Chile / Militär

Experten: Pablo Neruda starb nicht durch Gift

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Der chilenische Literaturnobelpreisträger ist laut Forensikern nicht vergiftet worden.
Der chilenische Literaturnobelpreisträger ist laut Forensikern nicht vergiftet worden.

Santiago de Chile. Der Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts Chiles, Patricio Bustos, hat am vergangenen Freitag Ergebnisse einer Expertise von Sachverständigen aus mehreren Ländern öffentlich gemacht, aus denen hervorgeht, dass der Tod des chilenischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda am 23. September 1973 nicht die Folge einer Vergiftung war.

Forensiker und Biochemiker der Universität von Nord Carolina in den USA sowie aus dem spanischen Murcia hatten seit April 2013 Gewebeproben von Nerudas Leichnam untersucht. Die Experten waren nun in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile zusammengekommen, um die Ergebnisse gemeinsam zu bewerten. "Es wurden keine chemischen Substanzen gefunden, die sich mit dem Absterben von Herrn Pablo Neruda in Verbindung bringen lassen", erklärte Bustos. Chemische Stoffe, die in den Gewebeproben gefunden wurden, stammten demnach ausschließlich von einer medikamentösen Krebsbehandlung Nerudas.

Das Ergebnis deckt sich mit bereits im Mai veröffentlichten Befunden, die einen Metastasenbefall in Nerudas Knochengewebe bestätigten. Damit scheint nun offiziell festzustehen, dass der Dichter an Prostatakrebs verstarb. Dies würde die seit langem kursierenden Gerüchte widerlegen, dass Pablo Neruda im Auftrag der Militärs, die sich kurz zuvor an die Macht geputscht hatten, ermordet wurde.

Aus Prozessen zur Aufarbeitung der Militärdiktatur ist belegt, dass während der Ära von Augusto Pinochet politische Gegner mittels Giften wie Botulinumtoxin, Sarin und Thallium eliminiert wurden. Gegenüber dem chilenischen Sender Radio Cooperativa erklärte der spanische Forensiker Guillermo Repetto, dass Gifte wie Botulinumtoxin schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Körper verschwinden. Die Untersuchungen seien daher auf mögliche Folgewirkungen einer Vergiftung ausgerichtet gewesen. Solche Gifte hätten viel schnelleren Tod bewirkt und eine völlig andere Symptomatik gehabt, so der Mediziner.

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Der den Fall Neruda leitende Ermittlungsrichter Mario Carroza zeigte sich nach den Veröffentlichungen am Freitag abwartend. Die Herkunft der Gewebeproben aus dem Körper Nerudas soll noch bestätigt werden. Carroza hatte am 8. April 2013 die Exhumierung von Pablo Nerudas Leichnam angeordnet, die von der Kommunistischen Partei Chiles gefordert worden war. Neruda war als jahrzehntelanges KP-Mitglied nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 zum politisch Verfolgten geworden und wollte nach seiner Krebs-Operation nach Mexiko ins Exil gehen.

Der Verdacht einer Vergiftung Nerudas geht auf Aussagen seines damaligen Privatsekretärs Manuel Araya. Demnach hätte Neruda ihm bei einem Anruf aus der Klinik Santa María in Santiago de Chile von der Injektion einer mysteriöse Flüssigkeit berichtet. Mehrere Mediziner des Krankenhauses werden verdächtigt, mit Pinochets Geheimpolizei Dina kooperiert zu haben.

Die Debatte um Todesursache Nerudas fällt in die heiße Phase des chilenischen Präsidentschaftswahlkampfes. Am 17. November heißen die aussichtsreichsten Kandidatinnen Michelle Bachelet, als Vertreterin eines Mitte-Links-Bündnisses, und Evelyn Matthei. Bachelets Vater Alberto wurde während der Militärdiktatur gefoltert und sein Tod wird derzeit ebenfalls untersucht. Im Juli 2013 wurde ein Verfahren gegen General Fernando Matthei angestrebt, den Vater der rechtskonservativen Kandidatin, der einer der Folterer gewesen sein soll.

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