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25.09.2017 Mexiko / Kultur / Medien

Die erhobene Faust

Gedicht des mexikanischen Schriftstellers und Journalisten Juan Villoro zu den Erdbeben in Mexiko. Eine poetische Bestandsaufnahme und Gesellschaftskritik
Juan Villoro

Juan Villoro

Quelle: Mayra Guarneros
Lizenz: CC by-sa 3.0
Du bist von dem Ort, wo du den Müll aufhebst.
Wo zwei Blitze an dem gleichen Punkt einschlagen.
Denn du hast den ersten gesehen,
und wartest auf den zweiten.
Und hier bleibst du.
Wo sich die Erde auftut,
und die Leute sich zusammenschließen.
 
Wieder einmal kommst du zu spät:
weil du unpünktlich bist, bist du am Leben,
da du nicht zum Treffen gekommen bist,
zu dem dich der Tod um 13:14 geladen hat,
zweiunddreißig Jahre nach dem anderen Treffen,
zu dem du ebenso nicht pünktlich warst.
Du bist das übersehene Opfer.
Das Gebäude schwang herum und du
sahst nicht dein Leben vor deinen Augen passieren,
so wie es in den Filmen geschieht.
Ein Teil deines Körpers tat weh, von dem
du nicht wusstest, dass es existierte:
Die Haut der Erinnerung,
die keine Szenen deines Lebens trug,
sondern von dem Tier,
das die Materie knirschen hört.
 
Auch das Wasser erinnert sich
was es einmal war als es noch
Besitzerin dieses Ortes war.
Es bebte in den Flüssen.
Es bebte in den Häusern,
die wir in den Flüssen erfunden haben.
Du hast die Bücher einer anderen Zeit eingesammelt,
die du lange vor diesen Seiten warst.
 
Es regnete auf feuchten Grund,
nach den Feierlichkeiten für das Vaterland.
Die näher am Jubel waren denn an der Größe.
Gibt es Platz für die Helden im September?
Du hast Angst.
Du hast den Mut, Angst zu haben.
Du weißt nicht, was tun,
aber etwas tust du.
Weder hast du die Stadt gegründet,
noch vor Invasoren verteidigt.
 
Du bist, wenn gar, ein Bettler der Geschichte.
Einer, der den Abfall nach der Tragödie aufhebt.
Einer, der Backsteine richtet,
Steine aufeinander legt,
einen Kamm findet,
zwei Schuhe, die nicht zusammen passen,
eine Brieftasche mit Fotografien.
Einer, der vereinzelte Sachen anordnet,
Brocken von Brocken,
Reste, nur Reste.
Was in die Hände passt.
 
Einer, der keine Handschuhe hat.
Einer, der Wasser verteilt.
Einer, der seine Medikamente verschenkt,
weil er selbst bereits geheilt ist vom Schrecken.
Einer, der den Mond gesehen und komische Sachen
geträumt hat, aber nicht wusste, sie zu interpretieren.
Einer, der seine Katze miauen hörte
eine halbe Stunde zuvor,
und es nur als die erste Erschütterung verstand,
als das Wasser aus dem Klosett schoss.
Einer, der in einer fremden Sprache betet,
da er vergaß, wie man betet.
Einer, der sich erinnerte wer
an welchem Ort sich befand.
Einer, der zu seinen Kindern fuhr
an die Schule.
Einer, der an diejenigen dachte,
die Kinder in der Schule hatten.
Einer, der ohne Akkulaufzeit blieb.
Einer, der auf die Straße rannte, um sein Handy anzubieten.
Einer, der einen verlassenen Laden betrat und klaute,
und es bei einem Sammellager bereute.
Einer, der wusste dass er überflüssig war.
Einer, der wach war, damit andere schlafen konnten.
 
Einer, der von hier ist.
Einer, der gerade angekommen ist,
und bereits von hier ist.
Einer, der "Stadt" sagt um auszudrücken
du und ich und Pedro und Marta
und Francisco und Guadalupe.
Einer, der seit zwei Tagen
ohne Licht und Wasser ist.
Einer, der immer noch atmet.
Einer, der die Faust hebt,
um um Stille zu bitten.
Die, die ihm Folge geleistet haben.
Die, die die Faust gehoben haben.
Die, die die Faust gehoben haben,
um zu hören,
ob jemand lebte.
Die, die die Faust gehoben haben,
um zu hören ob jemand
lebte und sie vernahmen
ein Murmeln.
Die, die nicht aufhören zu hören.  
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Juan Villoro
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