Landbesetzung und Enteignungen in Venezuela

Bauern besetzen Anwesen von Großgrundbesitzer im Bundesstaat Apure. Regierung plant 2014 Enteignung von 350.000 Hektar Agrarflächen

campesino_venezolano.png

Organisierte Bauern im Bundesstaat Apure
Organisierte Bauern im Bundesstaat Apure

Caracas. Seit dem 10. Januar halten hundert Bauernfamilien der Kommune Negro Primero mit 500 Tieren das Landgut "Hato El Porvenir" im venezolanischen Bundesstaat Apure

besetzt. Das 40.000 Hektar große Anwesen ist nach Angaben der Bauern seit den 1920er Jahren in Händen der deutschen Familie De Fries, die sich "mit juristischen Tricks, Betrug und in einigen Fällen durch den Einsatz von Gewalt" bis zu 100.000 Hektar Land in den venezolanischen Llanos angeeignet hat. Bereits im Dezember 2011 hatte der damalige Präsident Hugo Chávez die Enteignung von "Hato El Porvenir" angeordnet und die Übergabe an organisierte Bauern zugesagt. Jedoch erst im August 2013 setzte das staatliche Nationale Landinstitut (INTI) das Enteignungsverfahren in Gang. Um das Prozedere der Übertragung zu beschleunigen, besetzten die Bauern nun das Grundstück.

Rafael López, ein Sprecher der Kommune Negro Primero, berichtete, dass Angehörige der Nationalgarde zunächst mit einer gewaltsamen Räumung gedroht hatten. Sie sperrten die Zufahrt zum Gelände und verhinderten die Versorgung der Besetzer mit Wasser, Brennholz und Lebensmitteln. Am Tag darauf zogen die Gardisten sich jedoch zurück. Eine Abordnung des INTI traf ein, um mit den Bauern bei der Zuteilung von Arealen und der Entwicklung des Anwesens zusammenzuarbeiten. Geplant ist unter anderem eine Bauernuniversität. Sowohl Familienbetriebe als auch Produktionseinheiten im direkten sozialen Eigentum sollen aufgebaut und in die lokale Selbstverwaltung der örtlichen Kommunen integriert werden.

gnb_campesinos_el_hato_el_porvenir_.jpg

Bilder vom ersten Tag der Besetzung des Anwesens "Hato El Porvenir"
Bilder vom ersten Tag der Besetzung des Anwesens "Hato El Porvenir"

Für dieses Jahr wird das INTI laut Haushaltsplan 350.000 Hektar unproduktiven Landbesitz konfiszieren. Nach Angaben des Institutsleiters William Gudiño sind seit Inkrafttreten des Landgesetzes 2001 rund vier Millionen Hektar Agrarfläche enteignet und für die landwirtschaftliche Produktion nutzbar gemacht worden. Laut Verfassung kann der Staat Agrarland, das nicht zu 80 Prozent produktiv genutzt wird, enteignen. Darüber hinaus seien rund sieben Millionen Hektar Landbesitz nach der Regel "Das Land denen, die es bearbeiten" legalisiert worden. Diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, das System des Großgrundbesitzes zu beseitigen. Im Jahr 1998 waren mehr als sieben Millionen Hektar der insgesamt 30 Millionen Hektar Ackerland in Venezuela in Händen von 0,4 Prozent der Landbesitzer. "Keine Regierung, die sich zum Ziel setzt, das Problem der Ernährung des Volkes zu lösen, kann zulassen, dass Land in so wenigen Händen konzentriert ist. Noch weniger, wenn die Produktion mangelhaft ist", so Gudiño auf einer Landwirtschaftskonferenz im November.

Die enteigneten Ländereien werden an Kleinbauern übergeben oder in Gemeinschaftsflächen umgewandelt, die von Genossenschaften, kommunalen Räten oder Kommunen verwaltet werden. Die Bauern werden mit Schulungen und Ausrüstung sowie Logistik im Rahmen des staatlichen Landwirtschaftsprogramms "Misión AgroVenezuela" und dem staatlichen Agrarunternehmen Agropatria unterstützt. Langfristiges Ziel ist die Erreichung der Ernährungssouveränität: 100 Prozent des Bedarfs an Grundnahrungsmitteln sollen im Land selbst hergestellt werden.

Seit der Landreform kommt es immer wieder zu Konflikten mit den Großgrundbesitzern, die sich den Übernahmen ihrer Ländereien durch Gruppen von Bauern widersetzten oder behaupten, vom INTI nicht angemessen für die Enteignungen entschädigt zu werden. Manche stehen im Verdacht, Auftragskiller angeheuert zu haben, um Aktivisten der Bauernbewegung zu ermorden und Landbesetzungen zu verhindern. Die größte Bauernorganisation des Landes, die "Frente Nacional Campesino Ezequiel Zamora" berichtet, dass seit 2001 über 300 Bauern getötet worden sind und beklagt die weitgehende Straflosigkeit für diese Verbrechen.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr