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20.07.2015 Kolumbien / Menschenrechte

Exhumierung und Wahrheitsfindung in Kolumbien

Zwischen 150 und mehreren hundert Toten in Massengrab "La Escombrera" in Medellín vermutet. Exhumierung soll diesen Monat unter internationaler Beobachtung beginnen
Blick auf den Bezirk Comuna 13 in Medellín

Blick auf den Bezirk Comuna 13 in Medellín

Keine 20 Minuten westlich vom Zentrum Medellíns entfernt liegt das wegen seiner von Gewalt geprägten Geschichte berüchtigte Stadtviertel Comuna 13. Hier soll in Kürze die Exhumierung des Massengrabes La Escombrera (Der Schuttabladeplatz) unter Zusammenwirken der Generalstaatsanwaltschaft, der Stadtregierung und wissenschaftlicher sowie internationaler Betreuung beginnen. Das Menschenrechtsbüro der Stadt Medellín vermutet weit mehr als 150 Leichen unter den Schutthügeln. Andere Quellen berichten von mehreren Hundert.

Zwischen 2001 und 2003 tobte in der Comuna 13 ein Krieg zwischen kriminellen Banden, Paramilitärs, Guerilla und Polizei sowie Militär. Einer Forschungsarbeit des Zentrums für Erinnerung und Frieden (CNMH) zufolge litten die Bewohner bereits jahrzehntelang unter einer humanitären Krise, die durch die andauernde Präsenz gewalttätiger Kriegsparteien indiziert war. Von 1985 bis zum Jahr 2000 war die Zone bestimmt durch die Präsenz linker Stadtguerilla-Milizen, bis dann 2001 die Offensive der Paramilitärs Bloque Metro (BM) und Bloque Cacique Nutibara (BCN) zu deren Machtübernahme führte.

Diese Offensive kulminierte in der "Operation Orion", einem von Paramilitärs, kolumbianischem Militär und Polizei gemeinsam durchgeführten Schlag gegen die Zivilbevölkerung in der Comuna 13, die bis heute das kollektive Gedächtnis der Bewohner prägt. In dieser Zeit wurde die Schutthalde La Escombrera als Massengrab verwendet.

Das Massengrab spiegelt die Geschichte der paramilitärischen Präsenz in den Jahren 2000 bis 2003: Nachbarn berichten, wie sie im Morgengrauen aus den Fenstern der angrenzenden Häuser beobachten konnten, dass Paramilitärs Menschen herbrachten, ihre Handgelenke zusammenbanden und sie auf der Müllkippe erschossen. Die Körper seien "wie Müll" hinabgeworfen worden, berichten Anwohner. "Die Köpfe von einigen wurden mit Lappen abgedeckt", berichtet eine Frau aus dem Viertel, die 2002 einen ihrer Söhne verlor.

Auf dem höchsten Punkt des Hügels hoben Paramilitärs ein Loch aus und warfen die Leichen hinein. Zwischen dem Müll war es jahrelang unmöglich, die genaue Lage ausfindig zu machen. Mehrere Jahrzehnte stieg aus Angst niemand auf die Halde.

Ein Anwohner, dessen Sohn 2003 von Paramilitärs entführt worden ist, erinnert sich, einige Männer gefragt zu haben, ob sie seinen Sohn oben in La Escombrera gesehen hätten. Sie drohten ihm mit dem Tod und befahlen ihm, nie wieder Fragen zu stellen.

Im Oktober 2002 griff das kolumbianische Militär in der berüchtigten "Operation Orion" die Comuna 13 an, angeblich um Mitglieder der Guerilla zu fassen. "Der Krieg begann im Morgengrauen an einem Mittwoch, während alle schliefen", erinnert sich ein Bewohner: "Mein Sohn stand erschrocken auf und sagte, dass drei bewaffnete Männer auf dem Dach seien." Weil die Paramilitärs dort täglich die Bewohner terrorisiert hatten, schenkte er dem Vorfall keine besondere Aufmerksamkeit. Zehn Minuten später befand sich das Viertel unter Beschuss. Die rund 200.000 Einwohner der Comuna 13 versuchten, sich so gut wie möglich zu schützen und verließen die Häuser nicht. Nach dem dreitägigen Einsatz patrouillierten tagelang Polizisten und Soldaten. Mehr als 450 Personen wurden in Polizei- und Militäranlagen gebracht und gelten bis heute als Verschwunden. Ob auch Opfer des Militärs im Massengrab sind, soll nun herausgefunden werden.

Die Lage der Gräber und die Existenz von bis zu 100 weiteren allein in der Stadt Medellín ist durch Aussagen von paramilitärischen Führern bekannt geworden. Im Zuge ihrer Zeugenaussagen im Demobilisierungsprozess gaben sie Hinweise zu den Gräbern und Verbrechen gegen die Menschheit. Sie berichteten auch, mit Militär und Polizei zusammen gearbeitet zu haben. So sagte ein Führer aus: "Alle Beamten der Polizei halfen uns. Ein guter Teil der Verschwundenen, die Opfer des paramilitärischen Einmarsches in den Tagen nach der Operation Orion, wurden aufgesammelt und in La Escombrera und dem Nachbargrundstück La Arenera vergraben."

Diego Fernando Murillo, alias Don Berna, langjähriger und 2007 "demobilisierter" Führer der paramilitärischen Grupppe BCN, kennt nach eigenen Angaben allein in Medellín über 100 Massengräber. Dort wurden laut Luis Adrián Palacio Londoño, alias Diomedes, ehemaliger Anführer der Paramilitärs BM, Menschen verschwunden gelassen und begraben, nachdem sie gefoltert worden sind. Er gestand gegenüber den Anwälten von Justicia y Paz (Gerechtigkeit und Frieden), dass seine und andere paramilitärische Einheiten in der Comuna 13 auf der Schutthalde Menschen verscharrt hätten. Aufgrund dieser Aussagen wurden weitere Nachforschungen unter den Bewohnern der anliegenden Viertel durchgeführt und zahlreiche Bestätigungen der vermuteten Massengräber gefunden. Auch Indizien für weitere Gräber häufen sich.

In dem Bezirk wohnen heute laut Statistiken über 130.000 Menschen in zumeist irregulären Siedlungen. Viele Häuser haben keinen Strom, es fehlen Abwasserleitungen und Zugang zu Trinkwasser, das Einkommensniveau ist das niedrigste in Medellín. Die Hanglagen sind stark Erdrutsch gefährdet. Das Viertel ist aufgrund der hohen Rate von armen, arbeitslosen und prekär lebenden Bewohnern einer der sozialen Brennpunkte der Großstadt. Diese Bedingungen erleichterten den kriminellen und bewaffneten Organisationen, sich in der Comuna 13 auszubreiten und zu etablieren.

Seit 2004 führte eine vermehrte Präsenz der Guerillagruppen Revolutionäre Streikräfte Kolumbiens (Farc), Armee der Nationalen Befreiung (ELN) und Bewaffnete Volkskommandos (CAP) zu erneuten heftigen Auseinandersetzungen. Die 2007 beginnende angebliche Demobilisierung der Paramilitärs ließ das Viertel ein wenig zur Ruhe kommen, allerdings werden seit 2008 wieder regelmäßig Angriffe von Paramilitärs und anderen kriminellen Banden gemeldet.

An die im Juli 2015 beginnende, nicht nur größte, sondern auch komplizierteste Exhumierung in der Geschichte des Landes werden unterschiedliche Erwartungen geknüpft: Die Familien der Opfer und Bewohner wollen Gerechtigkeit und Aufklärung der Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Sie hoffen, endlich Klarheit über ihre Verschwundenen zu erlangen und ihre Angehörigen würdig beerdigen zu können. Das kolumbianische Militär und die Regierung wollen die Schuld der Guerilla belegen. Die Guerillagruppen behaupten, dass sie keine Massengräber in der Comuna 13 errichtet hätten. Die Paramilitärs hingegen sagen aus, dass sie mehrere hundert ihrer Opfer in dem Grab La Escombrera verscharrt hätten.

Bereits nach Bekanntwerden der Gräber forderten 2002 und 2008 Angehörige von Verschwundenen die Exhumierung und Aufklärung. Luz Elena Galeano, Anwohnerin und Aktivistin der Organisation "Weg zur Wahrheit", sagt, dass sie bereits seit 13 Jahren die "Ausgrabung der Wahrheit" fordern, "damit diese endlich an das Licht der Öffentlichkeit kommt". Sie selbst sucht seit Jahren ihren verschwundenen Ehemann. Ihre Organisation sagt weiter aus, dass "mehr als 300 Leichen ehemaliger Anwohner" auf der Schutthalde liegen müssen. "Weg zur Wahrheit" unterstützt über 150 Opfer der Gewalt in der Comuna 13, vor allem Frauen, die ihre Söhne und Ehemänner verloren haben.

Über den 2001 und den Jahren danach von Paramilitärs vergrabenen Leichen in La Escombrera wurden in den Folgejahren über 23 MIllionen Kubikmeter Schutt und Abfall abgeladen. Seit Bekanntwerden der Exhumierung wurde die weitere Abladung von Schutt unterbunden.

Bisher sind in Kolumbien von den über 220.000 Verschwundenen und vermutlich ermordeten Opfern des bewaffneten Konflikt laut Staatsanwaltschaft nur wenige exhumiert oder auch nur gefunden worden. "Es sind uns bis zum heutigen Datum 4.632 Massengräber bekannt", sagt eine Sprecherin, "aber wir wissen nicht, wie viele geheime Gräber es noch gibt".

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