San Salvador. In den letzten Wochen berichten Medien international über die Erfolge der Politik von Präsident Nayib Bukele gegen die kriminellen Banden in El Salvador. Schon vor Monaten erklärte der Sicherheitsminister Gustavo Villatoro: "Die kriminelle Herrschaft der MS-13 in El Salvador ist zerstört, und das kann ich mit großer Sicherheit sagen." In den mehr als dreieinhalb Jahres des Ausnahmezustandes wurden bis Ende Oktober 89.875 Mitglieder der Maras verhaftet. Sie sind weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden. An einer kompletten Auflösung der Banden gibt es allerdings Zweifel. Und auch die drastischen Methoden Bukeles werden kritisiert.
Die Zahl der Morde im Land hat seit 2022 deutlich abgenommen und lag 2024 nach offiziellen Angaben bei 114 Ermordeten. Zum Vergleich: 2021 waren es 1.140 Ermordete; 2020 noch 1.341 Ermordete; 2019 sogar 2.398 Ermordete. Allerdings sind die heutigen offiziellen Statistiken nicht unabhängig überprüfbar.
Als Mittel zur Zerschlagung der Banden nutzt die Regierung Masseninhaftierungen, unter anderem im Megagefängnis Centro de Confinamiento del Terrorismo (Cecot), die drastische Verschärfung des Strafrechts und die Verweigerung von rechtsstaatlichen Verfahren und Garantien für Inhaftierte. Menschenrechtsorganisationen wie Socorro Jurídico Humanitario weisen auf den sehr hohen Anteil an Personen in den Gefängnissen hin, die keinen Bezug zu kriminellen Banden haben. Inzwischen sind 460 Personen in Haft aufgrund von Misshandlung, Folter, verweigerter medizinischer Behandlung und anderen Missständen verstorben. 94 Prozent davon waren keine Bandenmitglieder.
Viele Berichte stimmen darin überein, dass die sichtbaren Bandenstrukturen der Maras verschwunden sind. Es gäbe keine "unsichtbaren Grenzen" mehr, die die Bewegungsfreiheit der Menschen einschränkten. Auch die alltäglichen Erpressungen hätten abgenommen. Gleichzeitig gäbe es Hinweise auf kleinere Gruppierungen in ländlichen Gegenden und entlang der Grenzen wie auch Anzeichen dafür, dass einige Anführer eine Reorganisation von weniger sichtbaren kriminellen Strukturen und weniger auffälligen Delikten anstreben, darunter zum Beispiel Drogenkriminalität. Einigen Mitgliedern gelang die Flucht ins Ausland, was Befürchtungen über einen Aufschwung transnationaler Kriminalität weckt.
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Aus einem Bericht der Zivilpolizei vom Mai 2025 geht zudem hervor, dass die MS-13 trotz Ausnahmezustand in El Salvador noch rund 230 aktive bewaffnete Gruppen habe. Am 30. April 2025, nach drei Jahren Ausnahmezustand, belief sich die Zahl der in den Polizeiakten registrierten Gangmitglieder, die noch nicht festgenommen worden waren, auf 4.682. "Von dieser Zahl befinden sich 40 Prozent noch im Land", schätzt Villatoro. Etwa 2.800 MS-13-Mitglieder hätten El Salvador verlassen, wobei Guatemala, Mexiko und Honduras die bevorzugten Ziele gewesen seien, und weitere 1.700 würden sich weiterhin im Land versteckt halten.
Zudem hätten die Behörden seit Jahresbeginn sieben transnationale Strukturen der organisierten Kriminalität zerschlagen. Venezolaner, Kolumbianer, Mexikaner, Honduraner, Guatemalteken, Panamaer und Nicaraguaner reisten auf dem Land- und Luftweg in das Land ein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft begingen diese Gruppen vor allem schwere Betrugsdelikte, Computerdiebstahl, Raub und Diebstahl; in einigen Fällen auch Geldwäsche, Fälschungen, Drogenhandel und Drohungen.
Kritiker sowie nationale und internationale Organisationen werfen Bukele vor, die Politik auf Kosten der Umwandlung El Salvadors in eines der Länder mit der höchsten Inhaftierungsrate zu verwandeln und Hunderte Menschen bei Massenprozessen und ohne Einhaltung eines ordentlichen Verfahrens ins Gefängnis zu schicken. Menschenrechtsorganisationen warnen außerdem schon seit langem, dass der Ausnahmezustand und die Masseninhaftierungen das Problem der Bandenkriminalität nicht langfristig beseitigen können. Um kriminelle Strukturen tatsächlich zu bekämpfen, sind nach Meinung von Analysten grundlegende Maßnahmen zur Beseitigung der Armut notwendig, insbesondere Bildungsangebote und wirtschaftliche Chancen für die junge Generation.


