Kulturkampf in Buenos Aires

Auseinandersetzung zwischen dem besetzten Theater Sala Alberdi und der Stadt Buenos Aires spitzt sich zu

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Publikum bei einer Freiluftveranstaltung
Publikum bei einer Freiluftveranstaltung

Buenos Aires. Seit mehr als zweieinhalb Jahren wird ein kleiner Theatersaal im sechsten Stock des Kulturzentrums San Martín, im Zentrum von Buenos Aires, bereits besetzt gehalten. Der Sala Alberdi soll vor dem Schicksal bewahrt werden, das bereits dem Rest des Kulturzentrums widerfahren ist: der Privatisierung durch die neoliberale Stadtregierung um Bürgermeister Mauricio Macri und Kulturminister Hernán Lombardi.

Seit Anfang dieses Jahres haben sich die Umstände der Besetzung deutlich erschwert. Unter dem Vorwand einer Sommerpause wurde das Kulturzentrum am 3. Januar komplett geschlossen. Ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften und Polizei hindert die Aktivisten am Zugang zum Saal. Um die Besetzung aufrechtzuerhalten, harrt eine kleine Gruppe, die sich zum Zeitpunkt der Schließung im Saal befand, weiterhin dort aus und wird mit Hilfe eines Seilzugs von außen mit dem Nötigsten versorgt. Diese Versorgung sowie kulturelle Protestaktivitäten werden von einem rund 100 Personen umfassenden, dauerhaften Camp vor dem Eingang des Kulturzentrums durchgeführt.

In den zweieinhalb Jahren der Besetzung gab es viele schwierige Situationen, doch in letzter Zeit schien es ruhiger zu werden. Als das Theater am 3. Januar jedoch mit seinem diesjährigen Sommerprogramm beginnen wollte, kam es zur Eskalation. Es wurden nicht nur der Haupteingang, sondern auch alle Notausgänge, der Fahrstuhl und die Toiletten geschlossen. Die noch im Saal verbleibenden Aktivisten sollten gewaltsam zur Aufgabe gezwungen werden. Selbst als sich bekannte Menschenrechtsaktivistinnen der Organisation Mütter von der Plaza de Mayo für die "Inhaftierten" einsetzten und vorschlugen, die Übergabe von Lebensmitteln zu übernehmen, wurde dies nicht zugelassen. So bleibt nur die durch Aktivisten und Unterstützer organisierte Versorgung über einen Seilzug. Die Aktivisten beklagen sich zudem über Provokationen und Gewaltanwendung von Polizei und Sicherheitspersonal.

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Die kostenlosen kulturellen Aktivitäten der Sala Alberdi wurden in dieser schwierigen Zeit jedoch keineswegs gestoppt, sondern sogar noch intensiviert. Anstatt im Theatersaal selbst finden die Theaterstücke, Workshops und Konzerte nun unter freiem Himmel statt – direkt vor dem Camp der Unterstützer oder an anderen Orten der Stadt. Hinzu kommen Demonstrationen und politische Diskussionen, die etwa das Thema der Menschenrechte aufgreifen. Auf diese Weise hat die Sala Alberdi größere Bekanntschaft erreicht und die Zahl der Unterstützer ist deutlich gestiegen.

Doch auch die Gegner sind aktiv. Die Stadtregierung und die Leitung des Kulturzentrums versuchen – auch mit Hilfe der ihnen nahestehenden Medien – die Besatzer zu kriminalisieren. Sie sprechen den Künstlern ihren Status als Kulturschaffende ab und brandmarken ihre Aktionen als Rowdytum. Zudem verweisen sie darauf, dass andere Räumlichkeiten als Ersatz angeboten wurden. Die Künstler lehnen diesen jedoch als vollkommen unzureichend für ihre Aktivitäten ab, auch weil er nur 100 Plätze statt der bisher zur Verfügung stehenden 250 hat.

Zwei Kulturverständnisse prallen in diesem Konflikt aufeinander. Auf der einen Seite möchte die Stadtregierung Kultur durch Privatisierungen und prestigeträchtige Großveranstaltungen möglichst profitabel gestalten. Auf der anderen Seite stehen die Künstler der Sala Alberdi, die eine allen sozialen Schichten zugängliche Kultur propagiert. "Bei diesem Konflikt handelt es sich um keinen Einzelfall", betonte der nationale Abgeordnete des linken Bündnisses Frente Nuevo Encuentro gegenüber der Tageszeitung Página 12. Der Disput sei "Teil einer verdummenden, rechten Kulturpolitik, die versucht, die Stadt künstlerisch und kulturell gesehen zu entleeren".

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