Mexiko: Tödliche Suche nach dem verschwundenen Sohn

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Ermordete Aktivistin Rosario Rodríguez Barraza mit Foto von ihrem verschwundenen Sohn
Ermordete Aktivistin Rosario Rodríguez Barraza mit Foto von ihrem verschwundenen Sohn

La Cruz de Elota. Am Ende einer Messe zu Ehren ihres seit 2019 vermissten Sohnes ist die Aktivistin Rosario Rodríguez Barraza in der Gemeinde La Cruz de Elota im Bundesstaat Sinaloa entführt und ermordet worden. Laut dem Register des National Network of Human Rights Defenders in Mexico (RNDDHM) handelt es sich um den dritten Frauenmord an einer "suchenden Mutter" (Madre Buscadora) in diesem Jahr.

Wenige Tage vor ihrem Tod hatte Rodríguez ein Video für das Projekt "Bis wir sie finden" (Hasta encontrarles) aufgenommen, in dem sie die Untätigkeit der Behörden anprangerte. "Ich warte auf eine Antwort. Ich suche nach meinem Sohn, ich suche nicht nach Schuldigen. Das ist alles", äußerte die 44-Jährige in dem Video.

Rodriguez' Sohn Fernando Abixahy Ramírez Rodríguez war 21 Jahre alt, als er Ende 2019 in La Cruz de Elota entführt wurde. Seitdem ist nichts über seinen Verbleib bekannt. Nach dem Verschwinden ihres Sohnes hatte Rodríguez die Organisation "Herzen ohne Gerechtigkeit" (Corazones sin Justicia) gegründet, die sich der Suche verschwundener Angehöriger verschrieben hat.

Im Juni letzten Jahres war es der Gruppe gelungen, fünf Leichen auszugraben und zu identifizieren. Die Gruppe, die in Elota nach insgesamt 115 Vermissten suchte, hat nach der Ermordung ihrer Gründerin aus Angst vor mehr Repression ihre Aktivitäten bis aufs weitere eingestellt.

Rodríguez hatte in der Vergangenheit zahlreiche Drohungen erhalten. Sie wurde unter anderem Opfer eines versuchten Brandanschlages. Ebenso versuchten Bandenmitglieder ihren anderen Sohn zu verschleppen, berichtete eine Zeugin. Trotz der akuten Bedrohungslage erhielt Rodríguez keinen Personenschutz.

"Ihr Ziel war es, dass die Leute erkennen, dass es ein Problem gibt. Aus meiner Sicht glauben viele, dass es völlig normal sei, dass jeden Tag ein Mensch verschwindet", so ihr Sohn Alonso Ramírez Rodríguez in einem Interview mit Grupo Formula. "Ich selbst bin bereits mehrfach von der organisierten Kriminalität bedroht worden. Ich fordere Gerechtigkeit, dass bekannt wird, wer an der Ermordung meiner Mutter beteiligt war, und vor allem, dass die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt werden", appellierte er.

Die Nationale Suchkommission der mexikanischen Regierung anerkannte mit 61.637 registrierten Fällen zum 31. Dezember 2019 eine "Krise des Verschwindenlassens von Personen". Suchgruppen und Aktivist:innen gehen davon aus, dass die Zahl weitaus höher liegt, da einige Familien aus Angst oder Misstrauen keine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstatten.

Aufgrund der ausbleibenden Reaktion der Behörden machen sich die Familien auf eigene Faust auf die Suche nach den Verschwundenen. In den meisten Fällen wird diese Aufgabe von Müttern, Schwestern, Töchtern und anderen Frauen wahrgenommen.

Im ganzen Land haben sich insgesamt mehr als 70 Gruppen von "suchenden Müttern" formiert, die ständigen Bedrohungen und Angriffen ausgesetzt sind. Laut dem Register der Mesoamerican Initiative of Human Rights Defenders wurden im Jahr 2020 allein im Bundesstaat Sonora 44 Angriffe registriert.

Zahlreiche Beispiele zeigen, dass die Gewalt und Drohungen gegen die "suchenden Mütter" kontinuierlich und systematisch sind. Im Juli 2021 wurde Gladys Aranza Ramos, Mitglied des Kollektivs "Suchende Kämpferinnen von Sonora" (Guerreras Buscadoras de Sonora), entführt und ermordet. Kurze Zeit später erhielt die Präsidentin der Gruppe "Suchende Mütter von Sonora", Ceci Patricia Flores, Morddrohungen. Im Oktober wurde Leticia Álvarez, ein anderes Mitglied der Gruppe, für mehrere Stunden entführt. Im Januar 2022 wurden Mitglieder des Kollektivs von Sonora angegriffen.

"Ich glaube, dass keine Mutter es verdient, ermordet zu werden, weil sie nach unseren Kindern gesucht hat", so María Isabel Cruz, Anführerin des Kollektivs "Spurensuchende Kämpferinnen" (Sabuesos Guerreras).

"Die Liebe einer Mutter ist größer als alles Übel auf der Welt. Wir widerstehen der ständigen Angst, die unser Leben bedroht, der gnadenlosen Schande derer, die uns stigmatisieren und wollen, dass wir aufhören, nach unserem geliebten Menschen zu suchen. Wir kämpfen um jeden Preis, bis wir sie finden", versicherte Flores.

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