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Brasilien: Schäden am Brumadinho-Damm elf Tage vor Bruch festgestellt

Brasilianischer Bergbaukonzern ignorierte Informationen aus der Radar-Überwachung. Auch TÜV Süd weiterhin im Visier der Justiz

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Am 25. Januar brach in der Nähe der Kleinstadt Brumadinho ein Damm eines Rückhaltebeckens für die Erzschlammreste der Mine Córrego do Feijão
Am 25. Januar brach in der Nähe der Kleinstadt Brumadinho ein Damm eines Rückhaltebeckens für die Erzschlammreste der Mine Córrego do Feijão

Minas Gerais. Im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais hat die parlamentarische Untersuchungskommission ihre Anhörungen und Untersuchungen zum Dammbruch von Brumadinho vom 25. Januar dieses Jahres fortgesetzt. Dabei kamen neuesten Erkenntnissen zufolge mindestens 246 Menschen ums Leben, weitere 24 werden immer noch vermisst.

Auf den Anhörungen der Kommission erregte vor allem eine Zeugenaussage große Aufmerksamkeit. Ein für die radargestützte Beobachtung des Brumadinho-Damms zuständiger Mitarbeiter des brasilianischen Bergbaukonzerns und Eigner des Damms, Vale, erklärte, seine Geräte hätten bei der Überwachung elf Tage vor dem Bruch eine fortschreitende Verformung des Staudamms festgestellt.

Der Architekt Tércio Andrade Costa, ein Mitarbeiter von Vale, der für den Betrieb des interferometrischen Radars zuständig ist, präsentierte Daten, die seine Gerätschaften elf Tage vor dem Bruch feststellten. Demnach wurde eine Verformung der Dammstruktur auf einer Fläche von 14.800 Quadratmetern registiert. Diese Informationen seien an die zuständigen Vorgesetzten weitergegeben worden.

Der zuständige Vale-Einsatzleiter Silmar Silva wurde von der Kommission ebenfalls zu den Messungen befragt. Er habe nie Kenntnis von den vom Radar erfassten Veränderungen gehabt, erklärte er. Zudem könne er die Relevanz dieser Verformungen, und ob sie zum Bruch beigetragen hätten, nicht beurteilen.

Laut Andrade Costa begannen die Messungen am Brumadinho-Staudamm im März 2018. Der Bereich, in dem die Verformung zuletzt erkannt worden waren, wurde während des gesamten Überwachungszeitraums analysiert. Als die letzten Daten erhoben wurden, sei eine fortschreitende Verfomung zu erkennen gewesen. Diese interferometrischen Radarsysteme kämen seit 2013 in Brasilien zum Einsatz, so Andrade Costa.

Firmenvertreter von Vale erläuterten der Kommission, dass der Radar ein ergänzendes Instrument sei, das in Verbindung mit den anderen Überwachungswerkzeugen zur Überprüfung möglicher Anomalien eingesetzt werde. Die Ausrüstung sei jedoch nur im Testmodus für einen zukünftigen Gebrauch betrieben worden. "Die Ansage war, dass die von den Monitoring-Tools aufgezeigten Ergebnisse später von der Inspektion des geotechnischen Teams vor Ort analysiert werden, um die von den Instrumenten beobachteten Anomalien zu bestätigen oder nicht", so die Vale-Vertreter.

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Die Schuld- und Haftungsfragen verkomplizieren sich in dem Brumadinho-Fall somit weiter. Vale verweist auf die schuldrechtliche Verantwortung des deutschen TÜV Süd.

Der TÜV Süd aus München, namentlich seine brasilianische Tochterfirma TÜV Süd do Brasil, hatte im Auftrag von Vale und laut seiner Homepage "auf Grundlage der gesetzlichen Vorgaben (...) eine Periodic Review of Dams (Dokument vom 18. Juni 2018) und eine Regular Inspection of Dams Safety (Dokument vom 26. September 2018) durchgeführt". Die beiden zuständigen TÜV Süd-Mitarbeiter, die zwischenzeitlich wie mehrere Vale-Angestellte wegen des Dammbruchs in Untersuchungshaft saßen, hatten Unregelmäßigkeiten bei dem Damm entdeckt und laut ihren Aussagen vor Gericht sprachen sie sich zunächst gegen die Sicherheitsfreigabe aus, haben dies aber später revidiert. Sie seien von Vale-Vertretern dazu gedrängt worden, sagten die beiden aus. Vale bestreitet dies und weist die Schuldfrage dem TÜV Süd zu.

Vor wenigen Tagen wurde zudem bekannt, dass es am Morgen des Dammbruchs gezielte Sprengungen auf dem Minengelände von Vale gegeben hat. Das Unternehmen dementierte zunächst, räumte es dann aber beim Auftauchen von Fotos von Warnhinweisen, dass es am Vormittag des 25. Januar Sprengungen auf dem Gelände geben werde, ein. Einen Zusammenhang zum Dammbruch will die Firma nicht sehen.

Susanne Fries, Bergbau-Expertin des Bischöflichen Hilfswerk Misereor, kritisiert die deutsche Firma scharf: "Es deutet derzeit alles darauf hin, dass der TÜV Süd Brasilien aus Profitgier seine professionelle Rigorosität vernachlässigt und so Menschenleben aufs Spiel gesetzt hat."

Die Gerichte untersuchen die Schuldfrage weiter. Im Mai hatte eine brasilianisches Gericht dem TÜV Süd bis auf weiteres sämtliche Dammzertifizierungen untersagt und 13 Millionen Euro Firmenvermögen in Brasilien vorläufig konfisziert.

Der TÜV Süd seinerseits hat nach Untersuchung der Arbeitsweisen seiner hundertprozentigen Tochterfirma in Brasilien vorsorglich dringend vor möglichen Brüchen weiterer vom ihm in der Vergangenheit zertifizierten Dämmen gewarnt. Doch während Vale wegen der möglichen Schadensersatzforderungen für den Dammbruch von Brumadinho 4,2 Milliarden Euro zurückgestellt hat, fehlt bislang seitens des deutschen Unternehmens eine öffentliche Aussage zu einer Rückstellung in vergleichbarer Höhe.

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