Chile / Menschenrechte

Expertentreffen zur Todesursache von Pablo Neruda

Treffen internationaler Rechtsmediziner zur Todesursache des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda

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Der Dichter Pablo Neruda starb 1973 unter mysteriösen Umständen.
Der Dichter Pablo Neruda starb 1973 unter mysteriösen Umständen.

Santiago de Chile. Am vergangenen Dienstag ist in der chilenischen Hauptstadt ein Team von internationalen Rechtsmedizinern eingetroffen, welches ein Gutachten zur Todesursache des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda erstellen soll.

Am 8. April 2013 hatten die chilenischen Ermittlungsbehörden auf Antrag der Kommunistischen Partei des Landes die Leiche Nerudas zur Exhumierung freigegeben. Der Ermittlungsrichter Mario Carroza hatte Proben von Nerudas Leiche an Labore in Spanien und der Universität von Nord Carolina in den USA gesandt. Die Ergebnisse sollen nun gemeinsam mit Sachverständigen des gerichtsmedizinischen Dienstes Chiles (Servicio Médico Legal) und der Universität von Chile ausgewertet werden. Das Expertentreffen dauert bis zu diesem Freitag.

Die Kommunistische Partei, der Neruda 28 Jahre lang angehörte, hatte Aufklärung über den Tod des Dichters gefordert, nachdem dessen damaliger Chauffeur und persönlicher Sekretär Manuel Araya ausgesagt hatte, dass Neruda bei seinem Aufenthalt in der Klinik Santa María in Santiago de Chile, in welcher er verstarb, eine mysteriöse Substanz injiziert worden sei. Araya berichtete, dass er am 23. September 1973 einen Anruf Nerudas aus der Klinik erhalten habe. Dieser habe zu ihm gesagt: "Komm schnell zurück! Als ich schlief, kam ein Doktor und gab mir eine Spritze in meinen Bauch.“ Am selben Tag um 22.30 Uhr starb Neruda, laut offiziellen Angaben an Herzversagen. Er wurde 69 Jahre alt. Seine Krankenakten sind bis heute unauffindbar.

Der Dichter hatte sich am 19. September 1973, nur acht Tage nach dem Militärputsch gegen die Allende-Regierung in Chile, in die Klinik einweisen lassen, angeblich, um sich wegen Prostatakrebs operieren zu lassen. Nach Arayas Aussage wollte Neruda fünf Tage später nach Mexiko exilieren. Erste Untersuchungsergebnisse im Mai 2013 hatten ergeben, dass Neruda tatsächlich an Prostatakrebs erkrankt war. Ob dies auch die Todesursache war, soll nun endgültig geklärt werden.

Erst kürzlich war die Diskussion über den Einsatz von Nervengift gegen politische Gegner des Pinochet-Regimes wieder aufgelebt. Mitte August 2013 hatte die ehemalige Leiterin der chilenischen Gesundheitsbehörde ISP Funde von Nervengift im Keller ihrer Behörde öffentlich gemacht. Das Militär hatte stets behauptet, Botulinumtoxin sei importiert worden, um für einen befürchteten Chemiewaffenangriff durch Argentinien ein Gegengift produzieren zu können.

Aus vielen Zeugenaussagen und Beweisen für Prozesse zur Militärdiktatur geht jedoch hervor, dass die Repressionsbehören der Diktatur tatsächlich Botulinumtoxin, Sarin und Thallium zur Eliminierung politischer Gegner einsetzten.

Der bisher berühmteste Fall ist der Tod des ehemaligen chilenischen Präsidenten Eduardo Frei (1964-1970). Dieser ließ sich 1982 wegen eines Leistenbruchs ebenfalls in der Klinik Santa María operieren. Kurz darauf erlitt Frei einen septischen Schock. Gegen das ihn behandelnde Ärzteteam wurde Ende 2009 ein Strafverfahren wegen des Verdachts des Mordes mit Gift eingeleitet. Dahinter wird Pinochets berüchtigte Geheimpolizei Dina vermutet. Der Fall Frei stärkt den Verdacht, dass auch Pablo Neruda in der Klinik vergiftet wurde.

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