Mexiko / Menschenrechte

Mexiko sucht 40.000 Verschwundene

Regierung setzt neue Suchkommission ein. Angehörige von Verschwundenen werden bedroht

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Seit Jahren suchen viele Opferfamilien ihre verschwundenen Angehörigen
Seit Jahren suchen viele Opferfamilien ihre verschwundenen Angehörigen

Mexiko-Stadt. Die mexikanische Regierung hat in den ersten Februartagen eine umfassende Strategie vorgestellt, um das Schicksal der zahlreichen Personen aufzuklären, die in den letzten 12 Jahren des Drogenkriegs gewaltsam verschwanden. Das staatliche "Register der verschwundenen und nicht aufgefundenen Personen" in Mexiko listet derzeit insgesamt 40.180 Menschen auf. Die Hauptaufgabe bei der Suche kommt der Nationalen Suchkommission (Comisión Nacional de Búsqueda, CNB) zu. Die Innenministerin Olga Sánchez Cordero besetzte am 9. Februar die Leitung dieser Kommission neu, und zwar mit der jungen Juristin Karla Quintana Osuna. Ein 11-Punkte-Plan soll die rasche Umsetzung des neuen Gesetzes zur Prävention und Untersuchung des Schicksals der Verschwundenen vorantreiben. Priorität habe die rasche Suche mit der Hoffnung, Personen lebend zu finden.

Dass die neue mexikanische Regierung unter Präsident Andrés Manuel López Obrador das Schicksal der Verschwundenen vorrangig angeht, zeigte eine ungewöhnliche Geste des Untersekretärs für Menschenrechte im Innenministerium, Alejandro Encinas. Im von Mafiagewalt beherrschten Bundesstaat Guerrero besuchte er die vierte “Nationale Brigade der Angehörigen der Verschwundenen”. In den letzten Tagen hatten sie mehrere Vergrabene in geheimen Massengräbern gefunden und geborgen. Ein kurzes Video dokumentiert die symbolische Mitarbeit von Encinas in Tetelilla, im Bezirk Tepecoacuilco, mit dem Pickel. An diesem Ort wurde aufgrund der lockeren Erde ein mögliches Grab ausgemacht und tatsächlich konnten in Anwesenheit von Encinas dort Überreste eines Verschwundenen gefunden werden.

"Mexiko ist ein riesiges, geheimes Grab", kommentierte Encinas anlässlich seines Besuchs in Guerrero. Für die seit Jahren nach ihren Angehörigen suchenden Familienmitglieder ist es das erste Mal, dass ein hoher Staatsbeamter die Dimension dieses Problems unumwunden bestätigt. Die Suchbrigaden der Angehörigen sind aufgrund des jahrelangen Behördenversagens auch heute noch eine unumgängliche, zivilgesellschaftliche Initiative. Allerdings ist dieses Engagement hochgefährlich. In den Bezirken Iguala und Cocula musste die Brigade nach Morddrohungen ihre Suche trotz massivem Polizeischutz abbrechen.

Inzwischen sind Familienangehörige in den meisten Bundesstaaten Mexikos in Selbsthilfegruppen organisiert. 59 dieser Kollektive sind Teil der nationalen "Bewegung für unsere Verschwundenen in Mexiko". Diese Plattform, bestehend aus Organisationen aus 20 Bundesstaaten sowie drei zentralamerikanischen Staaten, begrüßte den politischen Willen der neuen Regierung, betonte aber gleichzeitig, dass dies erst ein Anfang ist. Die Familien drängen auch darauf, dass die im 11-Punkte-Plan angekündigte Forensik-Behörde baldmöglichst in Funktion tritt, um die insgesamt 26.000 Leichen zu identifizieren, welche sich in Kühlstationen stapeln oder als unbekannte Tote auf Friedhöfen in Massengräber beerdigt wurden.

Die Aufklärung des Schicksals aller Verschwundenen und das Recht auf Wahrheit für die Angehörigen stellt sich als Herkulesaufgabe heraus und wird wohl nicht immer möglich sein. So hat die Nichtregierungsorganisation Cepad im Bundesstaat Jalisco erfahren, dass die Behörden aufgrund der Platznöte im lokalen Forensikinstitut insgesamt 1.560 Leichen verbrannt haben. Nur von rund der Hälfte der Toten nahm sie zuvor DNA-Proben.

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