Landesweite Proteste gegen Rassismus in Brasilien nach Tod eines Schwarzen

Wachmänner von Carrefour-Sicherheitsdienst prügeln und ersticken 40-Jährigen. Bolsonaro verurteilt Demonstrationen und leugnet Rassismus

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"Gerechtigkeit für João Alberto": In ganz Brasilien fanden Proteste gegen den rassistischen Mord statt
"Gerechtigkeit für João Alberto": In ganz Brasilien fanden Proteste gegen den rassistischen Mord statt

Porto Alegre. Der Tod von João Alberto Silveira Freitas, einem Schwarzen Brasilianer, der in einer Carrefour-Einrichtung in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre von privaten Sicherheitskräften brutal geschlagen und erstickt wurde, hat im ganzen Land eine Welle der Empörung ausgelöst.

Die Anti-Rassismus Demonstrationen am vergangenen Freitag zum "Tag des Schwarzen Bewusstseins", der in manchen Bundesstaaten als Feiertag begangen wird, weiteten sich zu Protesten gegen den Mord an dem 40-Jährigen aus. Unter anderem in Porto Alegre, São Paulo, Brasília, Curitiba und Rio de Janeiro fanden Großdemonstrationen statt, viele davon vor Filialen des französischen Supermarktkonzerns Carrefour, dessen Boykott von den Demonstrierenden gefordert wurde. Die Teilnehmenden in Rio de Janeiro trugen dabei Transparente mit der Aufschrift "Mörder von Carrefour" und "Black lives matter"/"Vidas Negras Importam" in Anlehnung an die massiven Proteste in den USA nach dem Tod des Afro-Amerikaners George Floyd, der im Mai von einem weißen Polizisten erstickt wurde. Die Proteste reißen seitdem nicht ab.

João Alberto Silveira Freitas, von allen nur João Beto genannt, wurde am Donnerstagabend von zwei Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der Carrefour-Filiale getötet, die er regelmäßig besuchte und dort an jenem Tag gemeinsam mit seiner Frau einkaufte. Eine Untersuchung ergab, dass er an Erstickung verstarb. Auf mehreren Videos, die online verfügbar sind, ist zu sehen, wie die beiden Männer auf das am Boden liegende Opfer einprügeln und in sein Gesicht schlagen. Einer der beiden kniet sich auf seinen Hals.

Eine Supermarktangestellte hatte den Sicherheitsdienst nach einer Meinungsverschiedenheit mit João Beto benachrichtigt. Die beiden Wachmänner, die für das Subunternehmen Vector Segurança arbeiten, sind in Untersuchungshaft, gegen sie wird wegen Mordes ermittelt. Einer von ihnen, Giovani Gaspar da Silva, 24, ist ein freigestellter Militärpolizist und hatte laut Bundespolizei keine Berechtigung, im privaten Sicherheitsdienst zu arbeiten. Er wurde in ein Militärgefängnis gebracht.

Carrefour ließ inzwischen in einer offiziellen Meldung verlauten, dass es seinen Vertrag mit Vector Segurança aufkündigen, die Geschäftsstelle in Porto Alegre schließen und in Kontakt mit der Familie des Opfers treten werde. "Carrefour bedauert den Fall zutiefst. Nachdem wir von diesem unerklärlichen Vorfall erfuhren, haben wir eine strenge interne Untersuchung eingeleitet und sofort die notwendigen Schritte unternommen, um die Verantwortlichen rechtlich zu bestrafen", hieß es.

Konzernchef Alexandre Bompard forderte "eine vollständige Überprüfung der Schulungsmaßnahmen für Angestellte und Auftragnehmer zu Sicherheitsfragen, zur Achtung der Vielfalt und zu den Werten des Respekts und der Ablehnung von Intoleranz".

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Präsident Jair Bolsonaro sprach der Familie des Verstorbenen bisher kein Beileid aus. Stattdessen äußerte er sich indirekt zu dem Vorfall in einer Rede anlässlich der Eröffnung des virtuellen G20-Gipfels. Er verurteilte die Massendemonstrationen und bezeichnete sie als Versuche, künstliche Spannungen herbeizuführen. "Brasilien hat eine vielfältige Kultur, die unter den Nationen einzigartig ist”, sagte er.

“Wir sind ein gemischtes Volk. Das ist das Herzstück unseres Volkes, dass die Sympathie der Welt gewinnt. Es gibt jedoch diejenigen, die sie zerstören und stattdessen Konflikte, Ressentiments, Hass und Spaltung zwischen den Rassen schüren wollen, immer getarnt als ‘Kampf für Gleichheit’ oder ‘soziale Gerechtigkeit’. Alle auf der Suche nach Macht". Er sehe keinen Unterschied zwischen Hautfarben und es gebe “keine Hautfarbe, die besser ist als die andere. Es gibt gute und schlechte Menschen, und es sind unsere Entscheidungen und Werte, die bestimmen, wer davon wir sein werden", fügte Bolsonaro hinzu.

Vize-Präsident Hamilton Mourão hatte sich zuvor ähnlich geäußert und behauptet, es gebe keinen Rassismus im Land: "Das ist etwas, dass sie nach Brasilien importieren wollen". Er kenne Rassismus nur aus den USA, wo Schwarze von Weißen physisch getrennt wurden. In Brasilien hieße das Problem hingegen "Ungleichheit".

Die Vertretung der Vereinten Nationen in Brasilien widersprach in einer Stellungnahme den Darstellungen Bolsonaros und Mourãos und bezeichnete den Mord an João Beto als "Akt, der die verschiedenen Dimensionen des Rassismus und der Ungleichheiten in der brasilianischen Sozialstruktur" aufzeige. "Millionen von Schwarzen Männern und Frauen sind nach wie vor Opfer von Rassismus, Rassendiskriminierung und Intoleranz". Eine gesamtgesellschaftliche Rassismus-Debatte sei dringend notwendig. Die UN Brasilien rief die Behörden auf, für eine vollständige und zügige Untersuchung des Falles zu sorgen, und empfahl den Bürgerinnen und Bürgern, sich aktiv am Aufbau einer egalitären und rassismusfreien Gesellschaft zu beteiligen.

Ely Almeida Rist ist Brasilianerin, lebt in Deutschland und arbeitet seit 2011 als Trainerin der politischen Bildung mit Schwerpunkt auf Rassismuskritik. Sie überrascht die Aussagen des Präsidenten und seines Vize nicht, da seit ihrer Wahlkampagne klar sei, dass Rassismus die Norm der Regierung sein würde. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass weiße Männer, die sich nicht mit Rassismus beschäftigen, Rassismuserfahrungen nicht anerkennen, sondern sie diskreditieren und kleinreden", sagte sie im Gespräch mit amerika21.

Die "Farbenblindheit" im Falle Bolsonaros sei "eine Strategie, um so zu tun, als gäbe es in Brasilien keinen Rassismus und kein Racial Profiling, keine Unterscheidung von Menschen aufgrund von äußeren Merkmalen". Rassismus sei in Brasilien an der Tagesordnung und wirke auf allen Ebenen, gleichzeitig sei das Weißsein eine unsichtbare Norm, die überall positiv wirke und mit Privilegien verbunden sei. "Schwarze Menschen dagegen haben keine Wahl", fügte Almeida Rist hinzu, "sie müssen sich kontinuierlich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Präsident Bolsonaro hat bisher kein Interesse daran gezeigt, an den bestehenden Strukturen etwas zu ändern."

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