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12.07.2015 Mexiko / Medien

Erneut Journalisten in Mexiko ermordet

Menschenrechtsorganisation zählt sechs Journalistenmorde seit Jahresbeginn. Behörden leugnen Zusammenhang mit der Berufsausübung der Opfer
Die Menschenrechtsorganisation Article 19 berichtet über sechs ermordete Journalisten in diesem Jahr

Die Menschenrechtsorganisation Article 19 berichtet über sechs ermordete Journalisten in diesem Jahr

Quelle: twitter.com

Mexiko-Stadt. Die Liste der ermordeten Journalisten in Mexiko hat sich innerhalb von nur einer Woche um drei weitere Personen verlängert. Am 2. Juli erschossen Unbekannte den Radiojournalisten Filadelfo Sánchez Sarmiento in der Stadt Miahuatlán im Bundesstaat Oaxaca. Sánchez Sarmiento, der auch für verschiedene Zeitungen in Oaxaca schrieb, hatte gerade seine Nachrichtensendung in der Station "La Favorita" beendet. Nach unterschiedlichen Angaben erwarteten ihn ein oder zwei Personen auf der Straße und brachten ihn mit neun Schüssen um. Er und andere Mitarbeiter des um seine Zulassung kämpfenden Radiosenders hatten offenbar vorher bereits wiederholt Drohungen erhalten.

In Veracruz wurde am selben Tag die Leiche des Reporters Juan Mendoza Delgado aufgefunden. Er war zwei Tage zuvor verschwunden. Mendoza Delgado arbeitete 16 Jahre lang als Polizeireporter und hatte sich vor zwei Jahren mit dem Internetportal "Escribiendo la Verdad" (Die Wahrheit schreibend) selbstständig gemacht. Er war parallel als Taxifahrer tätig und von einer Schicht nicht mehr zurückgekehrt. Offiziellen Angaben zufolge soll er überfahren worden sein.

Ende Juni starb Gerardo Nieto Álvarez, Direktor der Wochenzeitung "El Tabano" in der Stadt Comonfort, Bundesstaat Guanajuato, an einer tiefen Halswunde. Der oder die Täter ermordeten ihn in seinem Büro. In allen drei Fällen gibt es keine stichhhaltigen Hinweise auf Motive und Mörder.

Die Interamerikanische Menschenrechtskommission verurteilte die Gewalt gegen die mexikanischen Journalisten und sprach von einer "speziellen Besorgnis". Sie erinnerte daran, dass allein 2014 insgesamt acht Journalisten in Mexiko mutmaßlich wegen ihrer Berufsausübung ermordet wurden und es in diesem Jahr bereits vier Morde an dieser Berufsgruppe gegeben hat. Die Menschenrechtsorganisation "Article 19" zählt bereits sechs Journalistenmorde für 2015.

Die jüngsten Ereignisse spiegeln hierbei nur eine allgemeine Entwicklung in Mexiko wider. In einem Kontext, in dem Menschenleben generell wenig zählen und die weitgehende Straffreiheit bei aller Art von Delikten garantiert ist, nehmen auch die tödlichen Aggressionen und Bedrohungen gegen Medienschaffende zu. Dabei muss es sich gar nicht um eine explizit kritische Berichterstattung handeln, die mundtot gemacht werden soll. Manchmal reicht es, einfach nur über die Existenz gewalttätiger Konfrontationen zu berichten.

Ein Beispiel dafür ist die Ermordung der Bloggerin María del Rosario Fuentes Rubio am 15. Oktober 2014 im Bundesstaat Tamaulipas. Oder die Entführung – Prügel und Todesdrohung eingeschlossen – von Enríque Juárez Torres, Chefredakteur der Ausgabe der Zeitung El Mañana in Matamoros, Tamaulipas, Anfang Februar 2015. Beide Male werden die Mitglieder von Drogenkartellen als Täter verantwortlich gemacht. Es war nicht die erste Attacke auf El Mañana, zeitweise übte die Zeitung deswegen öffentlich erklärte Selbstzensur – wie viele andere Medien auch. Nun haben die meisten Beschäftigten der El Mañana-Ausgabe in Matamoros gekündigt. "Article 19" hat den Horror in Tamaulipas für den Zeitraum 2007 bis 2014 beziffert und dokumentiert: 70 Aggressionen gegen Medienschaffende und Medien in Tamaulipas. Darunter fünf Morde an Journalisten und Bloggern, ein verschwundener Journalist.

Michoacán, Guerrero, Sinaloa, Nuevo León und Oaxaca sind weitere Bundesstaaten, in denen in den vergangenen zwölf Monaten Journalisten umgebracht wurden. Fast immer versuchen die Behörden, entgegen offensichtlicher Indizien den Eindruck zu erwecken, die Tatmotive hätten absolut nichts mit der Berufsausübung der Opfer zu tun. Darum sind auch Ermittlungen – von Einzelfällen abgesehen – von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie scheinen das vorrangige Ziel zu haben, die Wahrheit zu verschleiern, nicht, sie zu finden.

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