Erstmals Anklagen wegen Todesflügen während der Militärdiktatur in Chile

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Aktivisten des Opferverbandes Londres 38 in Chile am ersten Prozesstag. Sie fordern "Die volle Wahrheit, die volle Gerechtigkeit"
Aktivisten des Opferverbandes Londres 38 in Chile am ersten Prozesstag. Sie fordern "Die volle Wahrheit, die volle Gerechtigkeit"

Santiago. In Chile stehen zum ersten Mal ehemalige Militärs der Diktatur (1973 ‒1990) wegen sogenannter Todesflüge vor Gericht. Ausschlaggebend für die Anklage war ein Zeugenbericht, durch den sowohl Täter als auch Opfer identifiziert werden konnten. Bei diesen Todesflügen wurden politische Gefangene auf offener See aus Helikoptern in den Tod geworfen.

Sechs Jahre lang war der Bericht, der nun der Nachrichtenplattform El Dínamo vorliegt, unbekannt geblieben. Warum die Zeugenaussage bis heute nicht öffentlich bekannt war, geht aus der Reportage nicht hervor.

Der Zeuge, Juan Orellana Bustamante, arbeitete 1973 im Rang eines Unteroffiziers als Hubschraubermechaniker des Militärs. In seinem Bericht aus dem Jahr 2012 beschreibt er die "Mission": er habe sich Anfang Oktober 1973 auf einem Golfplatz in Santo Domingo, etwa 90 Kilometer südlich der Hafenstadt Valparaíso befunden und sollte an diesem Tag einen Flug des Transporthubschraubers Puma H225 begleiten. Die Besatzung habe außer ihm aus dem Major Emilio Robert de la Mahotiere, dem Offizier Richter Nuche Sepúlveda und einem Mann, den Orellana als Miguel Krassnoff Martchenko identifiziert hat, bestanden. Krassnoff war während der Diktatur einer der gefürchtetsten Agenten des Geheimdienstes DINA.

Im Helikopter habe er erstmals "die Fracht" gesehen: "Da waren drei lebendige Personen auf dem Boden, an Händen und Füßen gefesselt. Ich erinnere mich, dass alle drei Männer waren." Von der Küste aus sei der Flug zwanzig Minuten auf offene See hinaus gegangen, bevor Orellana den Befehl zum Öffnen der Tür bekam. Krassnoff habe die Gefesselten an Armen oder Beinen gepackt, zur Tür gezogen und hinaus gestoßen.

Durch die Beschreibungen Orellanas konnten auch den drei Gefangenen Namen zugeordnet werden: Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um die Mitglieder der Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) Ceferino del Carmen Santis Quijada und Gustavo Manuel Farías Vargas sowie Luis Fernando Norambuena Fernandois von der Sozialistischen Partei. Alle drei wurden zwischen dem 12. September und Mitte Oktober 1973 verhaftet. Es sind die ersten bestätigten Opfer eines Todesfluges in Chile.

Am 9. Mai 2018 wurde nun Anklage erhoben. Vor Gericht stehen De la Mahotiere, Nuche und Krassnoff zusammen mit dem damaligen Kommandanten der Luftstreitkräfte, Carlos Mardones Díaz. Von dem Prozess werden auch Erkenntnisse erwartet, ob es weitere oder gar regelmäßige Todesflüge gegeben hat, wie es unter der argentinischen Diktatur der Fall war.

Einer der Kläger ist der Opferverband Londres 38, der in einem ehemaligen Haft- und Folterzentrum des Geheimdienstes DINA die Erinnerungs- und politische Arbeit leitet. In einer Pressemitteilung forderte der Verband Untersuchungshaft für diejenigen unter den Angeklagten, die nicht bereits im Gefängnis sind. Weiter heißt es: "Die kriminelle Praxis, Körper nach grausamen und brutalen Folterungen ins Meer zu werfen, oftmals lebendig und nicht bei Bewusstsein, ist eine der schlimmsten Erniedrigungen, die die Menschheit kennt."

Für Krassnoff wird das Urteil wohl wenig Auswirkungen haben: Der 72-Jährige wurde bereits zu Haftstrafen von mehr als 400 Jahren verurteilt. Zwischen 1974 und 1976 war er an Entführungen, Folter und Mord von Oppositionellen beteiligt. Bis 1998 blieb er im chilenischen Militär. Erst 2001, über zehn Jahre nach Ende der Diktatur, wurde er erstmals festgenommen.

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