Menschenrechtsorganisation beklagt drastischen Anstieg der Gewalt auf Haiti

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Die Kämpfe zwischen den Banden fordern immer mehr zivile Todesopfer
Die Kämpfe zwischen den Banden fordern immer mehr zivile Todesopfer

Port-au-Prince. Das haitianische Menschenrechtsnetzwerk RNDDH teilt mit, dass die Zahl der Todesopfer durch die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Banden in Haiti auf 300 angestiegen ist.

Der Direktor des RNDDH, Pierre Espérance, sprach außerdem von mindestens 160 Verletzten. Die Mehrzahl der Opfer seien Zivilist:innen, darunter Frauen und Kinder. Am 8. Juli hat demnach die Bandenkoalition G-9 mit ihren Verbündeten die Bande G-Pèp um den Bandenchef Ti Gabriel angegriffen. Beide Gruppen kämpfen um die Kontrolle eines Teils von Cité Soleil, dem größten Armenviertel Haitis im Westen der Hauptstadt Port-au-Prince. Die Auseinandersetzungen haben sich laut Espérance am Wochenende noch verschärft, tausende Bewohner:innen sind bereits geflohen.

Das UN-Menschenrechtsbüro für Haiti (OCHA) hatte am 15. Juli noch von 99 Getöteten gesprochen. Demnach wurden weitere 135 Menschen verletzt, 20 gelten als verschwunden. Die meisten Opfer hätten keine direkten Verbindungen zu den bewaffneten Gruppen, sagte auch der Sprecher der Menschenrechtsorganisation, Jeremy Laurence.

Die Zahl der Fälle von sexuellem Missbrauch sei gestiegen. Über hundert Häuser seien zerstört oder niedergebrannt worden, stellte OCHA in einem Bericht fest, der die Ereignisse vom 7. bis zum 14. Juli beleuchtet, als die Kämpfe eskaliert sind. Durch die Feindseligkeiten hat sich die Zahl der Vertriebenen auf 2.500 erhöht.

In der Hauptstadt Port-au-Prince waren nach Angaben von OCHA rund 277.000 Menschen im Armenviertel Cité Soleil inmitten der Kampfzone eingeschlossen. Zudem ist dort seit einigen Tagen die Wasserversorgung unterbrochen. Die Banden verhindern laut OCHA, dass Hilfsorganisationen und Rettungskräfte die betroffenen Stadtviertel betreten können.

Die Bevölkerung von Cité Soleil gehörte bereits vor dem Ausbruch der Gewalt zu den am stärksten gefährdeten im Großraum Port-au-Prince und wies kritische Raten von Unterernährung bei Kindern unter fünf Jahren auf. In diesem Zusammenhang warnte OCHA vor dramatischen Folgen des Nahrungsmangels.

Die Bandenkämpfe ereigneten sich zwei Monate nach einem anderen bewaffneten Konflikt, bei dem rund 200 Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden. Fast 17.000 Menschen wurden aus den Stadtvierteln Croix-des-Bouquets, Tabarre und Cité Soleil vertrieben.

In einem weiteren Bericht beschuldigt der RNDDH die Interimsregierung unter Ariel Henry, mit Hilfe von bewaffneten Banden ein Klima des Terrors im Land zu schaffen. Die Regierung habe der G-9 Waffen zukommen lassen, um die Kontrolle über das Gebiet im Hinblick auf kommende Wahlen zu sichern, so Espérance. Diese Strategie habe bereits unter dem vor einem Jahr ermordeten Präsidenten Jovenel Moïse begonnen und werde nun unter Henry weitergeführt.

"Man hat das Personal ausgewechselt, aber nicht das Verhalten; weiterhin werden Banden mit Waffen und Munition versorgt, damit diese Polizisten töten, sie in ihrer Arbeit entmutigen und die Justiz blockieren", so Espérance in einem Interview mit dem haitianischen Nachrichtenportal AlterPresse.

Der Privatsektor, die Kirche und andere seien ein Bündnis mit der De-facto-Regierung eingegangen und ließen sich auch von den Angriffen in Cité Soleil und der Verrohung des Lebens der Bevölkerung nicht stören, bedauert das RNDDH.

"Diejenigen, die die Privilegien der Macht genießen, haben kein Problem mit dieser Situation. Es liegt an der haitianischen Bevölkerung, diese Situation und diese Art der Regierungsführung zu ändern", so das Netzwerk.

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