Quito. Im Durchschnitt wird in Ecuador jede Stunde ein Mensch ermordet. Von Januar bis Oktober kamen 7.553 Personen ums Leben. Damit wird Ecuador vermutlich das dritte Jahr in Folge die Mordrate in Lateinamerika anführen. Zu diesem Schluss kommt der Konfliktindex der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED).
Laut ACLED ist Ecuador außerdem nach Mexiko das gefährlichste Land Lateinamerikas, global kommt es auf Platz sechs. Für den Index nutzt die NGO vier Indikatoren: Mordrate, Gefahr für Zivilisten, geografische Ausbreitung von Konflikten und Anzahl bewaffneter Gruppen. Während die anderen Länder auf den vordersten Plätzen ihre Position kaum verändert haben, ist Ecuador im Vergleich zum Vorjahr hingegen um 36 Plätze gestiegen.
Die Studie führt dies auf drei Gründe zurück: Den Kampf zwischen den beiden kriminellen Banden Los Lobos und Los Choneros, die Zersplitterung der Banden durch Verhaftungen oder Ermordungen ihrer Anführer und schließlich die wachsende Bedeutung Ecuadors für den globalen Kokainhandel. Obwohl Präsident Daniel Noboa den Etat der Sicherheitskräfte kräftig erhöht, den internen bewaffneten Konflikt erklärt und diverse kriminelle Banden zu Terroristen erklärt hat, scheint seine Politik keine dauerhaften Früchte zu tragen.
Etwa die Hälfte der gewaltsamen Tötungen in Ecuador sollen auf Aktivitäten der Banden zurückgehen. Zudem kommt es immer wieder zu Massakern in Gefängnissen. Vor einer Woche starben bei einer Auseinandersetzung in einem Gefängnis im Südwesten des Landes 13 Personen. Einen Monat zuvor kam es am selben Tag zu zwei Gefängnisaufständen mit insgesamt 31 Toten.
Auch außerhalb der Gefängnisse ereignen sich immer wieder Massentötungen. Erst Anfang Dezember wurden auf einer Landstraße in der Provinz Manabí fünf verkohlte Leichen bei einem verbrannten Fahrzeug entdeckt. "Ecuador ist für seine eigenen Bürger zu einem unwirtlichen Land geworden. Seit 2021 wurden rund 132.000 Menschen aufgrund der Gewalt innerhalb des Landes vertrieben, und mehr als 400.000 – also über zwei Prozent – haben das Land verlassen", so ACLED.
Um die Situation in den Griff zu bekommen, plant Noboa enger mit Peru zusammenzuarbeiten. Das Land ist nach Kolumbien der größte Kokainproduzent der Welt, ein großer Teil der Drogen wird über Ecuadors Pazifikhäfen verschifft. Noboa empfing daher am Freitag Perus Präsident José Jerí in Quito und schloss mit ihm ein Abkommen gegen die organisierte Kriminalität.
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Die Regierungen vereinbarten außerdem in der Grenzregion zu kooperieren. "Wir haben einen Dialog begonnen, der niemals beendet werden darf [...], um die Entwicklung unserer Region voranzutreiben", erklärte Noboa.
Neben Mexiko und Ecuador finden sich auf den vordersten 20 Plätzen des Index aus Lateinamerika und der Karibik noch Brasilien (Platz 6), Haiti (Platz 8), Kolumbien (Platz 14) und Guatemala (Platz 17).
Sandra Pellegrini, Analystin bei ACLED, führt den Anstieg der Gewalt in Lateinamerika auf die wachsende Militarisierung der öffentlichen Sicherheit zurück. Die Entsendung von mehr Sicherheitskräften würde zwar kurzfristig die Gewalt eindämmen, mittel- und langfristig jedoch die kriminellen Gruppen fragmentieren. Dies führe oft zu mehr Gewalt, während gleichzeitig auch das Risiko von Übergriffen durch Polizei- und Militäreinheiten steige.
"Das ist eine Überlegung, die man den Entscheidungsträgern mitgeben sollte, die solche Maßnahmen umsetzen, die in vielen Fällen nicht die erwarteten Ergebnisse bringen", so Pellegrini. Derzeit sei es jedoch schwierig für die Regierungen in Lateinamerika ihre Strategien anzupassen, da die USA Druck auf sie ausübten, eine Politik der harten Hand zu fahren.
Die zunehmende militärische Präsenz der USA in der Region wird die Problematik laut ACLED vermutlich weiter verschärfen und die Militarisierung anheizen. Da sich die Flotten der USA auf die Karibik konzentrieren, dürfte sich der Kokainhandel außerdem noch stärker auf Ecuadors Pazifikhäfen verlagern.


