Mexiko: Attacken gegen organisierte Nahua-Gemeinden in Michoacán

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Ob die beiden verschleppten Aktivisten noch am Leben sind ist derzeit unklar
Ob die beiden verschleppten Aktivisten noch am Leben sind ist derzeit unklar

Aquila. Indigene Gruppierungen in der Gemeinde Aquila im mexikanischen Bundesstaat Michoacán sind seit Jahresbeginn mehrfach von Banden der organisierten Kriminalität angegriffen worden. Drei Mitglieder der Selbstverteidigungsstruktur "Guardia Comunal" wurden am 12. Januar in einem Hinterhalt erschossen, kurz darauf verschwanden ein Menschenrechtsanwalt und ein Gemeindevertreter gewaltsam. 

Isaul Nemecio Zambrano, Miguel Estrada Reyes und Rolando Magno Zambrano, die zur indigenen Dorfpolizei gehörten, wurden in der Nähe von Aquila bei einem Überfall auf einen Kontrollposten ermordet. Wie die Nahua-Gemeinde Ostula berichtet, töteten etwa zwanzig Mitgliedern des Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG) die drei Männer und nahmen mehrere Videos auf, "in denen sie ihre Grausamkeit und ihre Zugehörigkeit zu dem genannten Kartell zur Schau stellten".

"Unsere Gemeinschaft ist in Trauer, tief bewegt und begleitet den Schmerz der Familien unserer Kameraden, die ermordet wurden, weil sie es gewagt haben, das Leben und die Integrität der Gemeinschaft mit heldenhafter Würde und Mut zu verteidigen, weil sie sich für Frieden und Sicherheit in der Gemeinde eingesetzt haben", bekräftigt die Nahua-Gemeinde Ostula in ihrem Schreiben.

Nur drei Tage später verschwanden zwei wichtige Exponenten der Region spurlos: Der renommierte Menschenrechtsanwalt Ricardo Lagunes Gasca sowie der 71-jährige Antonio Díaz Valencia, bekannt für die Verteidigung der Umweltrechte und Kandidat für den Vorstand der Gemeindeländereien von Aquila.

In ihrem Protestschreiben prangert die indigene Gemeinde "die Komplizenschaft von Bund und Ländern mit den kriminellen Kartellen" an. Dies begründet die Gemeinde mit den Ereignissen in dem nördlich an Aquila angrenzenden Chinicuila im Herbst 2022. Damals schrieb sie: "Während der Bundesstaat Michoacán von Kriminalität und dem wachsenden territorialen Einfluss der CJNG überwältigt wird, atmen die Gemeinde Santa María Ostula und der Teil der Gemeinde Aquila mit der Selbstverteidigungsstruktur Guardia Comunal ein Klima des Friedens".

Dieses Klima des Friedens sei jedoch gefährdet, seit die Nationalgarde Mitte September 2022 in Chinicuila einmarschierte, die Kommunalwache entwaffnete und zwei Polizisten verhaftete. Ende September übernahm dann die Mafiagruppierung CJNG die Kontrolle über Chinicuila, viele Familien flohen. "Das Ergebnis: Chinicuila ist derzeit eine Grabstätte in den Händen der Kriminalität, mit der passiven Präsenz der Bundessicherheitskräfte".

In beiden Fällen äußerten sich zahlreiche indigene Gemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen und forderten mit Blockaden und Protestschreiben von den Behörden ein Ende der Gewalt in Aquila.

Die Gemeinde Santa María Ostula ist geprägt vom Kampf gegen unterschiedliche Gruppierungen der organisierten Kriminalität. Zwischen 2009 und 2014 starben in diesem Zusammenhang 34 Gemeindemitglieder, sechs weitere sind spurlos verschwunden. Bei einem Einsatz der Armee gegen die Gemeinde im Jahre 2015 wurde ein Kind von einer Kugel tödlich getroffen.

Aquila ist nicht nur reich an Wäldern mit kostbaren Tropenhölzern, sondern besitzt auch große Eisenvorkommen. Die Bergbauaktivitäten sorgen seit Jahren für Konflikte. Die Lokalbevölkerung klagt insbesondere die Bergbaufirma Ternium mit Sitz in Luxemburg an, Verträge über Lizenzgebühren für ihre Mine in Aquila nicht auszuzahlen. Auch die organisierte Kriminalität versucht, über Schutzgeldforderungen vom Bergbausektor zu profitieren.

Seit der neue Gouverneur Alfredo Ramírez Bedolla von der gemäßigt linken Morena-Partei Michoacán regiert, nimmt die Kriminalisierung der autonomen indigenen Sicherheitsstrukturen erneut zu, wie das nationale Menschenrechtsnetzwerk RedTdT (Red Nacional de Organismos Civiles de Derechos Humanos “Todos los Derechos para Todas y Todos”) dokumentierte.

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