Zapatistas in Mexiko weiten Einflussbereich aus

Rebellenorganisation EZLN gibt in einem Kommuniqué die Etablierung neuer Verwaltungssitze und autonomer Landkreise bekannt

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Zapatisten in Mexiko
Zapatisten in Mexiko

Mexiko-Stadt. Die Zapatistische Befreiungsarmee (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, EZLN) in Mexiko hat ihren Einflussbereich im Süden des Landes massiv ausgeweitet. Der Schritt fand im Zuge einer "Offensive zur Verteidigung des Territoriums und der Mutter Erde" statt, die von der Rebellenorganisation und dem Nationalen Indigenen Kongress (CNI) bereits im Oktober 2016 angekündigt worden war. Dabei handelt es sich um eine friedliche Offensive von beträchtlichem Umfang, deren Höhepunkt sich vor einigen Monaten andeutete: Personen, die die Zapatistas durch solidarische Arbeit direkt unterstützten, wurden Anfang Juli gebeten, die autonomen Territorien zeitweise zu verlassen. Sechs Wochen später, am 17. August, gab die EZLN in einem umfangreichen Kommuniqué mit dem Titel "Wir durchbrechen erneut die Umzingelung” die Expansion ihres Operationsgebietes bekannt.

Die Zahl der "Caracoles" genannten autonomen Verwaltungszentren wird mehr als verdoppelt und der zapatistische Einfluss in Form von vier neuen autonomen Landkreisen deutlich ausgeweitet. Zu den bisherigen fünf Caracoles kommen sieben weitere hinzu. Vier dieser neuen Verwaltungszentren befinden sich im lakandonischen Urwald (Landkreis Ocosingo) an der Grenze zu Guatemala. Zwei neue Verwaltungszentren liegen im Hochland (San Cristóbal und Amatenango del Valle) sowie ein weiteres in der Region Zona Norte (Tila).

Zudem gaben die Zapatistas bekannt, dass sich Unterstützergemeinden in vier neuen autonomen Landkreisen organisieren, und zwar ebenso in der Zona Norte (Chilón und Tila) und im Süden nahe der Grenze zu Guatemala (Amatenango und Chicomuselo).

Bemerkenswert an der Ankündigung ist die offene Präsenz der Bewegung in zwei umkämpften Regionen. In der Zona Norte, nahe der Grenze zum Bundesstaat Tabasco, wegen seines Erdöls von strategischer Bedeutung, wurde die Anwesenheit der zapatistischen Bewegung in den neunziger Jahren durch Paramilitärs bekämpft. Chicomuselo, an der Grenze zu Guatemala gelegen, ist der Landkreis, in dem der Aktivist Mariano Abarca vor zehn Jahren ermordet wurde, als er den Widerstand gegen ein Bergbauprojekt eines kanadischen Konzerns anführte. Zudem wird die Grenze zu Guatemala stärker militärisch überwacht. Im Hauptort von Chicomuselo befindet sich seit kurzem ein Militärcamp.

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Die zapatistische Autonomiebewegung, die seit den 1990er Jahren aktiv ist, konzentriert sich seit Jahren auf unspektakuläre, aber – wie erneut zu sehen ist – wirksame Basisarbeit. In ihrem Kommuniqué nennt die EZLN zwei wesentliche Gründe für das Wachstum der Autonomiebewegung: die eigene politisch-organisatorische Arbeit und die Enttäuschung der Bevölkerung über die Regierungspolitik. Die jüngste Offensive sei das Ergebnis eines langen Prozesses der Reflexion und Suche, zu dem Tausende von zapatistischen Gemeindeversammlungen beigetragen haben. Hinzu kam die Erfahrung von "traditionell parteiangehörigen Gemeinden, die durch die Verachtung, den Rassismus und die Gier der gegenwärtigen Regierung beleidigt wurden und zu offener oder verborgener Rebellion übergegangen sind", so das Kommuniqué.

In der Bekanntmachung weist die EZLN darauf hin, dass Verfolgung und Gewalt gegen soziale Aktivisten unter der neuen Regierung des linksgerichteten Präsidenten Andrés Manuel López Obrador unvermindert anhält: "In nur wenigen Monaten wurde ein Dutzend Genossen – soziale Kämpfer des Nationalen Indigenen Kongresses und des Indigenen Regierungsrates – umgebracht. "Zu Ehren aller Aktivisten, die ihr Leben verloren haben, verfolgt oder vermisst werden oder im Gefängnis sitzen, wurde der Kampagne, mit der die Caracoles und zapatistischen Landkreise ausgeweitet werden, der Name 'Samir Flores Vive' [Samir Flores lebt] verliehen."

Samir Flores Soberanes wurde am 20. Februar 2019 beim Verlassen seines Wohnhauses mit zwei Schüssen ermordet, einen Tag nachdem Präsident López Obrador die Gegner eines Kraftwerkprojektes im Bundesstaat Morelos, zu denen Samir Flores gehörte, scharf kritisiert hatte. An dem als Proyecto Integral Morelos (PIM) bezeichneten Vorhaben der staatlichen mexikanischen Energiekommission waren auch spanische Unternehmen beteiligt. Dass der mexikanische Präsident die Ausweitung der zapatistischen Einflusszone am Montag willkommen hieß, weil es "dem Wohl der Dörfer und Menschen" diene, dürfte ihm vor diesem Hintergrund von vielen als Doppelzüngigkeit ausgelegt werden.

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