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Brasilien: Thyssenkrupp macht sich aus dem Staub

Deutscher Industriekonzern verkauft Stahlwerk in Rio de Janeiro an argentinisches Unternehmen Ternium. Anwohner und Fischer klagen weiter auf Entschädigung
Luftaufnahme des TKCSA-Geländes

Luftaufnahme des TKCSA-Geländes

Quelle: Yuri Leonardo
Lizenz: CC by-nc-nd 4.0

Rio de Janeiro. Thyssenkrupp hat das skandalbelastete Stahlwerk Companhia Siderúrgica do Atlântico (TKCSA) für 1,5 Milliarden Euro an den argentinischen Stahlkocher Ternium verkauft. Diesem Betrag stünden noch Wertberichtigungen von 900 Millionen Euro gegenüber, teilten die Essener am Mittwoch mit. Die brasilianische Tageszeitung O Globo erwähnte in diesem Zusammenhang einen Betrag von 300 Millionen Euro, die bei der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES an Kreditschulden noch zu begleichen seien.

Der Verkauf war in die Wege geleitet worden, nachdem der Mitbesitzer des Werks, die brasilianische Vale, im Mai vergangenen Jahres seinen Anteil zum symbolischen Preis von einem US-Dollar sowie einer anteiligen Schuldenübernahme an Thyssenkrupp verkauft hatte. So war das deutsche Unternehmen aus den komplexen Eigentums- und Lieferverträgen herausgekommen und konnte die Verkaufsverhandlungen forcieren. Eine weitere Vorbedingung war die Erlangung der Betriebsgenehmigung, die dem Stahlwerk im September 2016, nach sechs Jahre laufendem Betrieb, erteilt wurde.

Damit beendet Thyssenkrupp die verlustreiche "Business Area Steel Americas". 2005 hatte der Konzern beschlossen, in Alabama (USA) und in Rio de Janeiro zwei Stahlwerke zu errichten, erste Planungen gingen von 1,3 Milliarden Euro Gesamtkosten aus. Durch Erweiterung der Baupläne um Hafenanlagen und starke Wechselkursschwankungen sowie aufgrund von Fehlkonstruktionen stiegen diese auf zwölf Milliarden Euro für Investitionen und bisherige operative Verluste, so der Konzern. So stünde nach dem 2014 erfolgten Verkauf des Werks in Alabama an ArcelorMittal und Nippon Steel und dem nun getätigten Verkauf des Werks in Rio an Ternium unter dem Strich ein Verlust von rund acht Milliarden Euro in den Büchern. »Die Auswirkungen sind bis heute in der Bilanz sichtbar. Für die Aufarbeitung wird Thyssenkrupp noch einige Jahre benötigen«, so der Konzern in seiner Verkaufsmitteilung.

Der damalige Chef von Thyssenkrupp Steel, Karl-Ulrich Köhler, wurde 2009 wegen des Brasilien-Desasters entlassen. Ende 2011 musste der langjährige Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz seinen Aufsichtsratsposten räumen. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme trat 2013 zurück. Cromme hatte mit Hilfe externer Juristen wiederholt prüfen lassen, ob Köhler, Schulz und er selbst wegen der Fehlplanungen beim Hüttenbau in Rio juristisch belangt werden können. Die Beurteilung der Juristen fiel immer zugunsten der Manager aus. Das rettete ihren Job aber letztlich nicht.

"Das Stahlwerk TKCSA in Rio de Janeiro lastet bleischwer auf dem Konzern", so der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger im Januar 2014. Es waren aber nicht nur die nackten Zahlen, die dem Konzern zusetzten. Denn das Stahlwerk produzierte zwar seit Juni 2010 fünf Millionen Stahlbrammen pro Jahr, aber dies ohne gültige Betriebsgenehmigung. Die wurde Jahr auf Jahr durch behelfsmäßige Genehmigungen der Behörden ersetzt, da das Werk die Umweltschutzauflagen nicht in den Griff bekam. Erst im September 2016 – nach sechs Jahren Betrieb – wurde die Genehmigung erteilt.

Doch die Anwohner sagen, die Situation habe sich nicht geändert. Denn auf wem das Stahlwerk TKCSA in Rio de Janeiro "bleischwer" lastet, das sind die Anwohner vor Ort: Auf sie geht der Stahlwerkstaub aus Zink, Silizium, Natrium, Mangan, Potassium, Kalzium, Aluminium, Vanadium, Titan, Schwefel, Phosphor, Nickel, Magnesium, Kupfer, Chrom, Kadmium und Blei täglich nieder. Diese Daten entstammen der Analyse des Landesumweltministerium von Rio, SEA, das 2012 die Analyse des Stahlwerkstaubs vorgenommen hatte. Das SEA bestätigte zudem, dass das ausgestoßene Pulver toxisch ist und Asthma, Lungenkrebs, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Missbildungen und vorzeitiges Ableben bewirken könnte.

Deswegen gibt es noch 238 Klagen der betroffenen Anwohner, die vor Gericht Entschädigung für die Gefährdung ihrer Gesundheit fordern. Diese Prozesse gehen ebenso weiter wie die Entschädigungsklagen der 5.763 Fischer, deren Ertrag beim Fischfang seit Baubeginn des Werks um 80 Prozent zurückgegangen ist und die ihren Protest dagegen bereits im Januar 2010 nach Bochum auf die Aktionärsversammlung trugen. Bis heute haben sie keine Entschädigung erhalten.

Hiesinger wurde auf der Aktionärsversammlung im Januar dieses Jahres von einer Aktionärin aus London gefragt, was mit diesen vor Gericht anhängigen Prozessen geschehe, wenn der Konzern das skandalbelastete Werk in Rio verkaufe. Diese Rechtsstreitigkeiten würde der Käufer dann erben, so Vorstandsvorsitzende.

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