Mexiko-Stadt/Guatemala-Stadt. Die in Guatemala geborene Aktivistin Rigoberta Menchú Tum ist am Freitag in Mexiko zur Hochkommissarin für die Rechte von Frauen und indigenen Völkern ernannt worden. Der Posten ist im Zusammenhang mit den Vereinten Nationen beim Außenministerium angesiedelt. Menchú, die 1992 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde und weitere internationale Preise erhielt, besitzt die mexikanische und die guatemaltekische Staatsbürgerschaft, ihre Familie war während des Bürgerkrieges aus Guatemala nach Mexiko geflohen.
"Die Ernennung von Menchú Tum ist nicht nur eine weitere administrative Maßnahme, sondern ein klares Bekenntnis auf internationaler Ebene", hieß es in einem Artikel der Zeitung Noticias Del Valle. Die "67-Jährige bringt politisches und ethnisches Kapital mit, um Mexikos Stimme in multilateralen Foren zu stärken". Zu ihren Aufgaben gehöre unter anderem "sicherzustellen, dass die Vorschläge indigener Völker wirksam an internationale Organisationen wie die UNESCO und die Vereinten Nationen weitergeleitet werden", ferner die "Schaffung von Rahmenbedingungen zum Schutz der von Frauen und indigenen Gemeinschaften".
Das Außenministerium schrieb zur Ernennung: Die Hochkommissarin "trägt zur Umsetzung der Anweisung von Präsidentin Claudia Sheinbaum bei, Interkulturalität und substanzielle Gleichstellung als Querschnittsthemen in Mexikos internationalem Handeln zu verankern."
Menchú wurde am 9. Januar 1959 in einer armen Landarbeiterfamilie im Landkreis Uspantán im Departamento Quiché in Guatemala geboren. Ihr Vater Vicente Menchú gehörte zu den Mitbegründern des Comité de Unidad Campesina (CUC), in der Organisation war auch Rigoberta aktiv. Vicente Menchú sowie Fransisco Tum, ein Cousin von Rigoberta, kamen am 31. Januar 1980 bei der Besetzung der spanischen Botschaft ums Leben. Das CUC hatte gemeinsam mit Studentenorganisationen die spanische Botschaft in der guatemaltekischen Hauptstadt besetzt, um auf Morde und Verschwindenlassen durch die Armee in ländlichen Regionen Guatemalas aufmerksam zu machen. Polizeieinheiten stürmten das Gebäude und setzten es in Brand, 37 Menschen starben.
Ihr Bruder Patrocinio Menchú und ihre Mutter Juana Tum wurden vermutlich von Militärs entführt und ermordet. Zwei ihrer jüngeren Brüder starben auf den Fincas in Guatemala an Unterernährung und durch Pflanzenschutzmittel, schrieb sie in ihrer 1983 erschien Biografie. Das Buch erschien auf Deutsch unter dem Titel "Rigoberta Menchú – Leben in Guatemala". Sie verfasste es gemeinsam mit der venezolanischen Schriftstellerin Elizabeth Burgos im mexikanischen Exil. In der Biografie beschreibt sie nicht nur den Bürgerkrieg, sondern auch die Ausbeutung auf den großen Fincas und ihre Arbeitsbedingungen als Hausangestellte in Guatemala-Stadt in eindringlichen Worten.
Bereits 1982 wurde der Dokumentarfilm Cuando las montañas tiemblan (Wenn die Berge erzittern) erstmals international gezeigt. Die Dokumentation behandelt die Massaker an der indigenen Bevölkerung und die Unterstützung der USA bei den Verbrechen und wurde mit Mitarbeit von Menchú erstellt.
Film und Autobiografie gehörten zu den ersten Dokumenten, die die Verbrechen während des guatemaltekischen Bürgerkrieges international bekannt machten. Der us-amerikanische Anthropologe David Stoll behauptete allerdings in einem 1999 veröffentlichten Buch, das Menchú in ihrer Biografie einige Fakten "dramatisiert" habe und Ereignisse dargestellt hatte, die sie nicht selbst erlebt hatte.
1992 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet und arbeitete während der neoliberalen Regierung von Óscar Berger (2004 – 2008) für Guatemala bei der UNESCO. 2007 kandidierte sie für die von ihr mitgegründete Partei Winaq für die Präsidentschaft und erreichte mit 3,1 Prozent den fünften Platz, 2011 kam sie bei einer erneuten Kandidatur auf 2,6 Prozent.
In Guatemala ist sie weiterhin eine bekannte Persönlichkeit, tritt aber im Land in den vergangenen Jahren kaum noch politisch oder gesellschaftlich in Erscheinung.


