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Öl und Rinder

Die Beziehungen zwischen Argentinien und der Sowjetunion und der Kampf um das argentinische Erdöl während der Etapa Radical (1916-1930)
Hipólito Yrigoyen (1852 – 1933), Präsident Argentiniens von 1916 bis 1922 und 1928 bis 1930

Hipólito Yrigoyen (1852 – 1933), Präsident Argentiniens von 1916 bis 1922 und 1928 bis 1930

Bereits vor einem Jahrhundert versuchten verschiedene argentinische Regierungen, ihr Land aus der von Großbritannien und den USA dominierten Weltwirtschaftsordnung etwas herauszulösen und die Souveränität über bedeutende Rohstoffe zu erlangen. Eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielte dabei auch Sowjetrussland respektive ab 1922 die Sowjetunion. Durch den Aufbau des Realsozialismus in diesem Land und die sowjetische Nichtanerkennung der Kredite des zaristischen Russlands hatte dieses Land mit der damaligen etablierten globalen ökonomischen Ordnung gebrochen. In Argentinien fielen langfristige Entwicklungen mit dieser neuen Konstellation der internationalen Beziehungen zusammen.

Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für alle nicht eingewanderten Männer durch das 1912 verabschiedete Sáenz-Peña-Gesetz öffnete der Unión Cívica Radical (UCR, Radikale Bürgerunion) unter Hipólito Yrigoyen den Weg zu ihrem ersten Wahlsieg im Jahr 1916. Die Epoche der konservativen Regierungen Argentiniens fand somit ihr Ende. Die von Teilen des Mittelstandes getragenen und erstmals an die Regierung gekommenen Radikalen setzten sich gegen den Klassenkampf, für einen Ausgleich der sozialen Interessen der verschiedenen Gesellschaftsschichten des Landes und die Bekämpfung der Armut ein. Die erste radikale Regierung führte beispielsweise erstmals einen Mindestlohn ein1. Außenpolitisch verfolgte die neue Regierung hingegen zunächst einen Kontinuitätskurs und bewahrte die argentinische Neutralitätspolitik im Ersten Weltkrieg.

Zu einer der bedeutendsten innen- und außenpolitischen Fragen der Etapa Radical (1916-1930) entwickelte sich der politische Streit um das argentinische Erdölwesen. Nach dem ersten Fund von Erdöl im Jahr 1907 hatte die damalige argentinische Regierung einen staatlichen Erdölkonzern gegründet. Während der Etapa Radical, um genau zu sein im Jahr 1922, wurde dieser umstrukturiert und die YPF (Dirección General de Yacimientos Petrolíferos Fiscales) entstand. Die YPF war die erste Erdölgesellschaft ihrer Art in der Region – unter anderem inspiriert von dieser folgten Ancap in Uruguay (1931)2, YPFB in Bolivien (1936), Pemex in Mexiko (1938), Enap in Chile (1950) und Petrobras in Brasilien (1953).

Den außenpolitischen und internationalen politisch-ökonomischen Hintergrund der neu an die Regierung gelangten radikalen Politik bildete der Niedergang des britischen Empires. Mit diesem veränderte sich auch der Handel zwischen Argentinien und äußeren Mächten – neben Großbritannien wurden die USA der Hauptexporteur in das Land am Río de la Plata3. Die traditionell an London angelehnten argentinischen Politikeliten verloren unter anderem deswegen an Einfluss. Die Handelsbilanz zwischen den USA und Argentinien entwickelte sich jedoch für das südamerikanische Land äußerst ungünstig, die Exporte in den Norden konnten mit den Importen in die Vereinigten Staaten bei weitem nicht mithalten. Hinzu kam das aggressive Verhalten nordamerikanischer Konzerne auf dem argentinischen Markt. Vor allem dieser Aspekt führte zu einer "Anti-Yankee-Stimmung" im Land am Río de la Plata4.

Die Beziehungen zur Sowjetmacht hingegen stockten. Auf der diplomatischen Ebene herrschte zwischen Moskau und Buenos Aires während der gesamten Etapa Radical eine Eiszeit. Mit der Oktoberrevolution hatte Argentinien seine diplomatischen Beziehungen mit der damaligen russischen Hauptstadt Petrograd abgebrochen. Gemeinsam mit den Regierungen Brasiliens und Chiles vertraten die radikalen Regierungen Argentiniens eine Blockadehaltung: Die Sowjetunion solle ihre Propaganda gegen die herrschende soziale Ordnung in diesen Ländern einstellen und die Kontakte zur Dritten Internationale abbrechen, verlangte dieser südamerikanische Block5. Die Regierung Persiens übernahm derweil die diplomatische Vertretung Argentiniens in Moskau6.

Da Yrigoyen mit seiner populistischen Politikrichtung Teile des Senats verschreckte, verlor er an Einfluss innerhalb der Radikalen. Sein Parteikollege Marcelo Torcuato de Alvear, der manche Aspekte der Yrigoyen-Politik abgelehnt hatte, löste Yrigoyen im Jahr 1922 ab. Torcuato de Alvear gehörte zur Aristokratie von Buenos Aires und zeigte dies auch gerne in der Öffentlichkeit.

Im Dezember 1925 eröffnete YPF ihre erste Ölraffinerie, die wenig mehr als ein Jahr später die volle Produktivität erreichte. Dies veränderte den argentinischen Ölmarkt auf grundlegende Weise7. Die Gesellschaft wurde auch zu einem wichtigen Arbeitgeber im Land, 1930 hatte YPF bereits 6.380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter8. Die Erdölfrage erlangte eine immer größere politische Bedeutung.

Hinzu kamen die Änderungen in der Weltwirtschaft und ihre Auswirkungen auf Argentinien. Im Jahr 1926 eröffnete die sowjetische Handelsgesellschaft Judschkamtorg ihr erstes Büro in Buenos Aires. Schon in den ersten beiden Jahren kaufte diese sowjetische Gesellschaft immer mehr argentinische Produkte ein, vor allem Häute, Wolle und Extrakte aus den vor allem in Argentinien beheimateten besonders dichten Quebracho-Bäumen, auch bekannt als "Axtbrecher"9. Die sowjetische Handelsgesellschaft heuerte den radikalen Präsidenten der Abgeordnetenkammer als ihren Anwalt an, was den Sowjets weitere Türen geöffnet haben dürfte10.

Die Devisen für den Handel mit Argentinien hatte unter anderem der sowjetische Erdölexport gebracht. Der Fall des Erdölpreises 1926 und 1927 fiel nämlich zusammen mit dem Auftauchen eines neuen Spielers auf dem internationalen Erdölmarkt – der Sowjetunion. Der realsozialistische Staat exportierte bereits 1927 mehr als 3,2 Millionen Kubikmeter Erdöl. Dies führte zu einem Preiskampf in Britisch-Indien und erschütterte den etablierten globalen Erdölmarkt11.

Der Anwalt und Intellektuelle Dr. Arturo Orzábal Quintana gründete gemeinsam mit dem YPF-Generalsekretär Mosconi im Jahr 1927 die "Alianza Continental" (Kontinentale Allianz), die sich gegen den ausländischen, vor allem US-amerikanischen, wirtschaftlichen Imperialismus stellte12. Ihr gelang es, vor allem Studenten und Intellektuelle zu mobilisieren. Orzábal Quintana reiste bereits im Gründungsjahr der Vereinigung für zwei Monate in die Sowjetunion und studierte die dortige Ölwirtschaft. Die radikalen Einstellungen der "Alianza Continental" führten dazu, dass US-Diplomaten im Land der Auffassung waren, dass sie eine Vorfeldorganisation der Kommunisten des Landes sowie ein Instrument der Kommunistischen Internationale sei. Aufgrund der strikten antikommunistischen Haltung von führenden YPF-Verwaltern gilt dies jedoch als unrealistisch13.

Ab dem Jahr 1927 setzte sich Hipólito Yrigoyen erstmals offensiv für die Nationalisierung der Erdölwirtschaft ein. Gemeinsam mit den Unabhängigen Sozialisten gelang es ihm im selben Jahr im Parlament das staatliche Monopol im Erdölwesen zu beschließen14. 1928 als Präsident zurückgekehrt forcierte Yrigoyen mit seiner Regierung den Transfer der Kompetenzen in der Ölwirtschaft von den Provinzen auf die gesamtstaatliche Ebene. YPF sollte die Kontrolle über die gesamte argentinische Ölwirtschaft erlangen15. Die Nationalisierungsbestrebungen der argentinischen Politiker richteten sich vor allem gegen Standard Oil aus New Jersey, die als eine von vielen nordamerikanischen und westeuropäischen Gesellschaften am Nachkriegsölboom teilgenommen hatte und wesentliche Filetstücke der argentinischen Erdölkonzessionen erwerben konnte16. Das nordamerikanische Unternehmen hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts Rohöl aus den USA nach Argentinien exportiert und in dortigen Raffinerien für den argentinischen Markt verarbeitet17.

Im Jahr 1929 begann YPF mit dem Import sowjetischem Öls unter dem Weltmarktpreis und trotz fehlender diplomatischer Beziehungen verhandelte die Yrigoyen-Regierung Ende der 1920er Jahre über ein Handels- und Kreditabkommen mit Moskau18.Die nordamerikanischen und westeuropäischen Erdölkonzerne kritisierten den sowjetischen Erdölexport nach Argentinien als "Dumping", mussten jedoch dem niedrigeren sowjetischen Preis nachgeben. Der Generaldirektor von YPF, General Enrique Mosconi, plante außerdem, sowjetisches Öl gegen argentinische Landwirtschaftsprodukte zu tauschen19. Eine Kampagne gegen diese Pläne fand ihre Unterstützung durch internationale Konzerne20.

Diese Pläne der Radikalen fanden jedoch ihr Ende mit dem gewaltlosen Putsch unter der Führung des rechten Generals José Félix Uriburu am 6. September 1930. Mit diesem gelang zum ersten Mal die rechte argentinische Nacionalismo-Bewegung an die Regierung. Uriburu und seine Anhänger vertraten traditionalistische Interessen und wandten sich offensiv gegen den populistischen und Mittelklassecharakter der Politik der Radikalen Partei21. Der neue Staat sollte ein korporatistischer und autoritärer werden. Teilweise hatten die Generäle auch pro-faschistische Tendenzen.

Auch nach dem Putsch versuchte die sowjetische Handelsgesellschaft Judschkamtorg auf die neue Situation mit Pragmatismus zu reagieren und bot der neuen argentinischen Regierung ein Tauschgeschäft (Barter) von sowjetischem Öl gegen argentinische Baumwolle, Häute und Vieh. Solch eine Vereinbarung wäre für die argentinische Seite von großem Vorteil gewesen, da Moskau einen Erdölpreis unter dem des Weltmarktes angesetzt hatte. Doch die neue Regierung von General Uriburu lehnte den Handel ab. Grund dafür dürften sowohl seine antikommunistische Grundhaltung, die Sorge um die argentinische Erdölwirtschaft sowie Druck von interessierten britischen und nordamerikanischen Kreisen gewesen sein. Ende Juli 1931 durchsuchte die Polizei von Buenos Aires die Räumlichkeiten von Judschkamtorg und nahm alle anwesenden Mitarbeiter fest. Das Büro wurde geschlossen und auch die inoffiziellen Beziehungen zwischen Argentinien und der Sowjetunion fanden ihr Ende22. Dies sollte sich auch während der folgenden Década Infame (1930-1943) nicht ändern. Der argentinisch-sowjetische Handel fiel auf ein Minimum23. Das radikale Experiment und die Phase der engeren argentinisch-sowjetischen Beziehungen hatten endgültig ihr Ende gefunden.

  • 1. Harold E. Davis: Hipolito Yrigoyen (1852-1933): The Argentine Man of Mystery, in: World Affairs, Jg. 110 (1947), Nr. 4, S. 275-282 (hier: S. 281)
  • 2. Ancap wurde auf Initiative des uruguayischen Industrieministers Edmundo Castillo gegründet, der von General Enrique Mosconi bei einem Treffen im Jahr 1929 dazu ermutigt worden war
  • 3. Joel Horowitz: Argentina's Radical Party and Popular Mobilization, 1916-1930, University Park 2008, S. 21
  • 4. Daniel J. Greenberg: From Confrontation to Alliance: Peronist Argentina's Diplomacy with the United States, 1945-1951, in: Canadian Journal of Latin American and Caribbean Studies, Jg. 12 (1987), Nr. 24, S. 1-23 (hier: S. 3)
  • 5. Mario Rapoport: Argentina and the Soviet Union: History of Political and Commercial Relations (1917-1955), in: The Hispanic American Historical Review, Jg. 66 (1986), Nr. 2, S. 239-285 (hier: S. 242)
  • 6. Ebenda, S. 241
  • 7. George Philip: Oil and Politics in Latin America: Nationalist Movements and State Companies, Cambridge 1982, S. 169
  • 8. Horowitz: Argentina's Radical Party and Popular Mobilization, 1916-1930, S. 88
  • 9. Horowitz: Argentina's Radical Party and Popular Mobilization, 1916-1930, S. 88
  • 10. Discreet partners Argentina and the USSR since 1917, Pittsburgh 1984, S. 4
  • 11. Carl Solberg: Oil and Nationalism in Argentina: A History, Stanford 1979, S. 136
  • 12. Ebenda, S. 141
  • 13. Ebenda
  • 14. Philip: Oil and Politics in Latin America: Nationalist Movements and State Companies, S. 171
  • 15. Robert A. Potash: The Army and Politics in Argentina, 1928-1945: Yrigoyen to Peron, Stanford 1969, S. 52
  • 16. Solberg: Oil and Nationalism in Argentina,  S. 51
  • 17. John Wirth: The Oil Business in Latin America: The early Years, Washington 2001, S. 1
  • 18. Potash: The Army and Politics in Argentina, 1928-1945, S. 52 sowie Solberg: Oil and Nationalism in Argentina, S. 137
  • 19. Solberg: Oil and Nationalism in Argentina, S. 137
  • 20. Rapoport: Argentina and the Soviet Union: History of Political and Commercial Relations (1917-1955), S. 243
  • 21. Solberg: Oil and Nationalism in Argentina, S. 137
  • 22. Discreet partners Argentina and the USSR since 1917, S. 6
  • 23. Rapoport: Argentina and the Soviet Union: History of Political and Commercial Relations (1917-1955), S. 244
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