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Nach angedrohter Enteignung: Privatkliniken in Peru senken Tarife für Covid-19-Therapie

Präsident Vizcarra wirft Privatkliniken Profitgier in Krisenzeiten vor und droht privatem Gesundheitssektor mit Enteignungen

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Der öffentliche Gesundheitssektor steht in Peru kurz vor dem Kollaps
Der öffentliche Gesundheitssektor steht in Peru kurz vor dem Kollaps

Lima. Ungewöhnlich scharfe Töne hat Perus Präsident Martín Vizcarra am Mittwoch in einer Fernsehansprache gewählt. Bereits seit Wochen befand sich die Regierung mit dem privaten Gesundheitssektor am Verhandlungstisch, um über die Tarife der Covid-19-Behandlung zu entscheiden. Doch laut Präsident habe es keinerlei Entgegenkommen der Privatklinik-Besitzer gegeben. Daraufhin gab das Staatsoberhaupt ein 48-Stunden-Ultimatum bekannt, bevor er den Artikel 70 der Verfassung anwenden werde – eine verfassungsrechtliche Kompetenz, die die Enteignung von Privateigentum im Sinne des Allgemeinwohls ermöglicht. Bis dahin solle der private Gesundheitssektor ein annehmbares Angebot vorbringen.

"Uns empört die Profitgier inmitten einer Pandemie, die Tausende Peruaner ins Unglück gestürzt hat. Wir laden die Privatkliniken dazu ein, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, damit wir uns darauf fokussieren können, Leben zu retten. Die Bevölkerung erwartet mehr Solidarität von Ihnen", so der Präsident am Mittwoch. "Unterlassen Sie es mal einen Moment, nur an Ihre Profite zu denken."

Vizcarras Strategie zahlte sich aus: Noch in der Nacht zum Donnerstag unterbreitete der Verband der Gesundheitsunternehmen der Regierung ein neues Angebot. Eine Covid-19-Behandlung in einer Privatklinik werde künftig umgerechnet 14.000 Euro kosten. 25.000 Euro hatten die Privatkliniken ursprünglich verlangt. Der Betrag wird nun von der öffentlichen Gesundheitsversicherung für diejenigen Patienten übernommen, die bei ausgelasteten Kapazitäten von staatlichen Krankenhäusern in private Krankenhäuser verlegt werden müssen. Vielerorts ist das öffentliche Gesundheitssystem bereits kollabiert. Ohne die Einigung konnte der Staat vielen Menschen keine Behandlung mehr garantieren.

Bislang hatten sich die Fälle von Covid-19-Patienten gemehrt, die, nachdem sie aus Verzweiflung eine Privatklinik aufgesucht hatten, mit riesigen Rechnungen überrascht worden waren. So etwa erging es Elizabeth Sotelo, die über drei Wochen auf der Intensivstation in der Clínica San Felipe in Lima verbrachte. Als sie entlassen wurde, erhielt sie eine Rechnung von umgerechnet 80.000 Euro. Viele am Coronavirus Erkrankte müssen, wenn sie eine Privatklinik anstatt der bereits überlasteten öffentlichen Einrichtungen aufsuchen, bereits bei der Einweisung Garantien von bis zu 25.000 Euro hinterlegen. In der Regel bleiben ganze Familien verschuldet zurück – auch wenn die am Virus erkrankte Person verstirbt. Selbst die exklusiven privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten der Behandlung nur teilweise.

Am Dienstag zählte Peru den 100. Tag des Covid-19-bedingten landesweiten Lockdowns. Die strengen Kontaktbeschränkungen sollen zunächst bis zum 30. Juni in Kraft bleiben. Derweil stieg die Zahl der kumulierten Corona-Infektionen auf 260.000, die der bestätigten Todesfälle auf 8.000 an. Doch erstmals nach mehr als drei Monaten scheinen die Neuinfektionen zurückzugehen.

2.511 Neuerkrankte meldete das peruanische Gesundheitsministerium am Montag – so wenige wie zuletzt Anfang Mai. "Nach einem Rückgang der Infektionsfälle muss man bis zu vier Wochen warten, damit die Sterbefälle zurückgehen", erklärt César Munayco, Epidemiologe des Gesundheitsministeriums. Laut seiner Prognose könnte es im August und spätestens im September nur noch niedrige Infektionsraten geben.

Mittlerweile wird auch die Wirtschaft langsam hochgefahren. Kaufhäuser und Einkaufszentren dürfen unter strengen Sicherheitsauflagen wieder öffnen. Auch der in den Großstädten boomende Bausektor hat die Arbeit wieder aufgenommen. Nach neuesten Zahlen hatten die strikten Kontaktbeschränkungen allein im April zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert geführt.

Die sozio-ökonomische Situation ist und bleibt für einen Großteil der Bevölkerung katastrophal. Jeder dritte Peruaner gibt an, seit dem Beginn des Lockdowns mindestens einmal nicht genügend zu Essen gehabt zu haben. Deutlich wird die Situation im Straßenbild: Mehr als sonst sieht man bettelnde Familien und Straßenverkäufer. Viele von ihnen haben ihre Arbeit verloren. "Ich hatte zwei Geschäfte: ein Restaurant und einen Friseurladen. Jetzt verkaufe ich auf der Straße, um mich über Wasser zu halten," so einer von ihnen im Interview mit der Nachrichtenplattform Wayka.

Vom Rettungspaket mit einem Umfang von zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das vor einigen Wochen noch als regionales Vorbild gelobt worden war, kommt nur bei den wenigsten etwas an. 71 Prozent der Darlehen zur Reaktivierung der Wirtschaft gingen an Großunternehmen.

Obwohl die strengen Kontaktbeschränkungen noch gelten, sind die Straßen vielerorts wieder voll. Zahlreiche Geschäfte nehmen informell wieder den Betrieb auf und verkaufen ihre Waren per Lieferservice oder unter der Ladentheke.

Unterdessen gab das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bekannt, ein Team von Ärzten der Berliner Charité nach Peru entsenden zu wollen. Es soll die peruanischen Behörden bei der Durchführung von Tests unterstützen. Mit im Gepäck: 100.000 PCR-Schnelltests.

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