Guatemala-Stadt. Nur eine Minderheit der Schüler der neunten Klassen in Guatemala erreicht die Mindestanforderungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Das ist das Ergebnis der aktuellen Pisa-Studie, an der insgesamt 13 lateinamerikanische Staaten teilnahmen.
In Guatemala erreichen nur acht Prozent der Schüler die minimalen Ergebnisse in Mathematik, 17 Prozent in Lesen und 21 Prozent in Naturwissenschaften. Nach den in der Untersuchung vergebenen Punkten hat sich das Land gegenüber der letzten Erhebung 2022 sogar noch verschlechtert. Die Ergebnisse haben eine Debatte über Ursachen und Lösungen entfacht.
amerika21 hat mit drei Beschäftigten im Bildungswesen in Guatemala gesprochen und dokumentiert ihre Stellungnahmen.
Karina Lissy Cabrera Cintora, Grundschullehrerin der öffentlichen Jungenschule Francisco Velarde in Quetzaltenango: "Ein zentrales Problem sind fehlende gute Unterrichtsmaterialien, in meiner Klasse zum Beispiel muss ein großer Teil der Ausstattung auf eigene Rechnung angeschafft werden. Mit der neuen Regierung des Sozialdemokraten Bernardo Arévalo gab es die Hoffnung auf Verbesserungen, durch Renovierungen im ländlichen Raum wurde auch durchaus was erreicht. Der Fokus liegt auf Verbesserungen der Ernährungssituation durch die Schulspeisung und auf dem Kauf von Schulmaterialien wie Hefte und Stifte. Aber es fehlen gute Lehrbücher. Die wir haben sind veraltet, in schlechtem Zustand und vor allem inhaltlich von schlechter Qualität. Ein weiteres Problem sind gerade im öffentlichen Bildungssystem fehlende Sanktionen und Mechanismen, wenn Lehrer unentschuldigt beim Unterricht fehlen - das kommt häufig vor. In dieser Situation spielt auch die Gewerkschaft eine negative Rolle, weil sie gerade die Lehrer vertritt, die nicht arbeiten wollen. Am Jahresanfang fällt durch Streiks häufig wochenlang der Unterricht aus. Dann fehlt eine Supervision der Unterrichtsqualität durch das Bildungsministerium. Fort- und Weiterbildungen werden immer weniger. Insgesamt ist die Qualität des Unterrichts sehr niedrig, das betrifft öffentliche wie private Schulen."
Dem Sindicato de Trabajadores de la Educacíon de Guatemala wird vorgeworfen, lediglich die eigene Klientel zu bedienen, ohne eine Verbesserung des Bildungswesens anzustreben. Dem Vorsitzenden Joviel Acevedo werden außerdem verschiedene Korruptionsfälle zur Last gelegt. Aus diesen Gründen haben die oft wochenlangen Streiks zum Schuljahresbeginn wenig Rückhalt in der Bevölkerung.
Estuardo Barrios, Psychologe und Lehrer an der katholischen Privatschule Colegio Salesiano San Juan Bosco in Quetzaltenango: "Ein wichtiger Aspekt war die Covid-19-Pandemie, in der zwischen 2020 und 2022, teilweise bis in das Jahr 2023, kein Präsenzunterricht stattfand. In der Studie wurden 2025 die Schüler nach dem neunten Schuljahr getestet, die waren in den Pandemiejahren in der Grundschule. Unsere Lehrpläne sind nicht gut, aus anderen Ländern kopiert, nicht an die Bedürfnisse und die Realität in Guatemala angepasst. Die Eltern begleiten den Lehrprozess der Kinder nicht, sehen 100 Prozent der Verantwortung für die Bildung der Kinder in der Schule. Wir versuchen, dem mit mehrmals im Jahr stattfindenden Lehrgängen für Eltern entgegenzuwirken. Psychologische Probleme wie Depressionen sind in den vergangenen Jahren nochmal stark gestiegen, das betrifft sowohl Eltern als auch Lehrer. Ein großes Problem in Guatemala ist, dass viele Eltern schon kleinen Kindern Handys in die Hand drücken, damit sie ruhig sind. Das setzt sich dann fort, und die exzessive, stundenlange Nutzung von Handys wirkt sich sehr negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus."
Laut der Studie Pisa-D litten schon 2018 rund ein Viertel der Schüler in Guatemala - mehr Mädchen als Jungen - unter Depressionen, Panikattacken und Angststörungen.
Héctor Benjamín De León, Direktor für die Mittelstufe am Centro Ecuménico de Integración Pastoral (CEIPA) in Quetzaltenango. Die Organisation bietet Schulen für arbeitende Kinder an: "Guatemala investiert nur 3,1 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in Bildung, einer der niedrigsten Werte in Lateinamerika. Dazu kommt die hohe Anzahl der Menschen in Armut und extremer Armut und die chronische Unterernährung, von der jedes zweite Kind in Guatemala betroffen ist. Die Studie zeigt aber einen interessanten Aspekt. Verschlechtert haben sich vor allem die privaten Schulen, mit deutlich weniger Punkten als 2022 in allen drei Bereichen der Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. An den staatlichen Schulen blieben die Ergebnisse in etwa gleich und haben sich in Mathematik sogar leicht verbessert. Das überrascht erst mal, weil die privaten Schulen besser ausgestattet sind und die Familien in der Regel in besseren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen leben. Eine Erklärung könnte die falsche Nutzung neuer Medien und der Künstlichen Intelligenz sein. Schüler privater Schulen haben eher Zugang, nutzen diese aber als Ersatz, nicht als Ergänzung des traditionellen Lernens. Lehrer machen es übrigens genauso, bereiten ihren Unterricht nur noch durch KI vor. Ein anderer Aspekt ist die Unterrichtsmethodik, die sich an reinem Abschreiben und Auswendiglernen orientiert, ohne Analyse, Verständnis oder gar kritisches Denken. Ich befürchte allerdings, dass das Bildungsministerium jetzt mit einem undifferenzierten "mehr" reagiert, mehr Druck auf Lehrer wie Schüler, mehr Unterrichtsstunden, mehr Hausaufgaben. Uns zeigt aber das Beispiel Finnland, dort haben die Schüler weniger Unterrichtsstunden als in Guatemala, weniger Hausaufgaben, aber sehr viel bessere Ergebnisse, die besten weltweit. Dort findet ein praxisorientierter Unterricht statt. Wir in Ceipa setzen daher auf ein eigenes Bildungssystem, an den Schülern orientiert und mit dem Fokus auf Analyse und kritischem Denken. Das schließt auch politische Bildung mit ein, zur Geschichte Guatemalas und den Ursachen der Armut. Jedes Jahr beteiligen wir uns mit unseren Schülern an der Demonstration am 1. Mai."



