Kolumbien

Alle außer Alvaro

Kolumbiens Präsident Uribe unter Druck: Staatschefs für Diplomatie zwischen Bogotá und FARC-Guerilla. Erneut Gefangene freigelassen. Frage nach Schicksal von Betancourt

Bogotá/Caracas. Nachdem die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) zum zweiten Mal seit Jahresbeginn am Mittwoch eine Gruppe politischer Gefangener freigelassen haben, gerät die Regierung in Bogotá zunehmend unter Druck. Denn angesichts des erneuten Vermittlungserfolges der linksliberalen kolumbianischen Abgeordneten Piedad Córdoba und der venezolanischen Regierung werden die Forderungen nach einer diplomatischen Lösung des sozialen und militärischen Konfliktes in Kolumbien international lauter. Eine solche Option werde unter anderem vom Präsidenten Frankreichs, Nicolas Sarkozy, dem Brasiliens, Luiz Inácio "Lula" da Silva, und der argentinischen Staatschefin Cristina Fernández unterstützt. Dies erklärte Venezuelas Präsident Hugo Chávez am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) in Caracas. "Alle stimmen zu, außer (dem kolumbianischen Präsidenten Álvaro) Uribe".

Am Mittwoch waren im Südosten Kolumbiens vier langjährige Gefangene der FARC von Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes in Empfang genommen worden. Bei der Übergabe von Gloria Polanco, Orlando Beltrán, Jorge Géchem und Luis Eladio Pérez waren auch der venezolanische Innenminister Ramón Rodríguez Chacin und die kolumbianische Senatorin Córdoba anwesend. Es war ihr zweiter Verhandlungserfolg. Anfang des Jahres waren bereits zwei Frauen von den FARC freigelassen worden, auch damals hatte die venezolanische Regierung vermittelt. Kolumbiens Staatsführung steht der diplomatischen Initiative jedoch weiter ablehnend gegenüber. Im vergangenen August hatte sie dem venezolanischen Präsidenten und Córdoba das zunächst erteilte Mandat für Verhandlungen mit der FARC-Guerilla aberkannt. Caracas ließ aber nicht locker und mobilisierte mit wachsendem Erfolg Unterstützung für einen Dialog mit den linksgerichteten Rebellen.

Bestätigung erfährt dies auch durch die Exgefangenen. Nach Beltráns Meinung sehen die FARC inzwischen ein, dass die Entführung politischer Vertreter international nicht akzeptiert wird. Eladio Pérez bat Chávez, mit seiner Politik des Dialogs in Kolumbien "nicht zurückzuweichen". Géchem dankte dem venezolanischen Präsidenten in Caracas für dessen "immense Solidarität". Die Regierung in Bogotá kündigte indes an, die Militäroffensive gegen die Guerilla wieder aufzunehmen.

Nachdem binnen weniger Wochen die zweite Gruppe von Gefangenen der FARC befreit wurde, rückt das Schicksal der francokolumbianischen Abgeordneten Ingrid Betancourt stärker ins Interesse der Öffentlichkeit. Die 46jährige wird seit sechs Jahren von den FARC festgehalten. Nach Angaben des nun freigelassenen Eladio Pérez leidet die Politikerin unter schweren Krankheiten. Präsident Chávez wandte sich daraufhin direkt an den FARC-Gründer Manuel Marulanda: "Ich bitte dich darum, Ingrid an einen Stützpunkt in deiner Nähe bringen zu lassen, während wir weiter den Weg zu ihrer Freilassung ebnen". Das Hauptziel sei weiterhin die Befreiung aller Gefangenen der Guerilla, so Chávez. Neben bis zu 1000 Kriegsgefangenen hält die FARC rund 40 politische Häftlinge fest. Bei ihnen handelt es sich meist um verschleppte Politiker. Sie sollen gegen rund 500 inhaftierte Guerilleros ausgetauscht werden.


Den Originaltext der Tageszeitung junge Welt finden Sie hier.

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