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29.10.2007 Venezuela

Predigt gegen die Verfassung

Katholische Kirchenspitze in Venezuela verschärft Ton im Streit um die Reform der Konstitution
Predigt gegen die Verfassung

Findet vieles lustig, nur Sozialismus nicht: Kardinal Jorge Urosa

Caracas. Die Spitze der katholischen Kirche in Venezuela kritisiert in einem zunehmend scharfen Ton die für Anfang Dezember geplante Reform der Verfassung, In einer Predigt in der Nacht zum Samstag rief der Erzbischof von Caracas, Jorge Urosa, die Regierung des südamerikanischen Landes auf, von dem Vorhaben Abstand zu nehmen. Vor hunderten Glaubensanhängern bezeichnete der katholische Geistliche die Verfassungsnovelle als "Rückschritt in grundlegenden Aspekten".

Bei der Reform sollen nach mehrmaliger Beratung in der Nationalversammlung und nach Rücksprache mit sozialen Organisationen nunmehr 69 der insgesamt 350 Artikel der Verfassung reformiert werden.

Vor allem die geplante Orientierung auf eine sozialistische Staatsordnung wurde von Urosa kritisiert. Ein solcher Staat "würde sich gegen die politische Freiheit richten, gegen den Pluralismus und gegen die Freiheit des Denkens", predigte Urosa in Caracas. Zugleich leugnete der katholische Würdenträger, oppositionelle Gruppen zu vertreten. Sein Interesse sei es, das "Recht auf Kritik" zu verteidigen.

Gut einen Monat vor einer geplanten Volksabstimmung über die Reform haben in Venezuela in den vergangenen Tagen wiederholt Proteste von Oppositionsgruppen gegen die Verfassungsreform stattgefunden. Wie Urosa fordern auch die Organisatoren dieser Proteste, die Reform zu verschieben, bzw. abzusagen. Bei den Demonstrationen kam es wiederholt zu gewaltsamen Ausschreitungen. Nach Angaben venezolanischer Medien kam es zu den Zusammenstößen, nachdem die Teilnehmer von angemeldeten Routen abgewichen waren oder die Polizei angegriffen hatten.

Der katholischen Kirchenführung wurde von der Regierung in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, der gewaltbereiten Opposition zuzuspielen. Das Verhältnis beider Seiten ist seit dem gescheiterten Putsch im April 2002 angespannt. Damals hatte der mittlerweile verstorbene Kardenal Ignacio Velasco ein Dekret mitunterschrieben, das die Herrschaft der Putschisten legitimieren sollte. Anfang August hatte Präsident Chávez die Kirche aufgefordert, sich für diese aktive Rolle beim Putschversuch zu entschuldigen. Der Apell blieb bislang ohne Antwort.

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