, verbreitete die Erklärung, dass Becerras Tod im Rahmen einer Verfolgung durch einen Polizeibeamten erfolgte. Der Junge und seine "Bande" hätten zuvor einen bewaffneten Raubüberfall begangen. Inzwischen wurde jedoch festgestellt, dass die Polizei gefälschte Beweise vorgelegt hatte.

Der Kommandeur der Nationalpolizei, General Oscar Naranjo, bekannte zwar, dass der Tod des Jugendlichen Folge eines übermäßig gewaltsamen Einsatzes war. Er stritt jedoch ab, dass die Behörde manipuliert hat. Die Aussagen seien ohne jeglichen Einfluss der Polizei gemacht worden, sagte Naranjo. Dem widersprach Trejos gegenüber amerika21.de. Ein angeblicher Zeuge sei immer wieder in Begleitung des Pressesprechers der Polizei von Bogotá zu sehen gewesen, wenn er bei Nachrichtensendungen Erklärungen abgab. Schon dies widerlege die Mitteilung des Generals, so Trejos.

Auch die Übertragung der Untersuchungen an die Militärjustiz durch die Generalstaatsanwältin Vivian Morales hinterließ viele Fragen. Sie definierte die Erschießung als Aktion des Polizeieinsatzes und übersprang damit Entscheidungsmechanismen der Justiz. Sie habe außerdem ausschlaggebende Dokumente in der Prozessakte außen vor gelassen, welche die Zurückweisung des Falls an die Ziviljustiz erforderlich machten, sagt Trejos. Dies sei der Fall bei einem Bericht des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen, den Morales vollkommen ignoriert habe.

"Wir wollen Gerechtigkeit. Alle hohen Offiziere, die in die Manipulation verwickelt sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden", sagte Diegos Mutter Liliana Lizarazo gegenüber amerika21.de. Mittlerweile wissen die Eltern, dass ihre Telefone abgehört werden. Menschen, die sich bezüglich des Falls mit ihnen treffen, werden überwacht und minderjährige Freunde des Ermordeten sind durch die Polizei bedroht worden. Polizisten haben sogar einen von ihnen für drei Stunden entführt und illegalen Befragungen durchgeführt.

Bisher habe die kolumbianische Presse sich auf die Seite der Eltern des Opfers gestellt, erklärt Lizarazo. Dies sei eine fundamentale Unterstützung gewesen. Andere Opfer der Polizei wie der 16-Jährige Fredy Vidal, der Müll sammelte und Mitte November im Dorf Guapí erschossen wurde, erregen hingegen in der Regel keine Aufmerksamkeit in den großen Medien. Ähnlich ging es dem 15-Jährigen Nicolás Neira. Er wurde im Jahr 2005 bei einer Demonstration von der Aufstandsbekämpfungseinheit ESMAD zu Tode geprügelt. Dieser Mord ist bis heute straflos geblieben.

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