Medellín zehn Jahre nach der Operation "Orion"

Maurice Lemoine über die Entwicklung des Paramilitarismus in Kolumbien und seine Auswirkungen auf die Armenviertel von Medellín

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Blick auf die Comuna 13 in Medellín
Blick auf die Comuna 13 in Medellín

Am 2. Dezember 1993 starb der berühmte und mächtige Chef des Drogenkartells von Medellín, Pablo Escobar, von Kugeln durchlöchert auf dem Dach eines Hauses im Viertel Los Olivos. Damit endete die jahrelange Verfolgung des Drogenbarons durch die militärische Elite-Einheit Bloque de búsqueda, unterstützt durch die US-amerikanischen Geheimdienste und die Gruppe Los Pepes. Letztere war ein paramilitärischer Verband der "von Pablo Escobar Verfolgten" (dafür steht die spanische Kurzform Pepes). Er wurde von den Castaño-Brüdern Fidel, Vicente und Carlos befehligt, die ihrerseits von der Konkurrenz – den Drogendealern des Cali-Kartells finanziert wurden. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush Senior, die Zusammenstellung dieser merkwürdigen Gruppierung im Jahr 1989 unter dem Tarnnamen "Heavy Shadow" abgesegnet hatte.

Am Rande dieses Krieges gegen das Kokain blutet Kolumbien nach wie vor aus – durch einen weiteren grausamen und scheinbar endlosen Krieg, der seine Ursache in den sozialen Ungleichheiten hat. In den letzten Jahren gelang es den Guerillas, in die Armenviertel der Großstädte einzudringen, während die Paramilitärs versuchten, sich in Städten wie Bogotá, Cali und Barrancabermeja festzusetzen. Aus dem bislang vorwiegend ländlichen Konflikt wird dadurch allmählich ein urbaner.

Im Jahr 1996 entstand in Medellín der Bloque Metro der Bäuerlichen Selbstverteidigungskräfte von Córdoba und Urabá (ACCU), angeführt von Carlos Mauricio García Fernández alias "Doble Cero". Viele Jahre später, im April 2012, bestätigte Alberto Guerrero (eigentlich Pablo Hernán Sierra García) ein ehemaliger Chef der Paramilitärs vor Gericht, dass die ACCU von den Viehzüchtern des Bundesstaates Antioquia gegründet worden waren. Unter Beteiligung der Brüder Santiago und Álvaro Uribe Vélez, jenes Álvaro Uribe, der zwischenzeitlich Präsident von Kolumbien war und diese Anschuldigung strikt zurückweist. Aber das war Ende der neunziger Jahre natürlich noch nicht abzusehen. Im Jahr 2000 trat der Bloque Metro, unter dem Befehl von Carlos Castaño, der die paramilitärischen Gruppierungen in einen Dachverband namens Vereinigten Bürgerwehren Kolumbiens (AUC) zusammengeführt hatte, seinen Platz in Medellin an den Bloque Cacique Nutibara ab, der von Diego Fernández Murillo alias "Don Berna" mit eiserner Hand geführt wurde.

Ein Armenviertel in Medellín

Im Westen von Medellín, kaum 10 Autominuten vom Verwaltungszentrum La Alpujarra entfernt, wo sich Regierung und Stadtverwaltung befinden, liegt die Comuna 13, ein strukturschwacher Stadtteil mit 22 legalen und illegalen Stadtvierteln.1 An einem zerklüfteten Berghang, durchzogen von Wegen, steilen Treppen, engen Straßen, Gassen und dunklen Winkeln, beherbergt dieses wahre Labyrinth 200.000 Menschen, die in ihrer Mehrheit aus den Bundesstaaten Antioquia und Chocó, der Region Urabá im Norden des Landes stammen. Es sind zumeist Arme, Opfer der sozialen Ausgrenzung, die in die informelle Wirtschaft abgedrängt wurden. Sie verstehen es jedoch sehr gut, sich gemeinschaftlich zu organisieren und ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen. So dass es trotz des Nebeneinanders mit den Milizen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) und vor allem mit der in dieser Region am stärksten präsenten Nationalen Befreiungsarmee (ELN) kaum Reibungen gab.

Neben diesen beiden alteingesessenen bewaffneten Akteuren agiert in der Comuna 13 auch eine unabhängige Gruppierung, die Bewaffnete Kommandos des Volkes (CAP), welche weder der FARC noch der ELN unterstehen, mit diesen jedoch in der Ansicht übereinstimmt, dass die Konfrontation mit dem Staat notwendig ist. "Diese Miliz war sehr erfolgreich", ist noch heute zu hören, "weil sie aus Menschen aus dem Viertel gebildet wurde, der politischen Arbeit gegenüber militärischen Aktionen den Vorrang gab und ihre Aufgabe primär in der Verteidigung sah." "Außerdem war bekannt", erfahren wir weiter, "dass die kommunalen, künstlerischen, religiösen und anderen Organisationen, die mit den CAP sympathisierten, vollkommen autonom blieben". Anfangs interessierten sich die Behörden kaum für die Milizen. Wo der Staat seinen Aufgaben nicht nachkam, sorgten sie für Sicherheit, indem sie beispielsweise die kriminellen Banden bekämpften, Wohnungen verbesserten und Straßen bauten.

Beginn der militärischen Operationen

Anfang des Jahres 2000 wendete sich das Blatt jedoch. Der Stadt Medellín bot sich die verlockende Aussicht auf wichtige Projekte zur wirtschaftlichen Entwicklung, die mit dem Widerstand und den, wie auch immer gearteten, alternativen Ansätzen in der Stadt nicht zu vereinbaren waren.

In allen ärmeren Stadtteilen, in denen sich in den 1960er und 70er Jahren Familien angesiedelt hatten, welche die Gewalt aus den ländlichen Regionen vertrieben hatte, oder die durch den industriellen Aufschwung in der zweitgrößten Metropole des Landes angelockt wurden, war eine junge Generation herangewachsen, die sich in "pandillas" genannten Banden zusammenschloss. Diese Banden waren es, aus denen Pablo Escobar auf dem Höhepunkt seines Krieges gegen den Staat seine Auftragskiller rekrutiert hatte. Aber auch die Paramilitärs, welche die Stadt später, seit ihrem Eindringen, territorial, militärisch, ökonomisch und sozial fast vollständig unter ihrer Kontrolle hatten, warben unter ihnen Mitglieder an. Außer in der Comuna 13, die sie nur zum Teil besetzen konnten. Dafür sorgten die Bewaffneten Kommandos der CAP, die Guerilleros von FARC und ELN sowie der zivile Widerstand der kommunitären Organisationen. Trotzdem, und auch unabhängig von ihrer "antisubversiven Mission" war dieses Gebiet für die Paracos2 von großem Interesse: Es bildet einen strategisch wichtigen Bergkorridor, der den Südosten des Bundesstaates Antioquia am Golf von Urabá mit dem Meer verbindet, eine Lage, die sich als besonders günstig für den Waffenhandel und die Ausfuhr von Kokain erweist.

Unter dem Vorwand, die Region zu befrieden, kam es am 29. Mai 2002 zu einer ersten Militäroperation (Operation Mariscal), an der 900 Sicherheitskräfte beteiligt waren und die neun Zivilpersonen, darunter vier Kindern, das Leben kostete sowie 37 Verletzte und 50 willkürliche Festnahme zur Folge hatte. Dieser Vorstoß währte jedoch nur wenige Stunden, da die Einwohner weiße Fahnen hissten und gleichzeitig die Anwesenheit von Presse und Menschenrechtsorganisationen bewirkten, dass die Armee ihre Angriffe einstellen musste.

Am 26. Mai 2002 gewählt, trat Álvaro Uribe am 7. August im Präsidentenpalast Casa de Nariño sein Amt an. Er ordnete umgehend an, die Comuna 13 "zurückzuerobern" – und leitete auf diese Weise seine harte Politik der "demokratischen Sicherheit" ein. Auf die kurze Operation "Antorcha" (vom 15. August) folgte die Operation "Orion", bei der Uribe am 16. Oktober fünf Bataillone der IV. Brigade, die Sondereinsatzgruppe FUDRA, das Anti-Guerilla-Bataillon der Armee, Einsatzkräfte der hauptstädtischen sowie der Polizei von Antioquia, unterstützt durch den Inlandsgeheimdienst DAS in das Viertel eindringen ließ. Über 3000 Mann in einer Operation des totalen Krieges gegen … die Bevölkerung.

In der Tat führte das Ausmaß der Offensive dazu, dass sich die Milizen, nachdem sie in den ersten Stunden Widerstand geleistet hatten, zurückziehen mussten. Was jedoch nichts daran änderte, dass die Hubschrauber die Dächer des Viertels weiter unter Beschuss nahmen und die gepanzerten Fahrzeuge wahllos um sich schossen, was die verzweifelten Einwohner in großer Zahl aus ihren Häusern trieb. An diesen fünf Tagen der "Befriedung" dienten getarnte und mit schwarzen Kapuzen vermummte Informanten den Agenten von Armee und Polizei als Führer bei der Registrierung der Häuser, darunter ein gewisser Carlos Pesebre, der dies später zugab. Das Ergebnis dieser Registrierungen waren 355 willkürliche Festnahmen ohne Haftbefehl sowie, offiziellen Angaben zufolge, 39 verletzte Zivilpersonen, sieben Verschwundene und drei tote Polizisten.

Die erste Phase dieser Operation währte bis zum 20. Oktober. Die Comuna 13 war vollständig abgeriegelt. Niemand erhielt die Erlaubnis, das Gelände zu verlassen oder zu betreten, und in die Medien gelangte lediglich die Version der Sicherheitskräfte, wonach es "sich um eine legitime militärische Operation zur Verfolgung illegaler Gruppen handelt, durch die der Frieden in der Comuna wieder hergestellt wurde".

Paramilitärische Kontrolle eines Stadtteils

Dann folgte die zweite Phase: In der Comuna 13 verblieben nur die Angehörigen von Armee, Polizei und den Paramilitärs des Bloque Cacique Nutibara, die nun das gesamte Territorium besetzten, was ihnen in der Vergangenheit nicht gelungen war. Seitdem kommt es in diesem als "Friedenslabor" präsentierten Gebiet nur noch selten vor, dass keine Leichen auf den Straßen gefunden werden. Indem die Paramilitärs zur Praxis des "gewaltsamen Verschwindenlassens" übergingen, übten sie bis Ende 2003 die soziale Kontrolle über die Kommune aus. "Wir haben das von Anfang an angeprangert", erinnert sich die Rechtsanwältin Adriana Arboleda, Mitglied der Anwaltsorganisation Corporación Jurídica Libertad, aber "niemand hat uns geglaubt, niemand hat uns angehört. Uns wurde vorgeworfen, der juristische Arm der Guerilla zu sein."

Heute, zehn Jahre später, wissen wir etwas mehr über diese Ereignisse, die wir als ein Staatsverbrechen bezeichnen müssen. Die Überlebenden, die Familien der Opfer und selbst einige ehemalige Paramilitärs haben bestätigt, dass viele der "Verschwundenen" an einem Ort namens La Escombrera verscharrt wurden – einer Mülldeponie, die sich zu je 50 Prozent in öffentlicher und privater Hand befindet, sich im höher gelegenen Teil der Comuna 13 über 15 Hektar erstreckt und an das Viertel El Salao sowie die Gemeinde San Cristóbal angrenzt. "Unsere Anwaltsorganisation" fährt Adriana Arboleda fort, "hat 92 Fälle von Verschwundenen registriert". "So viele Fälle in so kurzer Zeit hat es in einer urbanen Region noch nie gegeben. Die tatsächliche Anzahl ist jedoch noch viel erschreckender…"

Im Dezember 2002, zwei Monate nach der Operation "Orion", wurde auf Initiative von Präsident Uribe der Pakt von Ralito unterzeichnet, der die erste Etappe der Rückkehr der Paramilitärs ins Zivilleben darstellte und im Juli 2005 in dem umstrittenen "Gesetz für Gerechtigkeit und Frieden" gipfelte, das den Paramilitärs eine fast vollständige Straflosigkeit garantierte. Als erste Gruppierung entwaffnete sich am 25. November 2003, bereits vor der Verabschiedung des Gesetzes, eben jener Bloque Cacique Nutibara. Deren Anführer, "Don Berna", der einst wichtigste Drogenhändler der Landeshauptstadt Medellín, wo er auch für andere verbrecherische Handlungen wie Entführungen und Erpressungen verantwortlich zeichnete, wurde 2008 wegen Drogenhandels an die USA ausgeliefert. Dort bestätigte er, dass sich die Leichen von 300 Opfern, verteilt über rund einhundert Gräber, in La Escombrera befinden. Er gab außerdem an, dass die Operation "Orion" von Paramilitärs und Mitgliedern der IV. Brigade gemeinsam geplant und koordiniert wurde. Befehligt wurde die IV. Brigade zu jenem Zeitpunkt von General Mario Montoya, der später von Präsident Uribe zum Oberkommandierenden der kolumbianischen Armee ernannt wurde.3

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Ende 2009 lebte diese Vergangenheit wieder auf, als die Stadtverwaltung von Medellín unter dem Druck der Familien der Opfer sowie den sie unterstützenden NGOen zwei Vereinbarungen unterzeichnete, um den Fall aufzuklären: einerseits mit peruanischen, guatemaltekischen und argentinischen Anthropologen sowie andererseits mit der Universität von Antioquia. Damit beauftragt, über die Realisierbarkeit eventueller Exhumierungen zu entscheiden, warfen die ausländischen Anthropologen jedoch bald das Handtuch. Sie hielten sie für nicht durchführbar. "Derartige Untersuchungen sind eigentlich nur dann sinnvoll, wenn die Anzahl, die Namen und möglichst auch die Herkunft der gesuchten Personen bekannt sind", erklärt Andrea Romero in den Räumen der regionalen Sektion der Nationalen Bewegung für die Opfer von staatlichen Verbrechen (MOVICE) in Antioquia. "Aufgrund der fehlenden Voruntersuchungen lagen all diese Informationen in diesem konkreten Fall jedoch nicht vor, so dass die Gefahr bestand, auf eine große Anzahl Leichen zu stoßen, die nicht zu identifizieren sind und dadurch zum zweiten Mal verschwinden würden."

Mehrere ehemalige Paramilitärs gaben an, über die nötigen Informationen zu verfügen, verweigern jedoch deren Herausgabe. Da die Demobilisierung des Bloque Cacique Nutibara der Ratifizierung des "Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden" vorausgegangen war, profitierten dessen Mitglieder nicht von den in diesem Gesetz gewährten Garantien der Straflosigkeit. Deshalb laufen sie, wenn sie reden, Gefahr, strafrechtlich verfolgt zu werden.

Seit dem Jahr 2010 ist in dem Fall nichts geschehen. Empört über derartige Untätigkeit fordern Opfer und NGOen mit Nachdruck die sofortige Schließung von La Escombrera. Auf dieser Mülldeponie mit einer Mülldecke von 70 Metern landet jeden Tag neuer Abfall, darunter auch viele Chemikalien, welche die Ergebnisse eventueller zukünftiger Untersuchung verfälschen könnten, Untersuchungen, die mit jedem Tag ein wenig unwahrscheinlicher werden …

Das neue Medellín

Neu errichtete Gebäude mit geometrischen Formen, luxuriöse Konstruktionen aus Glas und Metall, beleuchtet von einer Vielzahl von Werbeflächen: Medellín geht es Ende 2012 gut. Politiker des gewohnten Spektrums mit ihren vorgefertigten Floskeln verkaufen die Stadt als dynamische Metropole und kommerzielles Zentrum an der Spitze des Fortschritts, gefüllt mit Touristen, die über die Plaza Botero flanieren. So als wären die traurigen Zeiten des Drogenkartells und der Paracos für immer vorüber.

Im Jahr 2005 verließen die Paramilitärs in ihren Fahrzeugen die Comuna 13 – zwecks Demobilisierung. Wenige Tage später kehrten sie, zivil gekleidet, in denselben Wagen zurück, um das Viertel weiterhin zu kontrollieren. Ähnlich verlief es überall in der Stadt sowie in zahlreichen Regionen des Landes, wo inzwischen die von der Regierung so genannten "neuen kriminellen Banden" (BACRIM) mit den gleichen Methoden wie in der Vergangenheit operieren. Im Zentrum Medellíns, in den Fußgängerzonen, Einkaufszentren und auf den öffentlichen Plätzen wimmelt es von uniformierten Wachleuten privater Sicherheitsfirmen: in ihrer Mehrheit "resozialisierte" Paramilitärs.

Als "Don Berna" im Jahr 2008 an die USA ausgeliefert wurde, organisierten die Transportunternehmen einiger Stadtviertel einen Streik, mit dem sie den Busverkehr lahm legten – mit Zustimmung der Stadtverwaltung. Und die Menschenrechtsverletzungen gehen weiter. "Zweifelsohne gab es zwischen 2004 und 2006 einen Rückgang der Übergriffe: Die Paramilitärs wollten sich legitimieren und zeigen, dass sie die Kriminalitätsraten senken können." Allerdings stiegen die Zahlen ab 2009 wieder an. Teilweise auch deshalb, weil sich die Wölfe gegenseitig fressen.

Nachdem "Don Berna" die Mafia-Szene verlassen hatte, stieg das unter dem Namen Oficina de Envigado bekannt gewordene Drogenkartell auf, das ursprünglich aus einem Anfang der achtziger Jahre von Pablo Escobar geschaffenen Netz von Auftragskillern hervorging. Einige seiner Mitglieder bildeten mit Los Paisas eine neue Gruppierung. Seit 2011 macht ihnen mit Los Urabeños eine weitere Bande die Stadtviertel streitig, indem sie jedem Bandenchef 35 Millionen Pesos (rund 15.000 Euro) sowie ein Arsenal von selten weniger als sechs Sturmgewehren anbieten, um sich deren Loyalität zu erkaufen. Carlos Pesebre, dem jetzigen Chef der Urabeños und in der Operation "Orion" bekennender und wichtigster Informant der Armee, hat bereits mehrere "Combos"4 in seinem Dienst. In Zeiten der Spannung, die mit der Aufteilung der Einflusszonen einhergehen, bekämpfen sich all diese Gruppierungen gegenseitig, bis sich dann wieder ein Klima gespannten Friedens einstellt.5

Bei diesen Machtkämpfen geht es um sehr konkrete Interessen: die Kontrolle des Drogenhandels und –verkaufs, der Prostitution, der sexuellen Ausbeutung Minderjähriger, der Schutzgelderpressungen und des Kleinhandels. In vielen Vierteln gehen die Combos sogar in die Geschäfte, die mit Maisfladen, Eiern, Huhn und Milch handeln, zwingen die Besitzer zum Verkauf ihrer eigenen Waren und verbieten den Verkauf anderer Produkte.

Paramlitärs und lokale Eliten

Auch wenn die Dynamik dieser paramilitärischen Strukturen nicht mehr die gleiche ist wie vor zehn Jahren, so gibt es doch eine Konstante: Gemeinschaftliche und kulturelle Organisationen, kommunale Aktionskomitees sowie deren Aktivisten und Führer werden offen bedroht. Bei vollkommener Straffreiheit? Vielleicht nicht ganz. Die Combos sind inzwischen so mächtig, dass sie die öffentlichen Sicherheitskräfte nicht mehr respektieren und auch nicht davor zurückschrecken, Polizisten umzubringen. Stattdessen ergriffen sie am 8. August 2012 den letzten bekannten Chef der Oficina de Envigado, Erickson Vargas Cardona alias "Sebastián". Es liegt auf der Hand, dass die Paramilitärs nicht im gleichen Maße verfolgt werden wie die Guerilla-Gruppen. "Es ist wichtig klarzustellen, dass hinter den kriminellen Akteuren Personen stehen, die sehr viel Macht haben, Unternehmer, Politiker und Geschäftsleute, so dass diese Strukturen trotz der Festnahmen nicht ins Wanken geraten."

Tatsächlich sind zwei eigentümliche Phänomene zu beobachten: Mit seinen Einkaufszentren, Theatern und Museen, der Metro und zwei Kongresszentren ist Medellín stolz darauf, im Jahr 2008 die Vollversammlung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), 2009 die der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) sowie 2010 die Südamerikanischen Sportspiele ausgerichtet zu haben und will als Metropole auch in Zukunft Gastgeber solcher Großevents sein. "In diesen Zeiten geschieht nicht ein einziger Mord! Wie ist das zu erklären? Keine einzige Auseinandersetzung! Einen Tag danach tritt die Gewalt wieder an allen Ecken zutage …" Einige haben dafür eine Erklärung: Ihr Entgegenkommen unter Beweis stellend, schreckt die Regierung nicht davor zurück, als Gegenleistung für die soziale Kontrolle der Stadtviertel im Geheimen mit den kriminellen Strukturen zu paktieren. "Abgesehen davon, dass bestimmte Sektoren des Wirtschaftkonglomerats von Antioquia wie die, in deren Händen sich der Handel und sogar die Stadt selbst befinden, gar kein Interesse daran haben, gegen die Schattenwirtschaft vorzugehen: Schließlich sind es ihre Banken, wo das landet."

Während Regierung und FARC in Havanna versuchen, das Ende des bewaffneten Konflikts auszuhandeln, leben in Kolumbien selbst seit 2010 die sozialen Bewegungen wieder auf. Insbesondere seit die noch junge Sammlungsbewegung Patriotischer Marsch (MP) am 23. April 2012 auf der Plaza de Bolívar in Bogotá 80.000 Menschen zusammenführte. Zu einem noch größeren Erfolg wurde eine nationale Mobilisierung mit der Forderung nach einem Frieden "mit sozialer Gerechtigkeit" und strukturellen Reformen, an deren Anfang eine Agrarreform stehen müsse, bei der am 12. Oktober 350.000 "Empörte" auf die Straße gingen. Es dauerte nicht lange, da war von Verteidigungsminister General Juan Carlos Pinzón sowie vom Vorsitzenden des Kolumbianischen Verbandes der Viehzüchter (FEDEGAN), José Félix Lafaurie, und begleitet von einem breiten Medienecho, der Vorwurf zu hören, die MP würde von den "Terroristen" der FARC finanziert. In einem Land, wo die Opposition, auch wenn sie friedlich war, systematisch massakriert wurde, bereiten derartige Aussagen starke Kopfschmerzen.

Die Lage in der Comuna 13 von Medellín gilt weiterhin als kritisch. Der stille Krieg von Mafia und Banden geht weiter. Weil er sich mit seinen kulturellen Aktivitäten der paramilitärischen Ordnung entzogen hatte, wurde der Rap-Sänger Elider Varela alias "El Duke", am 30. Oktober ermordet. Der 17-jährige Robert Steven Barrera, Mitglied der Rap-Gruppe Alto Rango erlitt am 9. November das gleiche Schicksal. Rund einhundert Jugendliche, die den Musikerkollektiven Son Batá und Red Hip Hop La Elite angehören, werden bedroht. Im Stadtzentrum verzieht ein Mitglied des Patriotischen Marsches ungewollt das Gesicht: "Wir befinden uns in einem Land, in einer Stadt, wo wir jeden Tag schreckliche Dinge erleben. Sie töten nicht mehr die ganze Gemeinde, sondern eine einzelne Person, so dass jeder weiß, was ihm zustoßen könnte. Die Angst lähmt die Gefühle und Handlungen und beeinträchtigt die offene politische Arbeit. Der Kampf um Veränderungen ist nach wie vor gefährlich".


Maurice Lemoine arbeitet für die Organisation Mémoire de Luttes und veröffentlicht als Journalist seit 1997 regelmäßig Analysen und Reportagen über Lateinamerika in der Le monde diplomatique. Dieser Text wurde von Natalie Krugiolka übersetzt aus der spanischen Version.

  • 1. Die Comuna 13 ist eine von 16 Gemeinden Medellíns, zu der wiederum fünf kleinere ländliche Gemeinden (corregimientos) gehören.
  • 2. Umgangssprachlich für Paramilitär
  • 3. General Mario Montoya trat im November 2008 zurück, als im Falsos Positivos-Skandal aufgedeckt wurde, dass das Militär Zivilpersonen getötet und als im Kampf gefallene Guerilleros ausgegeben hatte.
  • 4. Als "combo" wird traditionell eine Gruppe von Freunden bezeichnet, die sich gewöhnlich in einem bestimmten Straßenabschnitt treffen, in Abgrenzung von dem Begriff "Banden", mit dem organisierte Gruppen von Verbrechern bezeichnet werden.
  • 5. Im Jahr 2009 beklagte Medellín 2.186 Tote, 2011 waren es 1.651 und 2012 (Januar – Ende Oktober) 1.064. (Angaben aus der Wochenzeitschrift "Semana", Bogotá, 12. November 2012)
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