Oxfam kritisiert deutsche Discounter wegen Lage auf Plantagen in Lateinamerika

Studie zu Arbeitsbedingungen auf Feldern in Costa Rica und Ecuador. Preisdumping trägt zu Ausbeutung und Gefährdung bei. Konzerne weisen Vorwürfe zurück

Berlin. Deutsche Supermärkte sind nach einer Studie der Hilfs- und Entwicklungshilfeorganisation Oxfam für die immer schlechteren Sozial- und Arbeitsschutzstandards in der Agrarindustrie Lateinamerikas verantwortlich. Auf den Ananas- und Bananen-Plantagen der beiden untersuchten Exportländer Costa Rica und Ecuador reiche der Lohn gemeinhin nicht, heißt es in dem gut drei Dutzend Seiten fassenden Bericht. Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssten auch ihre Gesundheit gefährden, weil die Massenproduktion in diesen Ländern mit dem massiven Einsatz von Pestiziden einhergeht. Einige der Mittel seien hierzulande verboten, weil sie für Mensch und Umwelt zu giftig sind. Oxfam fordert nun von den Supermarktketten und der Bundesregierung Konsequenzen.

Für den Bericht "Süße Früchte, krumme Geschäfte" hatte Oxfam zwischen Januar und April dieses Jahres in Costa Rica und Ecuador zahlreiche Interviews mit Arbeiterinnen und Arbeitern geführt. Trotz der durchaus stattfindenden Kontrollen der Betriebe in Mittel- und Südamerika machten die Interviewer von Oxfam zahlreiche Mängel bei Sozialstandards und Arbeitsschutz aus.

Beispiel Costa Rica: In den letzten 14 Jahren hat sich laut der Statistikämter Comtrade und Eurostat der Import von Ananas aus dem mittelamerikanischen Land von rund 57.000 Tonnen im Jahr 2000 auf 168.000 Tonnen im Jahr 2014 bei sinkenden Preisen für die Endverbraucher fast verdreifacht. Wer dafür bezahlt, ist im Oxfam-Bericht zu lesen. Beim Produzenten Finca One – immerhin das einzige Unternehmen, das zu Gesprächen mit den Autoren bereit war – kommen nach Aussagen der Interviewten über 90 Prozent der Erntearbeiter aus dem benachbarten Nicaragua. Weil sie sich ohne Erlaubnis als Tagelöhner in Costa Rica aufhalten, sind die bestehenden Arbeitsschutzrichtlinien für die Auftraggeber leicht zu umgehen.

Im Fall von Ecuador erkennt die Studie immerhin an, dass der Mindestlohn in den vergangenen Jahren unter der Linksregierung von Präsident Rafael Correa kontinuierlich erhöht wurde und derzeit bei 366 US-Dollar (gut 320 Euro) im Monat liegt – sofern das vorgeschriebene 13. und 14. Monatsgehalt gezahlt wird. Dem entgegen müssten für den für die Armutsgrenze ermittelten Warenkorb 675 Dollar (rund 600 Euro) aufgewendet werden. Ergo: "Die Mehrzahl der Beschäftigten (in der Bananenindustrie) lebt von der Hand in den Mund." Dabei ist die Branche der wichtigste Exportzweig nach dem Erdöl. Gut zwei Milliarden Dollar (1,77 Milliarden Euro) erwirtschaftet das Land mit der Südfrucht, 200.000 Arbeitsplätze werden so direkt gesichert. Die Bedingungen sind trotz aller sozialpolitischen Maßnahmen prekär.

Das zweite große Problem neben den sozialen Verhältnissen der Erntearbeiter ist die Belastung mit Pestiziden. Bei zwei Ernten im Jahr würde in Costa Rica eine Vielzahl von Pflanzenschutzmitteln eingesetzt. "Über 50 verschiedene chemische Substanzen werden einzeln oder in Kombination verwendet", so Oxfam.

In Ecuador trugen die Autoren der Studie Aussagen von Betroffenen zusammen, die von den besonders verheerenden Flächenbesprühungen aus Flugzeugen berichten. Rund 65 Prozent der interviewten Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Plantagen mit einem Zertifikat der Rainforest Alliance gaben demnach an, solche Sprühflugzeuge schon einmal gesehen zu haben. Weniger als eine Stunde nach deren Einsatz mussten sie wieder an die Bananenpalmen.

Weil es kaum eine Alternative zu den Discountern Edeka, Lidl, Aldi, Rewe und Metro gibt, können diese Abnehmer die Konditionen quasi diktieren. Das heißt:

  • dass der Importpreis für Ananas zwischen 2002 und 2014 in Deutschland inflationsbereinigt vom 1,34 Euro auf 0,71 Euro pro Kilo gesunken ist;
  • dass der Anteil der Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Ananasfeldern am Preis der Frucht bei 9,7 Prozent liegt, der hiesige Einzelhandel aber 42 Prozent einstreicht;
  • dass der Mindestpreis von 6,16 Dollar (5,50 Euro) pro Kiste Bananen in Ecuador massiv unterschritten wird.

Um diese Situation zu verändern, seien Produzenten, Exporteure, Importeure, Supermarktketten und die Bundesregierung gefordert, meint Oxfam.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, liegen inzwischen Stellungnahmen der Discounter Aldi und Lidl, des Handelskonzerns Rewe und Deutschlands größtem Lebensmittelhändler Edeka zu der Studie vor. Darin weisen sie die Vorwürfe zurück und betonen ihren Einsatz für "sozial gerechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen" und "eine Verbesserung der Umwelt- und Sozialstandards". Die von Oxfam vorgebrachten Anschuldigungen hätten nicht bestätigt und belegt werden können (Aldi, Lidl. Rewe) und es sei unklar, auf welcher Datenbasis und auf welchen Farmen die aktuellen Rechercheergebnisse von Oxfam ermittelt worden seien (Edeka).

Wenn Sie über diesen Artikel mitdiskutieren wollen, nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion auf unserer Facebook-Seite oder folgen Sie einfach diesem Link
Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr