Venezuela

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Regierungsgegner in Venezuela schalten Anzeigen gegen Polizeigewalt - mit einem Foto aus Griechenland

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Das Corpus Delicti

Über ein Dutzend Mal waren die Venezolanerinnen und Venezolaner an die Urnen gerufen, seit Präsident Hugo Chávez vor zehn Jahren die Regierung übernommen hat. Am kommenden Sonntag steht erneut eine Wahl an. Mit der Abstimmung soll entschieden werden, ob politische Funktionsträger unbegrenzt wiedergewählt werden können. Bislang erlaubt die Verfassung nur zwei Amtszeiten.

"Nein heißt Nein" - unter diesem Motto demonstriert die Opposition derzeit gegen das Vorhaben. Mehrere zehntausend Chávez-Gegner gingen in den vergangenen Tagen auf die Straße - ebenso wie Anhänger der Staatsführung.

Unterstützt wird die Opposition von der Mehrheit der privaten Medien des südamerikanischen Landes. Dass Chávez-Gegner und private Medienmacht dabei schon einmal über das Ziel hinausschießen, zeigte sich nun, in der Woche vor der Abstimmung. In der regierungskritischen Tageszeitung El Nacional erschien am Samstag (07.01.2009) eine halbseitige Anzeige. "Sühne für die Delinquenten", war in der Politannonce zu lesen. Darunter in roter Schrift die direkte Aufforderung: "Unterdrücke unsere Kinder nicht."

Das Foto zeigt martialisch ausgerüstete Polizisten, die offenbar mit Tränengas gegen eine Gruppe jugendlicher Demonstranten vorgehen. Die Umgebung der Szene ist nicht zu erkennen, das Aussehen der Abgebildeten aber lässt vermuten, dass sie aus Venezuela selbst stammt. "Nein zur unbegrenzten Wiederwahl", heißt es am Fuß der Anzeige - mit einem Flüchtigkeitsfehler.

Doch der Rechtschreibefehler - statt dem spanischen Wort "indefinida" (unbegrenzt) steht da "indefinina" - ist nicht das eigentliche Problem des Inserats, denn die dokumentierte Polizeigewalt ereignete sich gar nicht in Venezuela. Die Szene wurde Mitte April 2003 in der griechischen Hauptstadt Athen aufgenommen. Der Fotograf der Nachrichtenagentur Associated Press, Thanassis Stavrakis, schrieb zu der Aufnahme: "Sondereinheiten der Polizei gehen unweit des griechischen Parlaments mit Pfefferspray gegen Demonstranten während eines Protestmarsches gegen den Krieg am 16. April 2003 vor. Die Polizei versprühte Tränengas und ging gegen Demonstranten vor, während sich führende Vertreter aus 40 Staaten bei den Feierlichkeiten zur Erweiterung der Europäischen Union trafen".

In den vergangenen Jahren hatten auch in Venezuela Oppositionsgruppen der Regierung Chávez immer wieder vorgeworfen, gewaltsam gegen protestierende Schüler und Studenten Gewalt anzuwenden. Die Anklagen waren wiederholt von Nichtregierungsorganisationen erhoben worden. Die kostspielige halbseitige Anzeige in El Nacional wurde eben von einer solchen Gruppe geschaltet. Wie der venezolanische Journalist Luigino Bracci Roa über die obligatorische Identifikationsnummer herausfand, stammt die Annonce von der Gruppe "Zivile Vereinigung für die Bildung von Kindern und Jugendlichen". Über sie finden sich sonst keine Hinweise im Internet.

Eine solche Inszenierung der Proteste gegen die venezolanische Regierung ist nicht neu. Bereits im März vergangenen Jahres war einer der Anführer der Demonstrationen, Yon Goicochea, vom neokonservativen Washingtoner Cato-Institute für sein Engagement ausgezeichnet worden. Sein "Einsatz für die Freiheit" brachte dem damals 23-jährigen nicht nur den so genanten Milton-Friedman-Preis ein, sondern auch ein Preisgeld von einer halben Million US-Dollar. In der Jury saß neben anderen neoliberalen Lobbyisten auch Karen Horn vom deutschen Institut der deutschen Wirtschaft.

Goicochea hatte einige Monate zuvor mit einem Auftritt vor der Nationalversammlung (Parlament) in Caracas bereits von sich Reden gemacht. Auf Einladung von Regierungsabgeordneten waren er und seine Mitstreiter überraschend in roten T-Shirts erschienen - die normalerweise von den Chávez-Anhängern getragen werden. Nach einigen Sätzen am Rednerpult zogen sein Komillitone Douglas Bravo, Goicochea und ihre Begleiter die roten T-Shirts demonstrativ aus. Darunter trugen sie weiße Oberteile.

Als ein weiterer Gastredner, Héctor Rodríguez von der staatlichen Zentraluniversität, ein Plädoyer für die Regierungspolitik hielt, präsentierte er zur allgemeinen Erheiterung die letzte Seite von Bravos Redemanuskript. Darauf waren detaillierte Anweisungen zu Gestik und Betonung vermerkt, sowie der Hinweis "Jetzt T-Shirt ausziehen". Verfasst wurde das Papier von der Werbeagentur ARS Publicidad. An dieser PR-Firma beteiligt ist Guillermo Zuloaga, zugleich Miteigner des privaten venezolanischen Fernsehsenders Globovisión. Auch dieser Kanal verfolgt eine aggressive Linie gegen die Regierung.


Der Originalbeitrag erschien beim Blog der Wochenzeitung Freitag.

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