El Salvador / Politik

Ausnahmezustand in El Salvador: Verschwundene keine Priorität mehr für Behörden

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Angehörige von Verschwundenen haben sich zum "Bloque de Búsqueda de personas Desaparecidas en El Salvador" zusammengeschlossen
Angehörige von Verschwundenen haben sich zum "Bloque de Búsqueda de personas Desaparecidas en El Salvador" zusammengeschlossen

San Salvador. Die Rechtshilfeorganisation Fespad (Fundación de Estudios para la Aplicación del Derecho) hat festgestellt, dass weder Generalstaatsanwaltschaft noch Polizei die Suche nach den Menschen fortsetzen, die in El Salvador verschwunden sind. Im Vordergrund stünden zur Zeit die Verhaftungen im Rahmen des Ausnahmezustandes.

Die Mutter eines jungen Mannes, der Anfang 2022 verschwunden ist, bestätigte dies. Sie habe in der Woche zuvor vom zuständigen Staatsanwalt gesagt bekommen, dass zur Zeit der Ausnahmezustand Priorität habe. Von der Polizei habe sie die gleiche Antwort bekommen, dort sei ein Anruf eines hochrangigen Regierungsbeamten mit einer entsprechenden Anweisung eingegangen.

Dieser Sachverhalt wird von Familienangehörigen in anderen Orten bestätigt, darunter in Apopa, Cuscatancingo und La Libertad. Das Verschwinden von Personen wird von den Behörden heruntergespielt als freiwillige Abwesenheit oder als Entführung eingestuft. Allein im April wurden in den sozialen Medien mindestens 14 neue Fälle von Verschwundenen angezeigt.

Fespad unterstützt die Familien nun mit einer öffentlichen Kampagne, um zu verdeutlichen, dass es die Pflicht des Staates ist, Strafverfahren einzuleiten und die Verschwundenen zu suchen. Die Fälle dürften nicht einfach archiviert werden.

Die Zahl der Menschen, die in El Salvador verschwinden, hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Während es im Jahr 2020 noch rund 200 Personen waren, deren Aufenthaltsort nicht ermittelt werden konnte, waren es im Jahr 2021 bereits 488.

Familienangehörige haben sich im Februar zu einer Gruppe mit dem Namen "Bloque de Búsqueda de personas Desaparecidas en El Salvador" zusammengeschlossen, um gemeinsam Druck auf die Behörden auszuüben, damit diese ihrer Pflicht zur Suche nachkommen. Die organisierten Betroffenen nehmen die Suche aber auch selbst in die Hand. Sie werden von Fespad und der Menschenrechtsorganisation Cristosal unterstützt.

Immer wieder werden Massengräber von Gewaltopfern gefunden, deren Identität von der Gerichtsmedizin nicht immer festgestellt werden kann. Im Fall des Massengrabes in Chalchuapa, Las Flores, das im Jahr 2021 gefunden wurde, konnten 27 Opfer nicht identifiziert werden. Jährlich werden Hunderte nicht identifizierbare Tote gefunden, mehr als 2.000 in den Jahren 2017 bis 2021. Im Februar diesen Jahres wurde ein weiteres Massengrab in Nuevo Cuscatlán mit 26 Leichen entdeckt, wobei drei von ihnen als Verschwundene identifiziert wurden.

Die Parlamentsabgeordnete Claudia Ortiz hat bereits im Oktober 2021 darauf hingewiesen, dass gleichzeitig mit der Abnahme der Zahl der Morde in El Salvador die Zahl der Verschwundenen stark gestiegen ist. Alarmierend ist dabei vor allem, dass es sich in den meisten Fällen um junge Menschen unter 30 Jahren handelt, im Fall von Frauen sogar sehr häufig um Minderjährige. Schon damals, weit vor dem Ausnahmezustand, beklagte sie die Untätigkeit der Behörden bei der Aufklärung.

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